Als ich am Morgen bei 22 Grad Kälte geweckt wurde, standen Sonne und Mond gleich hoch über dem Horizont und hatten genau dieselbe rotgelbe Färbung. Hätte man nicht die Himmelsrichtungen gekannt, so hätte man beim ersten Anblick in Zweifel sein können, welches das Tages- und welches das Nachtgestirn sei.
Schnell wieder in den Sattel! Ein greulicher Westwind erhob sich und durchkältete Mark und Bein. Man versuche nur, bei 20 Grad Kälte gegen den Wind anzureiten und dabei sklavisch an das Marschroutenbuch gebunden zu sein. Die Hände erstarren, und man muß die Feder anfassen wie den Stiel eines Hammers, sonst hat man keine Kraft in den Fingern. Einen solchen Tag vor sich zu haben, ist eine recht schöne Aussicht. Länger als eine halbe Stunde hintereinander im Sattel zu sitzen, geht nicht an; man muß absteigen, laufen und mit den Füßen stampfen, um nicht zu erfrieren.
Bei dem Brunnen von Kettme waren wir schon so erschöpft, daß wir eine Viertelstunde rasten mußten, um uns an einem kleinen Feuer zu erwärmen; dann ging es in schnellem Trab über den schwach wellenförmigen Boden nach Jantak-kuduk, wo wir wieder eine Weile rasten mußten, um warm zu werden. Dasselbe Manöver wurde am Brunnen von Ak-bai wiederholt.
Am Tage darauf lag eine neue Schneedecke so leicht und weich wie Daunen über der alten, hartgefrorenen. Die Landschaft ist trostlos einförmig und öde; kein Tier war zu sehen, nur Spuren von Hasen und Wolfsfährten zeigten sich im Schnee. Dünnes Kamisch, in weiten Zwischenräumen stehende Tamarisken und vereinzelte Pappeln wechseln mit unfruchtbarem Boden und Sandgürteln ab. Tailak-tuttgan ist ein größerer Brunnen; schon sein Name ist interessant, er bedeutet „das gefangene wilde Kameljunge“ und verrät, daß diese Herrscher der Wüste hier vorzeiten vorgekommen sind; jetzt fehlen sie ganz. Namenlose Brunnen sieht man häufig; sie sind von verschmachtenden Sommerreisenden gegraben, die nicht bis zum nächsten größeren Brunnen haben warten können.
Osman Bai-kuduk trägt den Namen des Mannes, der diesen Brunnen grub und damit seinen Namen der Nachwelt überlieferte, obwohl er selbst längst vergessen ist und niemand weiß, wer er war. Gleich hinter dieser Raststelle nimmt der Sand zu, und es folgt ein Gewirr von Tamariskenkegeln, zwischen denen sich der Pfad verliert wie ein gewundener Hohlweg, in dem sich gut Verstecken spielen läßt.
Das Bett des Kara-muran war leer und ausgetrocknet; nicht einmal eine Eisscholle war zu sehen. Es ist 1–2 Meter tief in den Lehmboden eingeschnitten, hat eine Breite von 70–100 Meter und soll im Sommer zeitweise bedeutende Wassermassen in die Wüste führen.
Bei Toktekk wurde in der Dämmerung gelagert, weil wir frische Spuren von Hirten sahen. Auf der ganzen Tagereise hatten wir nur einen einsamen Wanderer erblickt. Es war ein armer Schlucker, der, nur von seinem Hunde begleitet, zu Fuß nach Kerija ging. Der Hund hinkte in jämmerlichem Zustand einher; er war blutüberströmt, sein eines Ohr war abgerissen, das andere baumelte wie ein Lappen. Der Mann erzählte, daß der Hund in der Nacht mit einem Wolfe im Kampfe gewesen und von ihm so zugerichtet worden sei. Es muß unheimlich sein, mitten im Winter allein und unbewaffnet den Weg zwischen Tschertschen und Kerija zurückzulegen. Der Mann sagte aber ganz ruhig, an sein mit Feuerstein und Zunder angezündetes Feuer wagten sich die Wölfe nicht heran, und bei Tage hielten sie sich gewöhnlich abseits.
Nach 28 Grad Kälte in der Nacht auf den 19. mußten wir wieder in kleinen Entfernungen zwischen den Rastfeuern vorwärts. Wir haben eine Gegend erreicht, die durch die Flüsse von den Nordabhängen des Kwen-lun reichlicher bewässert wird und daher reicher an Vegetation ist. Links haben wir noch immer unfruchtbaren Sand, rechts aber Steppe und bewaldete Hügel.
In Pakka-kuduk hörten wir von Norden her Rufe, und Mollah Schah machte bald einen netten, braunbärtigen Hirten ausfindig, der uns nach einer luftigen Hütte führte, in welcher der Bai, der Besitzer der in dieser Gegend weidenden Schafherden, mit seiner Familie wohnte. Nur im Winter hält er sich hier auf, im Sommer wohnt er am Andere-terem; dann herrscht in diesem ganzen Landstrich eine gräßliche Hitze mit Myriaden von Mücken und Moskitos. Die Wölfe bereiten den Schafbesitzern große Verluste; gegen größere Rudel können die Hunde nichts ausrichten. Man sagt, daß, wenn der Wolf ein Schaf nur streife, dieses schon vor Angst und Schrecken sterbe. Komme nicht rechtzeitig Hilfe herbei, so werde die ganze Herde zerrissen.
Am Brunnen von Schudang fanden wir auch einen Hirten, der etwa zehn Esel tränkte. Der Brunnen ist 3 Meter tief, liegt in einer Mulde und hat ganz süßes Wasser. Hier steht eine Lenger (Herberge), welche die Chinesen vor vier Jahren erbaut haben. In den auf einer Terrasse gelegenen Lehmhütten der Hirten von Schudang ließen wir uns nieder ([Abb. 63]). Wir hatten es hier warm und gut; abends kam der Bai und verkaufte uns zwei Schafe, die sofort geschlachtet wurden.