75. Der Teich bei Kurbantschik. ([S. 204.])

Von dem Gipfel einer Düne aus machte ich eine erfreuliche Entdeckung. Als ich den fernen südlichen Horizont mit dem Fernglase musterte, fiel mir etwas auf, das sich gegen den Schnee wie schwarze Baumstümpfe abhob und nichts anderes sein konnte als toter Wald. Die Stelle lag etwas aus unserem Wege, gegen Südost, aber ich ließ die Karawane nichtsdestoweniger dorthin ziehen, und wir schlugen am Abend unser Lager unter Massen von abgestorbenen, verdorrten Pappelstämmen auf.

Mit vermehrter Lebenslust und frischem Mute gingen die Leute an die Arbeit. Sie schaufelten den Schnee fort und ließen die Äxte zwischen den Tograkbäumen tanzen, so daß wir bald ganze Stöße von Brennholz hatten. Ein unmittelbar neben dem Lager stehender Stamm war zum Fällen zu dick; er wurde deshalb, so wie er war, in Brand gesteckt und beleuchtete wie eine Riesenfackel das weiße Leichentuch der Wüste. Quer über mein Feuer wurde eine hohle Pappel gelegt, durch welche die Flammen wie durch ein Rohr leckten. Sie glühte, krachte, wurde von innen erleuchtet und glänzte wie Rubine, bis die Rinde platzte und sich wie in Verzweiflung unter der rasenden Gewalt des losgelassenen Elementes wand. Gewaltige Rauchsäulen stiegen zum Monde empor, der jetzt seit langer Zeit zum ersten Male wieder aus seinem Wolkenversteck hervortrat. Meine Leute überlisteten diesen Abend die nächtliche Kälte; sie schaufelten Gruben in den Sand, füllten sie mit glühenden Holzkohlen, schütteten sie wieder zu und legten sich dann darauf nieder. Die Kamele haben seit zwei Tagen kein Futter erhalten, und die Hunde bekommen nur Brot.

Am 8. Januar sollten wir aus der Macht der Wüste befreit werden. Als wir aufbrachen, sagte ich den Leuten, daß sie diese Nacht am Ufer des Tschertschen-darja schlafen würden. Wir nahmen kein Brennholz mit, da wir vor uns überall dürre Stämme sahen, doch sie wurden immer vereinzelter, und bei dem letzten, wo der hohe Sand wieder anfing, beluden wir ein Kamel mit Holz.

Als wir den Gipfelpunkt eines dominierenden Dünenkammes erreicht hatten, zeigte sich im Südosten das erste Anzeichen des ersehnten Zieles: eine dunkle Linie am Horizont, die sich scharf gegen die ewige, weiße Schneedecke abhob. Das mußte der Waldgürtel am Tschertschen-darja sein!

Nachdem wir noch eine Stunde marschiert, gelangten wir an die ersten Tamariskenkegel; ihre Grenze war außerordentlich scharf, kein einziger Strauch überschritt sie, und der Sand, dessen letzte Abhänge langsam nach dem Vegetationsgürtel abfielen, hörte ebenso plötzlich auf. Nun zogen wir in ein vollständiges Labyrinth von Tamarisken hinein; sie standen so dicht, daß zwischen ihnen nur schmale, gewundene Gänge waren; auf diesen zwängten wir uns in unzähligen Zickzackbiegungen durch, wobei die Kamellasten so dicht an den trockenen Zweigen vorbeischrammten, daß diese krachten.

Die Leute wollten gern in einem Haine von uralten Pappeln bleiben, wo alles, dessen wir bedurften, im Überfluß vorhanden war; ich gab ihnen jedoch die Versicherung, daß, wenn sie sich noch eine Weile geduldeten, wir am Flußufer selbst lagern würden. Nach einer Viertelstunde erreichten wir auch den Weg, der von Tschertschen nach dem Lop führt und auf dem wir im Schnee frische Spuren von Kühen und Schafen erblickten. Wir folgten diesem Wege eine Strecke, bis er das Flußufer berührte, und schlugen hier auf einem kleinen Hügel, von dem wir die schneebedeckte, 100 Meter breite, in dem Rahmen der dunkeln Uferwälder kreideweiß erscheinende Eisdecke des Tschertschen-darja überschauen konnten, das Lager auf. Es war sehr angenehm, am Fuße dieser gewaltigen Bäume rasten und die schöne Aussicht genießen zu können. Die Berge zeichneten sich scharf und deutlich ab, und der Schnee glitzerte im Mondschein. Am allerbesten war es jedoch, daß unsere sechs Kamele und das Pferd sich jetzt in die Schilffelder vertiefen konnten, nachdem sie die Probe so rühmlich bestanden hatten. Meine Leute waren verwundert, daß ich die Entfernung fast bis auf eine „gulatsch“ (Klafter) hatte berechnen können, und erklärten, daß sie mir jetzt überallhin folgen würden, ohne sich auch nur einen Moment zu bedenken.

Der Punkt, an dem wir den Fluß erreichten, liegt nach meiner früheren Karte (Petermanns Mitteilungen Ergänzungsheft Nr. 131) 285 Kilometer von dem Punkte entfernt, an dem wir den Tarim beim Tana-bagladi verlassen hatten. Nach dem jetzt aufgenommenen Bestecke betrug die Entfernung 284,5 Kilometer. Eine größere Genauigkeit kann man bei solchem Terrain nicht verlangen.

Es war mir also gelungen, die große, breite Tschertschen-Wüste zu durchqueren, und zwar ohne weitere Verluste als den eines Kameles und ohne die übrigen, die noch wohlbeleibt waren, zu überanstrengen. Den höchsten Sand hatten wir im Norden gehabt, den schwersten aber im Süden, wo sich die Dünen auf keine Weise hatten umgehen lassen. Daß alles so gut gegangen, hatte seinen Grund in dem unerwarteten Vorkommen von Mulden, die etwa zwei Drittel des Weges ausmachten, sowie darin, daß wir mitten in der Wüste Wasser, Brennholz und Kamisch gefunden hatten. In einer älteren Auflage der Karte des russischen Generalstabs über die südlich von der sibirischen Grenze liegenden Gebiete hatte ich einen Weg eingetragen gefunden, der diese Wüste von Tatran nach einem Punkte im Westen von Karaul kreuzt. Diese Angabe, die wohl begründet sein mußte, hatte mich zuerst auf den Gedanken gebracht, diese gefährliche, lange Wüstenwanderung zu versuchen, und ich halte es jetzt nicht für unmöglich, daß ein solcher Weg früher wirklich hat vorhanden sein können.

Die Kamele verdienten einen ganzen freien Tag in den üppigen Kamischfeldern; dies traf sich auch insofern gut, als ich eine astronomische Beobachtung machen mußte, die den ganzen Tag und Abend in Anspruch nahm. Die Temperatur erhob sich nicht über −14 Grad, und da es obendrein noch leicht aus Norden wehte, konnte ich mit dem Theodoliten nicht arbeiten, ohne mir zwischen den Ablesungen die Hände am Feuer wieder geschmeidig zu machen. Als ich am Abend bei −25,1 Grad den Sirius observierte, klebten meine Fingerspitzen an dem Instrumente, das sich glühend heiß anfühlte, fest.