87. Einige von Ördeks Trophäen.
Das Maß auf der rechten Seite des Bildes stellt einen Meter dar. ([S. 232.])

Achtzehntes Kapitel.
Die Ankunft der burjatischen Kosaken in Tura-sallgan-ui.

Mit einer Beschreibung des Netzes der Wasserwege, welche die Landstrecken durchkreuzen, über die wir den Rückzug nach Jangi-köll antraten, werde ich den Leser nicht ermüden. Eine verwickeltere, verworrenere Hydrographie läßt sich nicht denken. Namen, die auf „köll“, „tscholl“, „daschi“, „akin“, „kok-ala“ (= See, Tümpel, Salztümpel, Strom, Flußarm) endigen, kommen unausgesetzt vor, selbst da, wo das Land jetzt trocken liegt.

Das Dorf Scheitlar zählt drei Familien, die von Fischfang und Schafzucht leben. Eine alte Frau saß vor den Schilfhütten ([Abb. 70]) und schlug Pflanzenfasern (Tschigge, Asclepias), bis sie eine baumwollartig feine, weiche Masse bildeten, aus der ein grober, aber haltbarer Stoff gewebt wird. Sie erzählte, daß ihre Eltern am Tschiwillik-köll gewohnt hätten, der früher sehr viel größer gewesen sei als jetzt und noch der größte See sei, den die Leute hier überhaupt kennen.

Unser Weg führte jetzt nach Nordwesten. Bei Arelisch teilt sich der Kun-tschekkisch-tarim in zwei Arme, von denen der östliche nach dem obenerwähnten See geht; der westliche ist der Kok-ala, an dem wir zum Teil hingezogen sind. Die Tage werden immer frühlingshafter, obgleich die nächtliche Kälte noch auf −18,8 Grad herunterging. Am 21. Februar erreichten wir Dural, wo der Amban von Lop residiert, und am Tage darauf Tikkenlik, wo Kirgui Pavan zu mir stieß. Er war es, der mir 1896 den Weg nach den großen Seen im Osten gezeigt und mir dadurch Gelegenheit gegeben hatte, eine so bedeutungsvolle Entdeckung zu machen.

Im Lager Turduning-söresi wurden wir wieder vom Glück begünstigt. Ein Mann aus Singer im Kurruk-tag, Abdu Rehim, hatte sich dort mit acht Kamelen niedergelassen, um einige Tage im Walde zu rasten. Ich brauchte gerade für die nächste Expedition einen Führer nach dem trockenen Flußbette Kum-darja, dessen Vorhandensein sowohl der russische Reisende Kosloff wie ich festgestellt hatte, doch bisher nur dadurch, daß wir es an einigen Punkten berührt hatten. Es stellte sich jetzt heraus, daß Abdu Rehim derselbe Mann war, der Kosloff den Weg von Norden nach Altimisch-bulak gezeigt hatte, der Quelle im Kurruk-tag, die dem Kum-darja zunächst liegt.

Es war wirklich ein außergewöhnlich glückliches Zusammentreffen, daß ich gerade diesem Manne begegnen mußte, der einer von den zwei oder drei Jägern im ganzen Lande war, die nach Altimisch-bulak hinzufinden wissen. Ganz leicht ließ sich jedoch nicht mit ihm einig werden, denn er taxierte seine eigene Bedeutung ganz richtig, und als wir den Vorschlag machten, ihm seine Kamele abzukaufen, verlangte er unverschämte Preise. Islam Bai, der in seiner Art, mit seinen Glaubensgenossen umzugehen, etwas von Tamerlans rücksichtslosem Despotismus hatte, geriet infolgedessen in eine Schlägerei mit Abdu Rehim, der anfänglich den Eindruck eines Freibeuters und unbändigen Gesellen machte. Als dieser sich grollend entfernte, rief ich ihn zu mir, und nun machten wir die Angelegenheit unter vier Augen ab — ohne Handgreiflichkeiten. Er sollte mir sechs seiner Kamele für täglich ½ Sär pro Tier vermieten und mich durch das Bett des Kum-darja nach Altimisch-bulak führen, von wo er nach Singer, seiner Heimat, weiterziehen sollte. Seine Kamele trugen keine Lasten; er hatte seine Schwester und ihre Aussteuer einem Bek in Dural gebracht und kehrte jetzt mit leeren Händen wieder nach Hause zurück. Islam Bai prophezeite, daß mir dieser Mann Unannehmlichkeiten bereiten würde, aber er hatte unrecht. Einen besseren, zuverlässigeren, tüchtigeren Führer habe ich nie gehabt. Es war das erste Mal, daß ich Veranlassung hatte, mit Islam unzufrieden zu sein; es sollte aber noch schlimmer kommen.

Unsere Kamelhengste waren nach der Erwerbung dieser neuen weiblichen Gesellschaft für die Karawane kaum mehr zu regieren. Besonders ein kräftiges baktrisches Kamel war störrisch und wollte seine Kameraden unaufhörlich beißen. Es war wild geworden, und der Schaum stand ihm vor dem Munde, als sei es von einem Barbiere eingeseift worden. Es brüllte und seufzte den ganzen Weg in den sehnsüchtigsten, schwermütigsten Tönen. Sobald wir lagerten, mußte es mit dem Nasenstricke und starken Verschnürungen um die Füße an einer Pappel verankert werden.

Auf dem letzten Tagemarsche (24. Februar) begegneten uns ganze Scharen von Dorfbewohnern der Gegend, Beke mit Gefolge, Kundschafter und Kuriere. Alle waren ebenso froh wie erstaunt, uns lebendig wiederzusehen, nachdem wir spurlos und still in der Tiefe der Wüste verschwunden waren. Noch feierlicher aber war es, als drei Kosaken auf schwarzen, schnaubenden Pferden heransprengten. Es waren Sirkin und die beiden neuen Kosaken aus Transbaikalien; sie waren wie zur Parade gekleidet, in dunkelgrüner Uniform, das Wehrgehenk über der Schulter, mit schwarzen Lammfellmützen und blanken Reiterstiefeln! Trotz ihrer ausgeprägt mongolischen Züge sahen sie auf ihren hohen Pferden, die sie mit überlegener Sicherheit lenkten, stattlich aus. Ich kam mir neben ihnen ganz zerlumpt vor. Sie hielten vor mir, grüßten militärisch und statteten in vorschriftsmäßiger Weise Rapport ab.

Sirkin, der Höchstkommandierende im Winterquartier, meldete, daß ein Kamel durchgebrannt und einer der Windhunde auf der Jagd von einem Wildschweine schwer verwundet worden sei; im übrigen stehe im Lager alles gut. Der älteste der beiden neuen Kosaken rapportierte, ihm und seinem Kameraden sei von ihrem kommandierenden General in Tschita Befehl erteilt worden, sich zu mir nach dem Loplande zu begeben.