Um uns ordentlich vorzubereiten und uns vor allem zwei zuverlässige Führer zu sichern, opferten wir einen Rasttag in Keng-laika. Fanden wir das alte Bett, so mußten wir auf eine neue, wenn auch kleinere Wüstenreise vorbereitet sein, denn wir mußten dem Bette folgen, um zu sehen, wohin es führe.
Von den Hirten erhielten wir sofort die unerwartete Auskunft, daß die nördliche der beiden Bodensenkungen, die wir in der Wüste gesehen, sich schon bei Su-ößgen, eine Tagereise abwärts, mit dem Flusse vereinige. Unterhalb dieses Punktes gebe es ihres Wissens im Norden des Flusses kein altes Bett, sondern nur lauter hohen Sand, und was dieser verberge, wisse niemand; dies hatten wir auf unserer Wüstenwanderung selbst schon zur Genüge gesehen.
Bei einem kleinen Salztümpel, dem Schor-köll, verließen wir am 2. Februar den Tschertschen-darja und gingen durch Tamariskensteppen und toten Wald nach dem Tschong-schipang, wie das hintere alte Bett genannt wird ([Abb. 64]). Es ist sehr deutlich, hat ungefähr dieselbe Breite wie der jetzige Fluß, bildet eine wenig gewundene Rinne im Boden und hat hohe, deutliche Uferwälle oder nivellierte Erosionsterrassen mit Tamarisken oder vereinzelt stehenden, teils lebenden, teils verdorrten Pappeln ([Abb. 65]). Nach Norden hin erstreckt sich in unabsehbarer Ferne das Sandmeer. Auf dem rechten Ufer des Bettes fanden wir einige größtenteils versandete Hirtenhütten, die wohl ein- bis zweihundert Jahre alt waren.
Weiter oben teilt sich das Bett in zwei Arme, von denen der rechte nach dem Tschertschen-darja zurückgeht, der linke aber nach Ostnordost weiterzieht. In diesem befinden sich die wohlerhaltenen Reste zweier aus Reisig und Pfählen hergestellter Dämme; ihr Zweck ist gewesen, den Fluß zu zwingen, sich nach rechts zu wenden, was jedoch, wenigstens hier, nicht gelungen ist. Auch dieser Arm führte uns allmählich wieder nach dem Tschertschen-darja, den wir bei Su-ößgen erreichten.
Als wir festgestellt hatten, daß in dieser Gegend nördlich vom Flusse kein altes Bett vorhanden ist, zog ich es vor, am rechten Flußufer, wo es keinen Weg gibt, entlang zu wandern. Hier entdeckten wir indes einen Kona-darja oder alten Fluß, ein Beweis dafür, daß sich der Tschertschen-darja nicht immer nach rechts wendet, wenn er seinen Lauf verändert.
In der Nähe des verlassenen Bettes trafen wir die massigsten Pappeln, die ich in ganz Ostturkestan je gesehen habe. Sie sind nicht mehr als 6 oder 7 Meter hoch, aber zwei, die wir maßen, hatten an der Erdoberfläche einen Umfang von 4,75 und 6,80 Meter. Der eigentliche Stamm ist nicht viel mehr als einen Meter hoch, worauf er sich in bizarre, knorrige, dichtbelaubte Zweige teilt. Das Vorkommen derartiger Bäume beweist, daß der Fluß hier jahrhundertelang geströmt hat. Denn wenn man sich der Altersbestimmung der Eingeborenen, daß die Tograk tausend Jahre lebe, tausend Jahre verdorrt auf ihrer Wurzel stehe und tausend Jahre umgestürzt liegen bleibe, ehe sie vergehe, auch nicht gerade anschließt, so kann man doch überzeugt sein, daß diese Veteranen verschiedene Jahrhunderte auf dem Nacken haben.
Gleich hinter diesen Pappeln, die als Einsiedler unter lauter Tamarisken standen, führten uns die Wegweiser nach einem alten muhammedanischen Begräbnisplatze mit mehreren Gumbes und den Überresten einiger Häuser, von denen das größte 15 × 13 Meter maß. Durch den Platz lief ein deutlicher Kanal nach ebenso deutlichen Ackerfeldern.
Wir lagerten an ein paar Gräbern, die wir am 4. Februar genauer untersuchten. Vor drei Jahren waren sie von einigen Hirten ausgegraben worden. Diese hatten natürlich geglaubt, Gold oder andere Wertsachen darin zu finden. Jetzt standen drei Särge am Fuße des Tamariskenkegels, in dem sie begraben gewesen waren. Zwei von den Leichen, die eines älteren Mannes und die einer Frau in mittleren Jahren, waren gut erhalten. Die Haut umschloß dicht das Skelett und war hart wie Pergament. Die Frau war mir besonders interessant. Ihr vollkommen unbeschädigtes Haar war im Nacken mit einem roten Bande zusammengebunden und hatte eine rotbraune Farbe, die bei den Asiaten, an die man hier denken könnte, deren Frauen ihr Haar überdies stets in Flechten tragen, selten vorkommt. Der Schädel hatte indoeuropäische Form, die Stirn war hoch, die Augen lagen gerade, die Jochbeinbogen standen wenig hervor, und die schmale Adlernase hatte längliche, beinahe parallele Nasenlöcher. Es ging daraus unzweideutig hervor, daß man keine Chinesin oder Mongolin vor sich hatte. Dazu kam, daß ihre Kleidung nicht asiatisch war. Sie hatte eine Art Hemd von grober Leinwand an, das enganliegende Ärmel hatte und sich nach unten rockartig erweiterte. Die asiatischen Frauen haben weite Ärmel und bauschige Beinkleider, aber nie Röcke, weil diese ihnen, die nach Männerweise reiten, nur hinderlich sein würden. Um die Stirn hatte sie, ebenso wie der Mann, eine kleine dünne Binde gehabt, die jetzt beinahe ganz zu Staub geworden war. An den Füßen trug sie rote Strümpfe. Bei beiden Leichen waren die Nägel beschnitten, nicht wie bei den Chinesen langgewachsen.
Von der Kleidung des Mannes war nicht mehr viel vorhanden. Das weiße Haar war nicht wie bei den Chinesen teilweise abrasiert, noch weniger in einen Zopf geflochten. In seinem Sarge lag ein einfacher Holzkamm. Die Särge waren schnell und provisorisch zusammengeschlagene Laden von sechs Pappelbrettern mit parallelen Seiten, ebenso hoch wie breit und etwas länger als die Leichen. Ganz in der Nähe sahen wir die Überreste einer alten Hütte, deren Wände aus ineinander geflochtenem Reisig bestanden.
Alles schien anzudeuten, daß die Toten Russen waren, und mir stieg gleich der Gedanke auf, es könnten zwei von den Raskolniken, den russischen Schismatikern, sein, die in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts von Sibirien nach dem Lop-nor flohen und von deren weiteren Schicksalen nichts bekannt ist. Der Tamariskenkegel, in den die beiden Särge hineingestellt gewesen, hatte damals, als das Begräbnis stattfand, wohl ebenso ausgesehen wie jetzt.