Wir machten das Lager so gemütlich, wie es die Umstände erlaubten. Der weiße Filzteppich, auf welchem mein Bett ausgebreitet zu werden pflegte, wurde in ein improvisiertes, mit ein paar Tamariskenzweigen gestütztes Zelt verwandelt, das uns Schutz gegen den Sturm gewährte, der den ganzen Tag tobte. Auf der vor dem Winde geschützten Seite hatte ich ein gewaltiges Feuer. Die Leute kampierten auf dieselbe Weise. Während ich den Tag lesend auf meinem sandbedeckten Bette verbrachte, tränkten sie die Kamele, was geraume Zeit in Anspruch nahm.

Das während der Nacht hervorgesickerte Wasser war am Morgen gefroren, und die ausgegrabene Erde war steinhart. Aus den Stangen eines Packsattels wurde eine Leiter gemacht, die bis auf den Boden der Grube reichte, wo Ördek die Eimer mit einer Schale allmählich füllte. Die Kamele tranken nicht weniger als je neun Eimer, zwei von ihnen sogar elf, und man sah sie förmlich anschwellen, während sie sich die Flüssigkeit einverleibten. Ihre Stimmung veränderte sich sichtlich. Sie wurden munter, spielten miteinander, liefen umher und grasten dann tüchtig in dem spärlichen Schilfe.

Der letzte Tag des neunzehnten Jahrhunderts sah am Morgen, als es noch dunkel war, recht vielversprechend aus; ich sah die Sterne auf das Biwak herabfunkeln, wo die Tamarisken sich auf ihren Kegeln gespensterhaft erhoben. Als wir uns aber zum Aufbruch rüsteten, war das Wetter wieder ebenso unfreundlich wie gewöhnlich. Klare, ruhige Nächte und wolkenschwere, windige Tage charakterisieren den Winter und halten die Kälte an der Erdoberfläche fest.

Heute bedeckte sich die Karawane mit Ruhm; sie legte 24,3 Kilometer zurück, die längste Tagereise auf dem ganzen Wüstenzuge.

In den Bajiren Nr. 34, 35 und 36 kam andauernd Vegetation vor, aber die Tamarisken standen dort zerstreuter. Von dem Grenzpasse der letzten Mulde scheint sich eine Bajir nach Südosten zu erstrecken; sie lag aber nicht auf unserem Wege und wurde links liegen gelassen. Ich merkte allerdings, daß es eine Enttäuschung für die Leute war, sie nicht benutzen zu dürfen, sondern nach Südsüdwest abbiegen und einen hohen Paß erklettern zu müssen, doch ihre Überraschung war ebenso groß wie die meine, als wir von der Höhe herab die Bajir Nr. 37 erblickten, die groß, breit und offen wie ein Feld war und nicht mehr den Eindruck einer geschlossenen Arena machte. Der sie im Süden begrenzende Paß sah aus wie eine sehr niedrige Schwelle, und hinter ihm erhob sich kein Sand mehr, was ich der bedeutenden Entfernung und der unklaren Luft zuschrieb. Als wir diese Schwelle endlich überschritten hatten, zeigte sich vor uns die Depression Nr. 38 ebenso groß und offen. Es war herrlich; eine unsichtbare Hand schien eine Riesenfurche durch den Wüstensand gepflügt zu haben, um der Karawane den Weg zu bahnen.

Wir lagerten vorn in der Mulde, wo wir reichlich Brennholz fanden. Islam wollte uns von der letzten Kamellast Holz befreien, aber Turdu Bai, der ein vorsichtiger General war, schlug vor, sie noch eine Tagereise weit mitzunehmen, eine kluge, verständige Rede.

So ließen wir uns denn in dieser wunderbaren Neujahrsnacht in Ruhe und Frieden an zwei großen Feuern nieder in einer Gegend, die so still und ungestört war, daß nicht einmal die Stille eines weit abseits vom Wege liegenden vergessenen Grabes ihr darin gleichkam. Unsere Freunde wußten nicht, wo wir waren, und in Tura-sallgan-ui waren sie ganz gewiß in Aufregung über unser Schicksal, um so mehr, als ihre Phantasie durch Islams haarsträubende Beschreibungen über unseren früheren Wüstenzug und Parpi Bais Schilderung unserer ersten Wüstentage schon erhitzt worden war. Auch die Kosaken hatten während der Rekognoszierung gesehen, wie es dort aussah, und gestanden nachher, sie hätten gefürchtet, daß der Sand uns auf allen Seiten den Weg versperren werde und wir von unserem eigenen Mute verurteilt seien, vor Durst, Müdigkeit und Kälte umzukommen. Meine vier Begleiter sagten diesen Abend, daß sie erst jetzt, nun wir in sicheres, eine Küste anzeigendes Fahrwasser gekommen, von ihrer Unruhe befreit seien; sie konnten aber nicht begreifen, wie ich die Entfernung nach Tatran mit solcher Sicherheit zu beurteilen imstande war. Sie glaubten entschieden, daß meine Versicherungen und Versprechungen eigentlich nur wohlwollende Versuche seien, sie zu beruhigen.

Und nun ging die Sonne in diesem Jahrhundert zum letztenmal unter — das konnte man nur daran sehen, daß der trübe, neblige Tag in nächtliche Schatten überging, die das erste Morgenrot des zwanzigsten Jahrhunderts verjagen sollte.

Wenn der erste Tag eines neuen Jahres oder noch mehr der eines neuen Jahrhunderts eine Vorbedeutung enthalten oder ein Wahrzeichen zukünftiger Dinge sein soll, so sah die Zukunft an diesem 1. Januar 1900 für uns in Wahrheit düster aus. Der Himmel war in ein schwarzes Trauergewand gehüllt, und von Morgenrot war nichts zu sehen. Die Temperatur ging um 7 Uhr jedoch bis −15 Grad hinauf, und als ich aufstand und mich ankleidete, befand ich mich dank dem großen Feuer in einem noch gemäßigteren Klima.

Das einzige, was die Neujahrsstimmung hob, war, daß unsere 38. Bajir sich vor uns bis ins Unendliche hinzog, und leichten Schrittes zogen wir in ihrer Mitte dahin. Die Leute hegten sogar die eitle Hoffnung, dies sei der Anfang der Steppen, die sich am Ufer des Tschertschen-darja ausdehnen. Die Vegetation wurde jedoch magerer, nur hie und da ein Grasbüschelchen, einige Schilfstengel oder eine Tamariske, und zwischen kleinen Löchern in dem hier mit Sand untermischten Boden huschten Feldmäuse, von den Muselmännern „Säghisghan“ genannt, hin und her.