Unter den jetzigen Bewohnern Ostturkestans findet man oft Typen, die durch Kreuzung mit arischem Blut einen großen Teil der Kennzeichen der mongolischen Rasse verloren haben; doch daß diese Leichen keine muhammedanischen waren, bewiesen die Särge, denn die Muselmänner begraben ihre Leichen nicht in Särgen. Die Hirten behaupteten, daß mehrere andere Kegel ebenfalls Gräber umschlössen, konnten uns aber keine mehr zeigen. Vielleicht hat einmal eine ganze Raskolnikengemeinde diesen vor jeder Religionsverfolgung geschützten Ort aufgesucht. Leider fehlte den Särgen jede Spur von Inschrift.
So überließen wir denn diese geheimnisvollen Gräber ihrer ewigen Ruhe in der Einöde und gingen auf dem rechten Ufer weiter.
Während der letzten Stunden gingen wir auf dem Eise des Tschertschen-darja, das uns beinahe wie ein eigens für uns angelegtes Asphalttrottoir erschien, — so eben und gut ging es sich dort nach all dem Gestrüpp und den trockenen Ästen, die im Walde umherlagen ([Abb. 66]). Nur in den nach Nordosten gerichteten Krümmungen hatte der Wind den Schnee vom Eise gefegt; sonst lag dieser überall dezimeterhoch, und die auf dem Eise ungeschickten und hilflosen Kamele hatten also hier nichts zu fürchten. An diesem Flusse vermissen wir die energischen Züge des Tarim; das Bett ist nicht so kräftig ausgemeißelt, wird aber auf den Ufern von den unvermeidlichen Pappeln, Tamarisken und Kamischfeldern begleitet. Auf dem rechten Ufer ist der Vegetationsgürtel breiter als auf dem linken, wo er von dem von Norden herandrängenden Sande, dessen hohe, unfruchtbare Dünen gewöhnlich über dem Walde zu sehen sind, stark beeinträchtigt wird.
Am 5. Februar marschierten wir teils auf dem Eise, teils auf dem rechten Ufer in alten Betten, die den verlassenen Krümmungen des Tarim entsprechen ([Abb. 67]). Tigerspuren kreuzten wir oft. Auf dem Eise lag mitten in einer großen Blutlache das Fell eines Rehs, und um die Lache herum sah man die Spuren von drei, vier Wölfen. Sie hatten ihrem Opfer augenscheinlich auf dem Eise aufgelauert, um es zum Ausgleiten zu bringen, es auf diese Weise überrumpelt und dann einen Schmaus gehalten.
81. Eisschollen in der Oase Altimisch-bulak. ([S. 222.])
82. Abdu Rehims Beute. ([S. 223.])
In einem anderen verlassenen Bette, das seit Menschengedenken kein Wasser mehr geführt hat, hing an der Spitze einer Stange ein Hirschschädel; die Gegend heißt infolgedessen Kallaste (der aufgehängte Schädel), welcher Name sich im innersten Asien oft wiederholt. Der Zweck dieses Nischan (Zeichen) ist zu zeigen, wo der Weg geht, wenn dieser aus irgendeinem Grunde, wie Flugsand, Überschwemmung, Buschholz oder dergleichen, schwer erkennbar ist.
Die Kälte dauerte an. In der Nacht auf den 6. hatten wir −29 Grad, aber unerschöpfliche Vorräte von vorzüglichem Brennholz. Bei Ak-ilek-lenger gingen wir nach dem linken Ufer hinüber. Über der Stromrinne knackte das Eis unter dem Gewichte der Kamele recht beunruhigend. Die Karawane begab sich von hier direkt nach Buguluk am Tschertschen-darja, während ich mit zwei Begleitern in dem alten Bette weiterritt, das bei Ak-ilek anfängt und ein paar Kilometer nördlich von dem jetzigen Flusse liegt. Es ist reich an lebender, frischer Vegetation. Als wir gerade vor Buguluk waren, ließen wir das Bett linkerhand liegen und vereinigten uns wieder mit den Unsrigen, die schon an dem Punkte lagerten, wo die Straße von Tscharchlik nach Tschertschen den Fluß kreuzt. Ich hatte diesen Punkt 1896 besucht; wir blieben jetzt einen Tag dort.