Als wir am 15. Februar nach Nordosten wanderten, entfernten wir uns nach und nach von dem hohen Sande, der jedoch noch immer in etwa 5 Kilometer Entfernung zu sehen war.
Am Julgunluk-köll (Tamariskensee) erreichten wir den Ettek-tarim, dessen Bett von hier an nach Süden geht und der seinerzeit unweit des jetzigen Fischerdorfes Lop in den Kara-buran mündete. Wir folgten seinem Laufe den ganzen Tag nach Norden. Hier wächst frisches, saftiges Buschholz ziemlich üppig, obwohl der Erdboden überall so trocken wie Zunder ist. Daß jedoch das Grundwasser nicht fehlt, sieht man schon an dem Julgunluk-kuduk, der gegenwärtig versandet war. Ein aus einem Pappelstumpfe ausgehöhlter Wassertrog für Pferde und Esel zeigte auch, daß dieser Schleichweg gelegentlich benutzt wird, besonders von Leuten, die „Jiggde“(Elaeagnus)-Beeren sammeln. Die das Bett umgebenden Sanddünen sind höchstens 4 Meter hoch. Das Bett des Ettek-tarim ist sehr deutlich, und man sieht gleich, daß es nicht länger als einige dreißig Jahre her sein kann, seit der Fluß es verlassen hat. Es markiert sich als eine nackte, von lichten Wäldern und Dickichten eingefaßte Rinne. Auch der gewundene Verlauf der letzten Stromrinne tritt in dem Bette als deutliche Vertiefung hervor. Sogar Treibholz steckt hier und dort noch im Boden.
Ein paar geophysische Charakterzüge, auf die ich nur flüchtig hinweisen will, dienen zur Beleuchtung meiner Theorien über die Wanderungen des Lop-nor. Erstens beweist die Tatsache, daß der Ettek-tarim reich an lebenskräftigem Pappelwalde ist, während an dem entsprechenden Teile des Tarim jeder Wald fehlt, daß letzterer ein neugebildeter Fluß ist, an dem der Wald noch nicht hat groß werden können. Zweitens beweist die kolossale Anhäufung von Flugsand, die wir an dem heutigen Lagerplatze fanden und die den bezeichnenden Namen Tag-kum (Berg-Sand) trägt, daß der Tarim in früherer Zeit im Osten dieser Stelle noch nicht existiert hat, denn sonst hätte der hier herrschende Ostwind nicht solche Massen von Sand hierher treiben können. Dies hat nur zu einer Zeit geschehen können, als sich der Tarim noch in den alten, jetzt ausgetrockneten Lopsee ergoß. Schließlich ist zu beachten, daß der Sand zwischen dem Ettek-tarim und unteren Tarim vom Tag-kum an nach Norden wesentlich abnimmt. Er hat sich in den Gegenden, die auf der Leeseite des alten Lopsees lagen, nicht anhäufen können.
Das Vegetationsgebiet des Ettek-tarim bildet einen 3 Kilometer breiten Gürtel, gegen welchen im Osten der hohe Sand steil abfällt; im Westen dagegen erheben sich die Dünen langsam zu den gewaltigen Protuberanzen, die wir weiter westlich in der innersten Wüste gesehen hatten.
16. Februar. Während meine Leute die Kamele beluden, erstieg ich am Morgen den höchsten Kamm des Tag-kum, der wohl 50 oder 60 Meter über den Wald emporragt. Man hat von hier eine orientierende Aussicht. Im Nordosten erscheint eine Bajir von dem gewöhnlichen Aussehen dieser Mulden und mit den charakteristischen konzentrischen Ringen. Im Osten wird diese Bodensenkung von einer Sandmauer begrenzt, die nur halb so hoch ist wie der Tag-kum. Weiter nach Osten hin nimmt der Sand ab in der Richtung nach dem rechten Ufer des Tarim, dessen Vegetationsgürtel man an dem dunkleren Farbentone erkennt. Im Osten des Tarim taucht wieder Sand auf, der stets nach Westen steil abfällt.
Es liegt die Annahme nahe, daß diese Bajirmulden in der ganzen Wüste verstreut liegen und ein Werk des Windes sind. In dem Bette des Ettek-tarim haben sich bisher nur unbedeutende Dünen anhäufen können, aber im Walde sind sie schon 3 bis 4 Meter hoch. Einstweilen liegt das Bett noch geschützt vor der großen Flutwelle von Sand, die sich langsam nähert und es zu begraben droht. Teilweise ist es jedoch schon geschehen; die Welle des Tag-kum hat einen Teil des Ettek-tarim-Bettes begraben, und weiter nach Norden hin verschwindet das Bett oft unter dem nachdringenden Sande. Die Bajirmulden sind nicht stationär, sie wandern nach Westen über den Boden der Wüste. Sie entstehen an seinem Ostrande und verschwinden im fernen Westen, wo andere, weniger regelmäßige Windverhältnisse herrschen. Eine Bajir erhält sich also während ihres ganzen Daseins, obwohl ihr Boden sich im Laufe von 100 Jahren erneuert, wenn man die Geschwindigkeit der Wanderung der Dünen auf zirka 5 Meter im Jahre veranschlagt. Wenn auch die Wellen der Dünen denselben Windgesetzen wie die Wogen des Meeres gehorchen, so liegt doch ein großer Unterschied darin, daß sich bei den Meereswogen nur die Wellenbewegung fortpflanzt, das Wasser aber an seiner Stelle bleibt, während sich bei den Sandwogen auch das Material weiterbewegt, vorwärts gestoßen wird und überschwemmt. Würde der Wind nicht neues Material zuführen, so würde der vorhandene Sand weggefegt werden.
Gegen Norden zeigt der Wald Neigung zum Absterben. Die Wurzeln scheinen nur noch gerade bis zum Grundwasser hinunter zu reichen; doch ist er noch dicht, und Stämme von 2,45 Meter Umfang sind nichts Außergewöhnliches. Am östlichen Ufer des Ettek-tarim ist der Wald unvergleichlich viel reicher als auf dem westlichen, weil jenes im Windschatten geschützt liegt, während die Vegetation des letzteren vom Sande langsam erstickt wird.
Auf der letzten Tagereise in diesem alten lehrreichen Bette kam toter Wald ebenso häufig vor wie lebender, und die Vernichtung ist hier im allgemeinen weiter vorgeschritten, indem sich die Sandmassen beider Ufer einander bis auf 300 Meter genähert haben. Sie haben hie und da schon eine Brücke von kleineren Dünen zueinander hinübergespannt.
Bei Tana-baglagan zeigten sich frische Spuren von Wasser. Im vorigen Jahre hatte man von Basch-argan am Tarim einen Kanal gegraben, in der Absicht, das ausgetrocknete Bett des Ettek-tarim wieder zu füllen, um ausgedehntere Weidegründe zu erhalten und die noch vorhandene Vegetation zu retten. Aber der kleine Kanal war nur mit Mühe bis Tana-baglagan geführt worden, und man hatte das Unternehmen aufgegeben.
Endlich erreichten wir bei Basch-argan wieder unseren alten Freund, den Tarim. Wie klein und unansehnlich zeigte sich jetzt dieser Fluß, der im Herbst auf uns einen so mächtigen Eindruck gemacht hatte! Gefesselt und regungslos lag er da, einem schmalen, eisbedeckten Kanale ohne Alluvialbildungen gleichend. Die Eisdecke sah aus wie eine Rinne mit emporstehenden Rändern — das Wasser war nämlich gefallen, seit der Fluß zugefroren war. Als der Tarim zufror, hatte er eine Breite von 43 Meter, aber jetzt war er nur 23,6 Meter breit. In der Wake, aus der wir die Kamele, die drei Tage gedurstet hatten, tränkten, war die Eisdecke 52 Zentimeter dick. Dann gingen wir durch Wald, Dickicht und Unterholz nach Argan oder Airilgan, wo wir Lager schlugen.