Während meiner Abwesenheit hatte Sirkin das meteorologische Journal mit musterhafter Genauigkeit geführt, und da es ein großer Vorteil war, einen festen Punkt für die Beobachtungen zu haben, erhielt er Befehl, es während der nächsten Exkursion fortzusetzen und auch dann Chef im Winterquartier zu sein. Tschernoff wurde zu meinem Leibkoch ernannt und bereitete kleine vorzügliche Koteletten und Pilmen (Fleischklöße). Er sollte mich auf der nächsten Reise begleiten.

Streng genommen hätte ich diese beiden Kosaken, die dem Konsulatskonvoi in Kaschgar angehörten, jetzt zurückschicken müssen, denn ich hatte nur das Recht, sie bis zur Ankunft der beiden Burjaten zu behalten. Doch ich hatte sie so liebgewonnen und gesehen, wie ehrlich und gewissenhaft sie die ihnen anvertrauten Aufträge ausführten, daß ich mich mit dem Gedanken, mich von ihnen zu trennen, nicht vertraut machen konnte. Ich schrieb daher an Generalkonsul Petrowskij und bat ihn, sich an die betreffende Behörde mit dem Gesuche zu wenden, daß ich die Kosaken noch behalten dürfe, und überzeugt, daß mein Gesuch bewilligt würde, behielt ich Sirkin und Tschernoff bis auf weiteres.

Islam Bai sollte im Lager als Oberbefehlshaber der Muselmänner bleiben. Er und Sirkin erhielten den Auftrag, sich nach meiner Abreise nach Korla zu begeben, um 25 Pferde, einige Maulesel und Proviant für die Sommerkampagne in Tibet zu kaufen.

Die beiden neuen Kosaken waren Vollblutburjaten. Ihre Sprache unterscheidet sich nur wenig vom Mongolischen, aber sie sprachen auch fließend Russisch, und während der Zeit, die sie in meinem Dienste waren, lernten sie ganz vorzüglich Dschaggataitürkisch. Der Religion nach sind sie Lamaisten, und ihre Augen strahlten vor Begeisterung, als ich ihnen einmal anvertraute, daß wir später südwärts nach dem heiligen Tibet ziehen würden.

Nikolai Schagdur und Tseren Dorschi Tscherdon ([Abb. 72]) waren jeder 24 Jahre alt und gehörten dem transbaikalischen Kosakenheere an, das zu nicht geringem Teile aus Burjaten besteht. Ihre Dienstzeit ist vier Jahre, von denen meine beiden Kosaken erst die Hälfte hinter sich hatten, als sie diesen außergewöhnlichen, verlockenden Auftrag erhielten, der ihnen Gelegenheit geben sollte, eine ihnen unbekannte Welt zu sehen. Ihren Sold für zwei Jahre hatten sie in 1000 Goldrubeln erhalten, denn der russische Kaiser hatte bestimmt, daß die Eskorte mich nichts kosten solle. Ich nahm indessen ihr Gold in Verwahrung, gewährte ihnen freie Station, solange sie bei mir waren, und gab ihnen nachher, außer anderen Geschenken, ihre 1000 Rubel wieder, so daß die Abkommandierung ihnen noch bedeutenden pekuniären Gewinn brachte. Aber ihre Dienste waren auch unschätzbar, und ihre Aufführung war über jedes Lob erhaben.

Sie hatten die Reise von Tschita hierher in 4½ Monaten gemacht, mit der Eisenbahn, mit der Post, zu Pferde und zuletzt in der Arba. Als Kosaken in Dienst hatten sie auf russischem Gebiete freie Reise. Die Reise war über Irkutsk, Krasnojarsk, Kuldscha und Urumtschi gegangen, an welch letzterem Orte sie von dem großen Sinologen, dem nunmehr verstorbenen Konsul Uspenskij, zwei Monate aufgehalten worden waren, weil dieser meine Spur verloren und nicht gewußt hatte, wohin er sie schicken sollte.

Nach beendeter Dienstzeit, während welcher sie in Sprache und Disziplin völlig russifiziert werden können, kehren die burjatischen Kosaken in ihre Stanitzen (Dörfer) zurück, nehmen die Tracht und die Sitten ihrer Heimat wieder an und leben hauptsächlich von Viehzucht. Schagdurs und Tscherdons Stanitza war Ataman Nikolajewska, 200 Kilometer nordwestlich von Troizkosawsk. Diese beiden Männer wären für mich in den Tod gegangen, und ich schloß mich ebenso an sie an wie an ihre russischen Kameraden. Besonders Schagdur war das Ideal eines Menschen und ein guter, treuer Diener. —

Während meines kurzen Aufenthalts in Tura-sallgan-ui war das Wetter noch recht winterlich. Schon am 25. Februar tobte der erste wirkliche „Kara-buran“. Es war schön, im Hause sitzen zu können, während der Sturm um unsere Schilfhütten heulte und unsere einzige Pappel umzubrechen drohte. Flugsand und Staub trieben über das Eis des Tarim hin, und die Dünenwand im Süden war im Nebel gar nicht zu sehen. Am 26. fiel Schnee in Gestalt von runden Körnern, die knatternd auf das Zelttuch schlugen. Die Landschaft wurde wieder kreideweiß, und die Dünenwand sah aus wie eine schneebedeckte Bergkette. Schließlich aber wurde das Wetter schön, und ich konnte mich an die astronomischen Observationen machen; für die Kartenarbeit war Tura-sallgan-ui der wichtigste Knotenpunkt der ganzen Reise.

Am 4. März stieg die Temperatur auf +7 Grad. Der feste Eispanzer des Flusses begann allmählich porös zu werden, und das Schmelzwasser stand nicht nur hoch auf dem Eise, sondern strömte auch in nicht unbedeutenden Mengen von den Ufern hinab. Die im ersten Eise festgefrorene Fähre lag infolgedessen mit ihrer Reeling in gleicher Höhe mit dem auf dem Eise stehenden Wasser und war schon halb vollgelaufen.

Wo die Stromgeschwindigkeit groß war, öffnete sich wieder eine Rinne im Eise. Sirkin und die anderen wurden ermahnt, wenn die erste Frühlingsflut komme, sehr vorsichtig zu sein. Meine Kisten sollten für den Fall, daß dem Lager eine Überschwemmung drohte, an Bord gestellt werden. Falls auch die Fähre in Gefahr sein würde, sollte sie an einen sicheren Platz gebracht werden.