Leider mußten wir hier von unseren beiden Führern, welche die Gegenden, in die wir jetzt kamen, nicht genau kannten, Abschied nehmen und unseren Weg allein suchen, bis wir wieder Menschen trafen.
Der eine unserer Führer wußte nur zu erzählen, daß sich einmal ein Hirte aus dem unteren Keng-laika nordwärts in den Sand hineinbegeben habe und schließlich an eine „Kona-schahr“ gelangt sei. Hier habe er acht Tschugune (Kupferkannen) und 40 Ketmene (Spaten) gefunden und mit so viel von der Beute, wie er zu tragen vermocht, den Rückzug nach seiner Hütte angetreten. Während seiner Abwesenheit hätten Wölfe seine Schafe zerrissen, was man allgemein als Strafe für seine Habgier angesehen habe. Er sei darauf nach dem Fundort zurückgekehrt und habe Spaten und Kannen wieder an den Platz gelegt, von dem er sie fortgenommen habe.
Auf derartige Erzählungen kann man natürlich keine Pläne bauen, und es ist überhaupt am besten, nur das zu glauben, was man selbst gesehen und erlebt hat.
Toktamet Bek hatte mir auch eine Räubergeschichte erzählt, die jedoch den Eindruck der Wahrheit machte. Er war einmal in seinem Hause in Tschertschen von sieben Dieben, die in später Nacht bei ihm angeklopft hatten, überfallen worden. Auf seine Frage, wer da sei, hatten sie den Namen eines seiner Bekannten genannt, weshalb er sofort öffnete. Da hatte einer aus der Bande ein Messer gezogen und ihn mit dem Tode bedroht, wenn er nicht schweige und sich binden lasse. Unterdessen plünderten die anderen sein Haus und setzten sich in den Besitz aller Wertgegenstände, sowie einer Summe von 2000 Tenge in geprägtem Silber. Dann hatten sie die Flucht ergriffen und den Bek gebunden mitgeschleppt, damit er keine Gelegenheit habe, Leute zur Verfolgung aufzubieten. Das Interessanteste aber war, daß die Bande von Wasch-schahri den Tschertschen-darja überschritten und sich nordwärts nach dem Tarim begeben hatte, wobei sie einem alten Bette, anscheinend dem Ettek-tarim, gefolgt war. Es war sicher nicht das erste Mal, daß dieses Bett, dessen Bekanntschaft wir bald machen sollten, von flüchtigen Missetätern als Rückzugslinie benutzt wurde.
8. Februar. Jetzt wanderten wir am linken Ufer des Tschertschen-darja abwärts, teils um nicht denselben Weg zurückzulegen wie Roborowskij, teils um zu erforschen, ob sich auf dieser Strecke alte Betten vom Flusse abzweigen oder sich mit ihm vereinigen. Der Fluß ist oft mächtig angeschwollen, und das Ufergebiet bildet eine Terrasse, die ein paar Meter über der Eisfläche liegt. Nur an einem Punkte trat der Sand dicht an den Fluß heran; dort fielen 10 Meter hohe Dünen steil nach dem Eise ab. In einem kleinen Tograkhaine wurde das Lager aufgeschlagen. Obgleich der Tag wie gewöhnlich trübe gewesen, war der Sonnenuntergang doch herrlich, und ein purpurnes Licht ergoß sich über die Dünen, die wie auf dem Sprunge standen, auch dieses kleine Vegetationsband, das der Fluß speist, zu verschlingen.
Der junge Kurban, der anfangs einen so vielversprechenden Eindruck machte, schien in Wirklichkeit ein Schlingel zu sein. So verschwand er z. B. an diesem Abend, nachdem es dunkel geworden war. Alle Tiere befanden sich im Lager, so daß er nicht bei ihnen sein konnte, und sein Pelz war auch da, obwohl es 18 Grad Kälte hatte. Als er Stunde auf Stunde ausblieb und man befürchten mußte, daß Wölfe ihn überfallen hätten, wurden Leute auf die Suche nach ihm ausgeschickt. Nach langer Zeit kehrten sie mit dem Jüngling zurück, der während des Tagemarsches ein Paar Stiefel von einer Kamellast verloren hatte. Islam Bai hielt dem Bengel, der sich später zu einem ausgewachsenen Schelme entwickelte, eine Strafpredigt. Es war ja nichts dabei, daß er ein Paar Stiefel verloren hatte, aber es war dumm von ihm, nicht zu sagen, daß er sie zu suchen beabsichtige. Wir hatten gefürchtet, er sei irgendwo eingeschlafen und könne über Nacht erfrieren.
9. Februar. Erst diese Nacht ließ uns hoffen, daß die ärgste Winterkälte vorüber sei; das Minimumthermometer zeigte nur −20,1 Grad, und die Temperatur hob sich im Laufe des Tages auf −7,6 Grad; so warm hatten wir es seit dem 28. Dezember nicht gehabt. Das Terrain war gut, und wir konnten 30 Kilometer zurücklegen — am Tage vorher wurden es nur 26 —, aber das Land ist trostlos einförmig, und vergebens schaut man nach Menschen aus. Ich war dieser Wüstenei recht überdrüssig und sehnte mich nach einem dankbareren Felde. Wir zogen rasch und in geraden Peilungen über die Steppe zwischen 30 Meter hohen, unfruchtbaren Dünen zur Linken und dem Flusse zur Rechten. Der Fluß gleicht noch immer einem kreideweißen Bande, doch große Strecken sind Anschwemmungen, die jetzt, da alles mit Schnee bedeckt ist, von der Eisdecke fast gar nicht zu unterscheiden sind.
Am folgenden Tage stieg die Temperatur um 1 Uhr auf −2,2 Grad, und wir hatten den ersten Frühlingssturm aus Nordosten, der indessen nur ein schwacher Vorläufer der heftigen Stürme war, die den Frühling im Loplande charakterisieren. Auf der Wanderung nach Nordosten fanden wir ein augenscheinlich ganz verlassenes Bett. Seine Breite betrug 32 Meter, und es war 6½ Meter tief in den Boden eingeschnitten. Es hat also eine völlig andere Gestalt als der jetzige Fluß, der seicht und wohl fünfmal so breit ist, was sich sicher darauf zurückführen läßt, daß der neue Fluß sein Bett noch nicht hat vertiefen können. An den Ufern stand dichter, toter, noch wurzelfester Pappelwald. Im Grunde des Bettes war der Boden an einigen Stellen recht heimtückisch. Zwei Kamele versanken geradezu in losem, leichtem, kartoffelmehlähnlich trockenem Staube. Sie mußten mit Spaten wieder herausgegraben werden.
Vom Anfange dieses alten Bettes an, das sich längs der Grenze des Sandmeeres hinzieht, hört aller Pappelwald an den Ufern des Tschertschen-darja auf; die wenigen dort vorkommenden Bäume sind nicht älter als 30 Jahre. Der ehemalige, jetzt tote Wald begleitet dagegen das verlassene Bett.
Am 11. Februar trafen wir bei der Sattma von Araltschi am linken Ufer des Tschertschen-darja endlich Menschen ([Abb. 68]). Es waren ein Mann, zwei Knaben und zwei Frauen mit 600 Schafen, sechs Kühen und einigen Pferden und Eseln. Sie teilten uns mit, daß das alte Bett, dem wir gestern gefolgt waren, sich in das äußerste Gebiet des Sandes hineinziehe und sich weiter abwärts mit dem Ettek-tarim vereinige. In einem Monate erwarten sie die „Mus-suji“, die Eisschmelzflut, die zehn Tage lang so gewaltig dahinströmt, daß der Tschertschen-darja dann nicht durchwatet werden kann; wenn diese Frühlingsflut vorbei ist, bleibt nicht viel Wasser in dem Bette zurück und es ist sehr seicht, bis im Spätsommer das eigentliche Hochwasser aus dem Gebirge kommt und es aufs neue füllt.