79. Tschernoffs wildes Kamel. ([S. 213.])

80. Eines unserer zahmen Kamele. ([S. 213.])

Die Hirten, die in diesen vor den Blicken der Welt so abgesperrten Gegenden ihre Tage verleben, sind gutmütige, freundliche Leute, die nur anfänglich eine gewisse Scheu vor dem Fremdling zeigen, aber, nachdem sie sich überzeugt haben, daß er keine bösen Absichten hegt, bald zutraulich werden. Sie sprechen alle mit weicher, milder, durchaus nicht unangenehmer Stimme, die den Eindruck macht, selten zu ertönen und beinahe vor ihrem eigenen Klange zu erschrecken. Unser Hirt hatte eine wirklich schön klingende Stimme, die er übrigens in allen möglichen Nuancen und so leise und vorsichtig ertönen ließ, als fürchte er sich vor dem Sprechen. Hätte man nur seine Stimme gehört, so würde man ihn für einen Mann von weit höherem Bildungsgrad gehalten haben, aber sein Aussehen zeigte, daß er ein echter Wilder war. Er trug einen Schafpelz, eine Pelzmütze und Schuhe von demselben Material, sah mit seinem nie gewaschenen Gesichte so dunkel wie ein Indianer aus, hatte schmale, schrägliegende Augen, eine dicke Nase und fleischige Lippen und war völlig bartlos. Religion hatte er jedoch, denn als wir an einem Masar vorbeiritten, blieb er stehen und strich sich mit den Handflächen über das Gesicht, wie es die Muselmänner bei ihrem „Allahu ekbär“ immer tun.

Am Morgen des 22. Januar waren wir wieder ganz eingeschneit. Wir verlassen jetzt die Straße und schlagen auf ungebahnten Wegen die Richtung nach der „alten Stadt“ ein. Das Terrain war scheußlich. Zwischen einem Chaos von Tamariskenkegeln liegen kleine, lockere Sanddünen, die im Verein mit dem frischgefallenen Schnee das Vordringen entsetzlich langsam und anstrengend machen. Die Pferde waten im Sande und sinken bei jedem Schritte fußtief ein.

Auf solchem Terrain gelangten wir schließlich an die Ruine eines Hauses, das zwei quadratische Zimmer enthalten hat. Die aus Lehm bestehenden Mauern und ein Gerippe aus Pfählen und Stangen standen noch aufrecht bis zu einer Höhe von 5,8 Meter. Sie waren so dick und stark, daß man in ihnen eine Festung früherer Zeiten vermuten konnte. Wir lagerten in geringer Entfernung bei den Ruinen einiger uralter Türme. Der Schnee lag so hoch, daß er die genauere Untersuchung dieses an und für sich armen Ruinenfeldes in hohem Grade erschwerte.

Im Laufe des Abends nahm das Schneien so zu, daß wir, die wir kein Zelt hatten, einige Vorsichtsmaßregeln ergreifen mußten. Mein Bett wurde, wie gewöhnlich, auf der Erde aufgeschlagen, nachdem der Schnee fortgeschaufelt worden war, und meine kleine Kiste vor das Kopfende gestellt. An dieser wurde eine Filzdecke befestigt, deren anderes Ende ein paar Tamariskenzweige trugen, und die wenigstens meinen Kopf schützte, während der untere Teil des Bettes sich allmählich mit richtigen Schneewehen bedeckte. Während der Nacht weckte mich plötzlich etwas, das mein Gesicht wie eine eiskalte Hand berührte. Es stellte sich heraus, daß es die Filzdecke war, die infolge des Gewichtes des Schnees heruntergeglitten war; ein Teil der kalten Niederschläge hatte längs meines Halses seinen Weg in das Bett hinein gefunden. Nahe am Feuer sind die Filzdecken wie in Schlamm getaucht.

Am andern Tage wurde die Kona-schahr (alte Stadt) in Augenschein genommen. Eine ziemlich massive Lehmmauer ragte aus dem Schnee hervor, und mehrere Wälle und Trümmerhaufen zeigten die Plätze früherer Häuser an. Wir fanden Spuren von einem Kanal, der anscheinend aus dem nahegelegenen Flusse Bostan-tograk nach diesem Orte hingeleitet worden war. Die am besten erhaltene Ruine war ein zirka 10,5 Meter hoher Turm von 24,2 Meter Umfang mit einer Öffnung oder Schießscharte oben an der einen Seite, wohin man jedoch nicht ohne Leiter gelangen konnte, da das Innere des Turmes kompakt war. Im Südosten sah man noch zwei Türme. Sie hatten also alle in einer Reihe gelegen und wahrscheinlich einen alten Weg markiert. Rote und schwarze Scherben von gebrannten Ziegeln kamen in großer Menge vor. Spuren von Inschriften oder Ornamenten waren nirgends zu entdecken, und alles war sehr von der Zeit mitgenommen. Leider wurde eine genauere Untersuchung durch den fußhohen, alles nivellierenden Schnee erschwert.

Es mag hier eingeschaltet sein, daß Dr. Stein von Rawalpindi während der höchst interessanten, verdienstvollen und ergebnisreichen Reise, die er 1900–1901 hauptsächlich zu archäologischen Zwecken durch Ostturkestan machte, auch den unteren Andere-darja besuchte und dort die Ruinen eines alten Ortes entdeckte. Von besonders großer Bedeutung sind die von ihm ausgegrabenen Manuskripte. Ich empfehle jedem, der sich für die archäologischen Probleme in Innerasien besonders interessiert, aufs wärmste Steins vortreffliche Arbeit. «Archæological Exploration in Chinese Turkestan. Preliminary Report» (London 1901), um so mehr als die von mir am Lop-nor gemachten Entdeckungen durch Steins gründliche Untersuchungen an anderen Stellen in klarerem und vielseitigerem Lichte erscheinen. —

Wir ritten am Abend nach dem Bostan-tograk weiter, dessen Flußbett bis zu 8 Meter tief in den Boden eingeschnitten und 141 Meter breit ist; es war mit Eis gefüllt, das einen halben Meter dick war und direkt auf dem Schlammgrunde ruhte. Daß das Eis so dick wird, beruht darauf, daß eine Quelle den ganzen Winter hindurch das Bett hinabfließt und nach und nach gefriert, wobei das Eis an Dicke zunimmt. Bei Andere führte dieser Quellstrom 3 Kubikmeter Wasser in der Sekunde. Der Bostan-tograk ist also auch in seinem Unterlauf ein ansehnlicher Fluß; wo der Fluß aufhörte, ein solcher zu sein, eine gute Strecke weiter nach Norden, lag früher die Ansiedlung Andere-terem, die aber jetzt verlassen ist.