Dann hielten wir unseren festlichen Einzug in Tura-sallgan-ui, wo Tschernoff und eine große Anzahl unserer Nachbarn sich auf dem Markte versammelt hatten ([Abb. 71]). Das Lager sah größer aus, der Stall hatte einen Anbau, und ein neues Zelt war aufgeschlagen. Alles war sauber und zu unserer Heimkehr geschmückt, mein Haus gereinigt und der Ofen im Zelte geheizt. Alle befanden sich wohl, die Maulesel waren dick und fett, und die Kamele und das Dromedar hatten an Umfang zugenommen, aber wild waren sie, namentlich das letztere, das auf eine „unterirdische“, unheimlich dumpf rollende Weise brüllte, mit den Zähnen knirschte und schäumte, daß ihm der Geifer in großen Flocken vom Maule herabtropfte; es rollte die Augen und versuchte zu beißen. Wehe dem, der ihm zu nahe kam! Es duldete nur Faisullah in seiner Nähe. Doch seine Füße waren mit einem Tau festgebunden, das um einen in die Erde gerammten Pflock geschlungen war, und die Bestie konnte sich nicht von der Stelle bewegen.

Parpi Bai, der sich sofort, als das entlaufene Kamel vermißt worden war, aufgemacht hatte, um es zu verfolgen, kehrte unverrichteter Sache wieder zurück. Dieses Kamel, eines der fünfzehn, verschwand auf rätselhafte Weise vom Schauplatze. Es spukte nachher noch lange in der Gegend. Bald dieser, bald jener versicherte, es gesehen zu haben; es sei stets verschwunden, sobald man versucht habe, sich ihm zu nähern und es einzufangen. Parpi Bai hatte seine Spur ein paar Wochen hindurch bis nach Schinalga verfolgt, von wo das Tier ins Gebirge hinein, dann aber wieder abwärts in der Richtung nach Kutschar gelaufen war, wo Parpi Bai diesem fliegenden Holländer noch einen ganzen Tag in gestrecktem Galopp nachgesetzt war. Dann aber hatte er das Tier völlig aus den Augen verloren, und keiner der Bewohner der Gegend hatte ihm Auskunft über dasselbe geben können. Nur bei Tschadir hatte ein Jäger es gesehen, für ein wildes Kamel gehalten und gerade schießen wollen, als er den Packsattel gewahrte. In diesem Augenblick hatte das Tier seinen Verfolger erblickt und war hinter dem nächsten Berge verschwunden. Bei Schinalga war ihm ein anderer Reiter ganz nahe gewesen; als sich aber das verängstigte Kamel nur noch einen Steinwurf vor dem Lasso, den der Mann bereithielt, befand, war es auf einmal dahingestürmt, als habe es Feuer hinter sich, und war wie der Wind entflohen. Gegen Ende des Frühlings wurde uns erzählt, es sei nach dem Juldustale gelaufen und dort von Kalmücken aufgegriffen worden. Wir sahen es nie wieder.

Es ist weder vorher noch nachher je vorgekommen, daß mir ein Kamel aus der Karawane einfach entlaufen ist, aber Turdu Bai und Faisullah, die die Lebensgewohnheiten der Kamele aus langjähriger Erfahrung kannten, sagten, es komme gelegentlich vor, daß das Kamel, wenn es von Wildschweinen oder Tigern erschreckt werde, vor Angst ganz von Sinnen sei. Es sei dann so verwirrt und verängstigt und fliehe, als sei der Teufel und sein ganzer Anhang ihm auf den Fersen. Etwas Derartiges hatte augenscheinlich unser Kamel betroffen.

Daß der Tiger auch hier vorkommt, davon erhielt ich einen beinahe lebenden Beweis. Nicht weit vom Lager hatte Mirabi, einer unserer Freunde, kürzlich in einer Falle einen Tiger gefangen, der jetzt mit Haut und Haar, gefroren und steif wie ein Turnpferd, mitten auf dem Markte paradierte. Nachdem er im Frühling aufgetaut war, bewahrten wir uns das Fell auf.

Da gerade von den Tieren die Rede ist, will ich noch erwähnen, daß meine Menagerie sich um eine Katze und zwei neugeborene Hündchen, die wir von Pavan Aksakal bekamen, vergrößert hatte. Sie wurden Malenki und Maltschik (der Kleine und das Bübchen) getauft, weil sie so klein und niedlich waren. So hießen sie auch noch, als sie schon ausgewachsen und ein paar Riesen ihrer Gattung geworden waren. Sie waren in der Karawane geboren, verbrachten ihr Leben in der Karawane und wurden vorzügliche Karawanenhunde und meine besonders guten Freunde, die alle ihre Kameraden überlebten. Wir hatten jetzt auch eine Menge Hühner, die dazu beitrugen, das ländliche Bild noch gemütlicher zu machen; der Jagdfalke hatte sich eingewöhnt, und die Lailiker Gans, unsere Reisegefährtin von der Flußfahrt, hatte es in jeder Beziehung gut. Sie schien ihre früheren Verwandten vergessen zu haben und schenkte den Wildgänsen gar keine Aufmerksamkeit mehr.

Diese hatten schon im Februar angefangen, von Westen her wiederzukommen. Es sind dieselben Scharen, die wir im Herbst nach Indien ziehen sahen, in der entgegengesetzten Richtung, aber auf demselben Wege, über dieselben Seen und Flüsse hin, vorbei an denselben Pappeln und Waldgruppen, die sie seit Generationen kennen. Der Tarim ist ihre große Heerstraße, und sie scheinen selten den geraden Weg über die Wüste einzuschlagen. Sie flogen jetzt massenweise über Tura-sallgan-ui hinweg; wir hörten ihr Geschrei und ihre schnatternde Unterhaltung zu jeder Tages- und Nachtzeit, bei jedem Wetter, in pechfinsterer Nacht, wenn die Wolken Mond und Sterne hinderten, die Erdoberfläche zu erhellen; wir sahen sie am Tage bei Windstille wie bei Sturm, wenn die Sonne verhüllt war oder zwischen zerrissenen Wolken hervorguckte; sie zogen in eilender Fahrt vorbei, ohne Rast und Ruh. Die Lopleute sagten, daß dieselben Scharen Jahr für Jahr nach denselben Nistplätzen zurückkehren und gerade so wie die Loplik selbst bestimmte Gesetze über das Besitzrecht haben. Durch ihre viermonatige Abwesenheit entgehen sie der kontinentalen Kälte, die alle Seen und Flüsse verschließt.

An Wild litt ich also keinen Mangel. Täglich gingen die Kosaken auf die Jagd, und nie kehrten sie mit leeren Händen heim. Sie erlegten mehrere Wildschweine und brachten uns Fasanen, Enten und Gänse, gelegentlich auch ein Reh. Von allen Seiten erhielten wir landwirtschaftliche Erzeugnisse, Eier, Milch, Sahne, Schafe, Hühner, Heu usw., und Fische hatten wir stets im Überfluß.

Tura-sallgan-ui war ein Marktplatz, ein im ganzen Loplande bekannter Ort von Bedeutung geworden. Außerhalb unserer eigenen Grenzen entstanden kleine „Vorstädte“, in denen Tischler, Schmiede und andere Handwerker sich niederließen. Ali Ahun, ein Schneider aus Kutschar, gründete ein wohllöbliches Etablissement, in dem eine kleine Nähmaschine den ganzen Tag rasselte. Parpi Bai, der gelernter Sattler war, hatte seine Werkstatt neben dem Stalle und war damit beschäftigt, vorzügliche Packsättel für Kamele und Maulesel anzufertigen. Von Kutschar und Korla kamen Kaufleute mit Waren, die wir, wie sie wußten, brauchen konnten, wie Zucker, Ziegeltee, chinesisches Porzellan, russische Teekannen, Zeugstoffe usw. Ein Kaufmann aus Andischan baute sich hier sogar ein eigenes Haus, eine Strohhütte, deren Wände mit rotem russischem Kattun tapeziert wurden und in welcher ganze Stapel von Zeugballen, Tschapanen, Mützen und Stiefel standen, ganz wie in den Läden der Basare. Dieser „Laden“ wurde sehr beliebt, und man sah dort unsere Muselmänner und Kosaken oft plaudern, Tee trinken, rauchen und kaufen.

Und erst alle die Reisenden, die hier vorbeizogen! Die große Landstraße führte freilich über Dschan-kuli, aber der dortige Herbergsvater hatte in uns einen gefährlichen Konkurrenten bekommen, und der Weg fing allmählich an, über Tura-sallgan-ui zu gehen. Alle Reisenden wollten natürlich in unserem Dorfe übernachten; für sie war es ein willkommenes Tama-schah, beobachten zu können, wie es bei uns aussah. Reiter ritten täglich in das Dorf ein und boten auf dem Markte Pferde aus, von denen mehrere gekauft wurden.

So wuchs die Bedeutung unserer kleinen Stadt mit amerikanischer Schnelligkeit, und noch am späten Abend war es ein ewiges Kommen und Gehen und ein Lärm ohnegleichen. Die einzige Laterne des Marktes mußte brennen, bis der letzte Fremdling abgezogen war. Dann hörte man nur noch die Schritte des Nachtwächters und das Bellen der Hunde.