Wenn das Lager fertig ist, macht sich Turduk allabendlich seine Pfeife zurecht, wozu recht originelle Anstalten nötig sind. Er schneidet sich zwei Stäbchen und steckt sie so in die Erde, daß das eine senkrecht, das andere in einem Winkel von 45 Grad nach oben zeigt, beide aber von demselben Punkte ausgehen. Dann wird feuchter Lehmteig um sie herumgelegt und dicht an sie herangedrückt, worauf die Stäbchen entfernt werden. In die Öffnung des so gebildeten vertikalen Ganges wird eine Fingerspitzevoll von dem sauren, schlechten Tabak des Landes gelegt, an dem Ende des schrägen Ganges wird der Rauch eingesogen. Die Stellung desjenigen, der sich dieses raffinierte Genußmittel zu Gemüt führt, ist jedoch weder bequem noch graziös. Der Raucher muß der Länge nach auf dem Bauche an der Erde liegen. —
Am folgenden Tage setzten wir unseren Weg längs des Bostan-tograk nach Andere und dem Baba-köll fort, von wo aus wir den Rückweg nach Tschertschen antraten. Unterwegs trafen wir nur eine Eselkarawane, die Häute von wilden Yaken und Kulanen aus den nordtibetischen Bergen nach Kerija brachte. Es wurde ein kalter Ritt. In der Nacht auf den 25. Januar hatten wir −29,6 Grad, und das Maximum stieg selten über −14 Grad. Man ist der Kälte und dem Winde völlig preisgegeben und gerät in einen Zustand apathischer Gleichgültigkeit. Jetzt brauchte ich wenigstens keine Wegaufnahme zu machen, denn wir kehrten auf demselben Wege, den wir gekommen, wieder zurück, und ich konnte also die Hände in die Ärmel meines sartischen Wolfspelzes stecken.
In der Nacht auf den 27. sank die Temperatur auf −31,2 Grad, und als sie um 1 Uhr auf −16 Grad stieg, erschien uns die Luft, da es windstill war, beinahe temperiert. Wir ritten schnell. Die Hufe schlugen dumpf und eintönig auf die gefrorene Erde. Vornübergebeugt, zusammengekauert, saßen wir mit gekreuzten Armen im Sattel und ließen den Pferden freie Zügel. Erst im Lager wurde bemerkt, daß Kurban und ein Packpferd fehlten. Um Mitternacht kam er jedoch zu Fuß an, halbtot vor Kälte. Sein Pferd war zu müde gewesen, und er hatte es bei Turduk zurückgelassen.
Den letzten Tag ritten wir von Jantak-kuduk nach Tschertschen in 10 Stunden, nachdem wir nachts eine Minimaltemperatur von −32,2 Grad gehabt hatten, was in diesem ganzen Winter das Minimum blieb. Wir brachen indessen erst spät auf, so daß wir noch mehrere Stunden in finsterer Nacht reiten mußten und die nächtliche Kälte wieder anfing. Es war schneidend kalt und dazu herrschte noch Gegenwind, der freilich schwach war, aber hinreichte, um uns im Sattel fast vor Kälte erstarren zu lassen. Ich versuchte, mein Gesicht durch ein Halstuch zu schützen; aber der Atem gefror und erstarrte im Barte und an der Nase; das Tuch schützte jedoch ein wenig gegen den schneidenden Wind. Am schlimmsten ist es für die Augen, denn wenn sie vom Winde tränen, kleben die Wimpern zu kleinen Eisklumpen zusammen, die man von Zeit zu Zeit entfernen muß, um die Augen öffnen zu können.
Schön war es daher, endlich an Ort und Stelle zu gelangen und sich an den Feuern im Hause des Bek erwärmen zu können, heißen Tee mit frischen Eiern, Brot und Honig zu bekommen und dann in die Koje zu kriechen, um noch ein paar Stunden schwedische Zeitungen zu lesen und sich an dem züngelnden, gemütlichen Spiele des Feuerscheines an den Wänden zu freuen, während Jolldasch, müde von der langen, kalten Reise, lang hingestreckt am Feuer schnarchte.
Das Ergebnis dieser Rekognoszierung war weniger reich, als ich gehofft, und kaum die dreizehn Tage, die ich geopfert hatte, wert. Dennoch waren mehrere wichtige geographische Beobachtungen gemacht worden, besonders hinsichtlich der Ausdehnung der Sandgürtel in diesem Teile des Landes, der Breite der Vegetationsgebiete und der Größe der Flüsse nebst ihrer Richtung, die nördlicher ist als auf Roborowskijs Karte, was seinen Grund in dem langsamen Gefälle des Tarimbeckens nach dem Lop-nor hat.
Siebzehntes Kapitel.
Zwischen vergessenen Gräbern und ausgetrockneten Flußbetten.
Der 30. Januar war ein wenig einladender Tag zum Aufbruche von Tschertschen: Wind, dichte Wolken, Schneefall und ein eiskalter, feuchter Nebel und dabei mittags um 1 Uhr noch −15 Grad. Wir brachen indessen doch auf. Wir waren eine recht stattliche Karawane mit sechs Kamelen, fünf Pferden und einer ganzen Schar Bürger von Tschertschen, die uns bis an den Fluß begleiteten. Mollah Schah wurde fest bei mir angestellt; er schien mir sehr brauchbar für die Reise nach Tibet. Sein Abschied von der Vaterstadt, von seiner Frau und seinen sechs Kindern war so ruhig, als handelte es sich um einen Ausflug von ein paar Tagen. So leicht verläßt kein Europäer sein Heim, wenn er es erst in 2½ Jahren wiedersehen soll.
Wir folgten nicht dem gewöhnlichen Wege auf dem linken Ufer des Flusses, sondern überschritten ihn und durchzogen in den ersten beiden Tagen die Steppen des rechten Ufers, um in Keng-laika zu lagern, wo wir zuerst an den Fluß gelangt waren und wo ich einen astronomisch bestimmten Punkt hatte.
Es war jetzt meine Absicht, so genau wie möglich das alte Bett des Tschertschen-darja festzustellen, das nach Roborowskij, der es jedoch nie selbst gesehen hatte, etwa 65 Kilometer nördlich von dem jetzigen liegen sollte. Dies war das Problem, das jetzt zu lösen war und das zu dem ursprünglichen Programme gehörte. Es stellte sich nachher heraus, daß die Angaben, welche Roborowskij von den Eingeborenen erhalten hatte, unzuverlässig gewesen waren und einer Revision bedurften.