Ördek machte sich auf die Suche und fischte wirklich einen von Kopf bis zu Fuß in Schaffelle gehüllten Hirten auf. Dieser war über so unerwartete Gäste in seinem friedlichen Walde ganz verdutzt. Wir wurden aber bald bekannt und gute Freunde; er verkaufte uns ein Schaf, das eine angenehme Abwechslung in unseren Küchenzettel brachte, und erschien abends noch mit einer Kanne Milch für uns. Die ergiebigen Schneefälle der letzten Tage waren für die 400 Schafe, die er und seine beiden Kameraden hüteten, verhängnisvoll geworden; mehrere waren erfroren, und die übrigen hatten nur mit Schwierigkeit an ihre Weide gelangen können. Die Waldgegend nannte er Keng-laika (das breite Überschwemmungsgebiet). Der Fluß war schon 20 Tage zugefroren und würde es noch 2½ Monate bleiben. Der Tschertschen-darja friert also bedeutend später zu als der Tarim, er hat aber auch ein größeres Gefälle und liegt südlicher.
Wir hatten nur noch 7 Kilometer bis Tatran; nach dem Bestecke hätte die Entfernung ungefähr eine Tagereise mehr betragen müssen. Der Unterschied beruht auf der Mißweisung des Kompasses, die in dieser Gegend 6 Grad nach links von der Richtung des Weges ausmacht, d. h. daß man, wenn man nach dem Kompasse z. B. direkt nach Süden zu gehen glaubt, in Wirklichkeit nach Süden 6 Grad Osten geht.
Der 10. und 11. Januar brachten uns auf dem Wege, den ich von meiner vorigen Reise her kannte, nach Tschertschen.
Zu meiner Freude hörte ich, daß Tschertschen vor einem Monate einen Bek erhalten hatte, der kein anderer war als mein alter Freund aus Kapa, Mollah Toktamet Bek. Nach seinem Hause begaben wir uns und wurden dort herzlich empfangen. Er war mit seinen 72 Jahren und seiner aristokratischen Erscheinung noch ganz derselbe sympathische, liebenswürdige Greis wie früher und stellte uns sofort sein Haus zur Verfügung. Ich ließ mich an dem offenen Herde in einem Hinterzimmer nieder, die Leute mit dem Gepäcke in einem vorderen. Dies war das erste von den wenigen Malen, die ich auf der ganzen Reise im innersten Asien unter einem Dach schlief.
Die Einwohnerschaft von Tschertschen war jetzt auf etwa 500 Familien angewachsen. Unter ihnen rasteten wir vom 12. bis zum 15. Januar, denn sowohl die Leute wie die Tiere bedurften der Ruhe. Ich benutzte jedoch die Zeit gut und zog Erkundigungen über die umliegenden Gegenden ein. Unaufhörlich erreichten uns unbestimmte Gerüchte von in der Wüste begrabenen Städten und Schätzen und besonders von einer alten Stadt, die am unteren Andere-terem, 170 Kilometer westlich von Tschertschen, liegen sollte. Doch wie ich auch die Eingeborenen verhörte, bestimmte, zuverlässige Angaben konnte ich nicht erhalten. Sie fürchten, man könne dorthin gehen und all das Gold finden, das ihre Phantasie so freigebig unter den Dünen ausbreitet, zugleich aber glauben sie auch, daß die alte Stadt der Wohnsitz der Wüstengeister sei und nach deren Belieben ihre Lage verändere. Ein Mann erzählte, er habe sich nach dem Andere-terem begeben und dort einen 15 Klafter hohen, zylinderförmigen Turm von blauer Fayence gesehen; dieser habe ihm aber so seltsam und unheimlich ausgesehen, daß er es nicht gewagt, näher heranzugehen. Nachdem er sich beruhigt habe und, fest entschlossen, drinnen nach Gold zu suchen, dorthin zurückgekehrt sei, sei der Turm verschwunden gewesen. Er wollte es daher nicht unternehmen, mich dorthin zu führen, denn er war felsenfest davon überzeugt, daß der Turm in der Wüste umherwanderte und alle Nachforschungen vereiteln würde.
Die Gegend zwischen Tschertschen und Andere war eine der wenigen Landstrecken Ostturkestans, die ich noch nicht bereist hatte; ich beschloß daher, einen Abstecher dorthin zu machen, obschon es sich um einen anstrengenden Ritt von 340 Kilometer handelte. Außer dem Führer, den der Bek zum Mitkommen zwang, wollte ich nur drei Diener mitnehmen, Ördek und Kurban, sowie Mollah Schah, einen Einwohner von Tschertschen, der mit Littledale durch Tibet gereist war. Drei neue Pferde wurden gekauft und ebenso viele für unser Gepäck gemietet. Islam Bai, Turdu Bai, die Kamele, das Wüstenpferd und Dowlet II sollten in Tschertschen bleiben und sich ordentlich ausruhen, während Jolldasch seinem Herrn, wohin dieser auch ging, treu folgte.
Vorher wartete meiner in Tschertschen noch eine große Freude. Am Morgen des 13. Januar traf einer der Winterdschigiten des Konsuls dort ein, Musa, derselbe Mann, der 1896 in Chotan mein Dolmetscher bei den Chinesen gewesen war. Er brachte eine gutgefüllte Posttasche mit. Ich hatte also reichliche Lektüre an Briefen und Zeitungen aus der Heimat und verschlang ihren Inhalt mit großem Genusse vor dem lodernden Herdfeuer im Hause des Beks. Wie es Musa gelungen ist, mich so leicht zu finden, ist mir noch heute ein Rätsel. Es war verabredet worden, daß die Kuriere über Aksu nach der Lopgegend gehen sollten; aber Musa erklärte einfach, er habe „es im Gefühle gehabt“, ich müsse im südlichen Teile des Landes sein. Islam Bai wollte gehört haben, daß Musa in Tschertschen eine Herzallerliebste habe und diese wohl auf dem Wege habe besuchen wollen. Gesegnet sei die Schöne, wenn ich ihr meine Post verdankte! Wäre Musa zwei Tage eher angekommen, so hätte ich die Post erst bei der Ankunft in Tura-sallgan-ui in Jangi-köll erhalten, denn weder der Bek noch sonst jemand in Tschertschen hatte die geringste Ahnung davon, daß wir aus der Tiefe der Wüste auftauchen würden, und Musa hätte dann seinen Weg nach Osten fortgesetzt.
Sechzehntes Kapitel.
Dreihundertvierzig Kilometer in 30 Grad Kälte.
Auf kleinen, munteren, ausgeruhten Pferden traten wir am Morgen des 16. Januar den kleinen Ausflug von 340 Kilometer an. In langsamem Trab ging es auf dem Astin-joll (unterer Weg) ([Abb. 62]) nach Nija. Auf demselben Wege war im Jahre 1889 Hauptmann Roborowskij von General Pjewzoffs Expedition geritten; es war so gut wie das einzige Mal auf meiner ganzen Reise, daß ich auf dem von mir eingeschlagenen Wege nicht der erste war.
Rasch lassen wir Tschertschens äußerste Gehöfte hinter uns und sind nun draußen in einer öden, unfruchtbaren Gegend auf einem Wege, der rechts und links von durch Winderosion entstandenen Lehmterrassen eingefaßt ist. Der Pfad ist einem dunkeln Bande gleich in dem weißen Schnee leicht erkennbar. An dem zugefrorenen Brunnen von Kallaste (der aufgehängte Schädel) wird am ersten Abend Rast gemacht.