Jetzt zogen wir auf dem zugefrorenen Flusse weiter nach Osten. Dieser ist so breit wie ein See, und sein Boden liegt beinahe in gleicher Höhe mit den Ufern; im Schilfe des Ufers waren große, jetzt zugefrorene, überschwemmte Strecken zu sehen. Der Name Keng-laika (das ausgedehnte Anschwemmungsgebiet) ist eine sehr passende Bezeichnung für das ganze ausgedehnte Delta des Tschertschen-darja. Daß dieser Teil des Flusses ein sehr junges Gebilde ist, sieht man ganz deutlich; es kann nicht lange her sein, seit der Fluß in dieses südliche Bett übergesiedelt ist.

In einem kleinen Pappelhaine bei Jiggdelik-agil ließen wir uns in der Nähe von zwei Hütten nieder und richteten uns für einen Rasttag, der der Ortsbestimmung gewidmet werden sollte, häuslich ein.

Ich schlief mich an diesem Ruhetage gründlich aus. Man darf nicht durch Gardinen verwöhnt sein, wenn man unter freiem Himmel schläft, besonders nicht, wenn man erst am hellen Tage und bei schon hochstehender Sonne erwacht. Und man darf sich nicht vor den Hirten und ihren Familien genieren, die sich die Morgentoilette des Fremden mit der größten Verwunderung ansehen, während die frei umhergehenden Kamele dicht neben dem Bette vorjährige Pappelblätter auflesen.

Mollah Chodscha, der Herr des Ortes, wußte gut Bescheid; als ich ihn aber bat, uns den Weg nach dem Ettek-tarim, dem früheren Bette des Tschong-tarim, zu zeigen, leugnete er hartnäckig, ihn zu kennen. Er log offenbar, um uns nicht begleiten zu müssen. Meine Leute wollten ihm eine Tracht Prügel verabreichen, um ihn gefügiger zu machen; da mir dieses gewiß wirksame Verfahren jedoch nicht zusagte, beschlossen wir, ihn beim Aufbruch ganz einfach gebunden mitzunehmen und ihn mit dem jetzt bedeutend zusammengeschmolzenen Gepäck auf eines der Kamele zu laden.

Indessen rettete ihn ein für beide Teile glückliches Ereignis von allen Schikanen. Mein alter Freund aus Tscharchlik, Togdasin Bek, kam abends in unserm Lager an, weil er vom Amban jener Stadt Befehl erhalten hatte, nach mir Ausschau zu halten und mir seine Dienste zur Verfügung zu stellen. Daher war es ihm ein Vergnügen, mich nach dem Ettek-tarim zu führen, dessen Bett ihm schon zweimal als Straße gedient hatte, und er machte mir über dieses Bett höchst unerwartete Mitteilungen, die mit denjenigen, die ich 1896 von Kuntschekkan, dem Bek von Abdall, erhalten hatte, genau übereinstimmten. Der Ettek-tarim, sagte er, ist erst seit 30 Jahren verlassen. Vor dieser Zeit strömte die Hälfte der Wassermenge des Tarim (Jarkent-darja) durch dieses Bett.

Togdasin Bek war einmal auf diesem Wege, wo es jetzt keinen Tropfen Wasser gibt, sogar in einem Boote gerudert. Das zweite Mal hatte er den Ettek-tarim 1877 gesehen, als der berühmte Nias Hakim, Bek von Chotan, der Vertraute und Mörder Jakub Beks, mit einer Karawane von Kamelen, Eseln und Mauleseln von Chotan nach Korla flüchtete, bei welcher Gelegenheit Togdasin Bek ihm diesen Ogri-joll (Diebsweg) zeigen mußte, auf dem alle diejenigen entlang schleichen, die auf dem großen Karawanenwege den Dienern der Gerechtigkeit in die Hände zu fallen fürchten.

13. Februar. Noch immer hoher Sand zur Linken. Der gute alte Bek zeigte uns jetzt den Weg, und es war merkwürdig, wie gut er Bescheid wußte, obwohl er seit 23 Jahren nicht hier gewesen war. Der Ortssinn der Asiaten ist oft unglaublich scharf ausgebildet. Togdasin konnte z. B. sagen. „Wenn wir noch ein paar “joll„ gehen, kommen wir an eine Stelle mit besserer Weide“ und er irrte sich dabei nie.

Die Kamele sind während der Brunstzeit, deren Höhepunkt gerade im Februar ist, gefährlich und boshaft. Wir haben bloß Hengste und müssen aufpassen, daß sie einander nicht verletzen. Im Lager Koschmet-kölli wurden jedoch zwei Bestien handgemein. Sie kämpften in blinder Wut, die Köpfe am Boden hinstreckend, wickelten ihre Hälse umeinander wie Schlangen, rangen und stießen aus allen Kräften, bissen und schlugen nach allen Seiten aus, und der Geifer spritzte dabei wie Seifenschaum umher. Der Stärkere fuhr seinem Gegner mit dem Kopfe zwischen beide Vorderbeine, um ihn umzuwerfen. Gelingt dies, so kann der Besiegte froh sein, wenn er ohne ernste Verletzungen davonkommt. Das muß jedoch verhindert werden. Alle Männer eilen herbei. Am Nasenstricke ziehen nützt nichts, denn dies fühlt das Kamel, wenn es vor Wut schäumt, gar nicht. Nein, sie schlagen die Kämpfenden so lange mit Knüppeln auf die Nase, bis sie voneinander ablassen und schaumbespritzt und blutig mit vor Haß glühenden Augen nach ihren Weideplätzen zurückkehren. Wir mußten, wenn wir lagerten, den ärgsten Raufbolden stets die Vorderbeine zusammenbinden und ihnen auf dem Marsche Halftern anlegen.

Am 14. Februar machten wir einen ganz kurzen Tagemarsch von nur 15 Kilometer, weil wir bei Basch-agis, dem letzten Punkte, wo wir Wasser bekommen konnten, Halt machen mußten ([Abb. 69]). Der nördlichste Arm des Tschertschen-darja biegt an diesem Punkte nach Südosten ab nach dem Lop-kölli, wie der Kara-buran hier ausschließlich genannt wird. Wir hatten drei Tagereisen in wasserloser Gegend vor uns und mußten für unseren eigenen und den Bedarf der Pferde ein paar Säcke Eis mitnehmen.

Um 1 Uhr zeigte das Thermometer +0,4 Grad; es war das erste Mal seit dem heiligen Abend, an dem wir +0,1 Grad hatten, daß das Quecksilber über Null stand. Doch ging die Temperatur in der Nacht bis −24 Grad herunter.