Am 1. Januar 1901 stürzten mit unverminderter Kraft unerschöpfliche Kaskaden von Luft durch die Täler. Von einer kleinen Paßschwelle erblickten wir das gewaltige Bergmassiv des Anambaruin-ula. Der Anambaruin-gol ist ein Fluß, der hier die Astin-tag-Kette durchbricht, um in die Sandwüste hinauszugehen und dort zu sterben. Die Gegend pflegt oft, besonders im Sommer, von Mongolen besucht zu werden, und als wir nachher in einiger Entfernung ein grasendes Pferd umherlaufen sahen, nahmen wir fest an, daß wir jetzt mit Mongolen zusammentreffen würden. Das Tier betrachtete uns mit scheuen Blicken, als wir unsere Zelte in der Talweitung am Flußufer aufschlugen. Doch wie gründlich wir auch am nächsten Tage partienweise die Gegend abstreiften, von Mongolen war keine Spur zu entdecken; sie waren augenscheinlich schon lange fortgezogen.
Für uns war es eine Enttäuschung, sie nicht zu finden und auf ihre Auskunft über die Gegend verzichten zu müssen. Da wir jedoch Zeit hatten, beschloß ich, die Mongolen um jeden Preis ausfindig zu machen. Dieser Abstecher war auf 310 Kilometer zu veranschlagen; wir gingen dabei um den Gebirgsstock des Anambaruin-ula herum.
Um für die ersten Mongolen, die wir treffen würden, eine angenehme Überraschung in Bereitschaft zu haben, wollten wir das entlaufene Pferd mitnehmen. Es erwies sich aber als ganz unmöglich, das Tier einzufangen; nicht einmal mit Lasso und Treibjagd ließ es sich überrumpeln. Schließlich stürmte es talaufwärts davon. Es war in der Einsamkeit verwildert und so scheu wie ein Kulan.
Zweites Kapitel.
Bei den Särtängmongolen und durch die Gobiwüste.
Jetzt schritt unser Zug mehrere Tage lang gerade nach Osten. Den ersten Tag ging es ein großartiges, zwischen wilden, nackten Felswänden eingeschnittenes Tal hinauf, in welchem der Anambaruin-gol, mit blauschimmerndem, glattem Eise bedeckt, im Winterschlafe lag ([Abb. 178], [179], [180]). Einige Steinhütten zeigten, daß Mongolen das Tal dann und wann besuchten. Gerade unter dem Passe, der die östliche Grenze des Tales bildet, ließen wir uns in der Kälte nieder. Eine Herde von 12 Archaris kletterte geschickt und mit affenartiger Sicherheit auf einigen Felsvorsprüngen neben unserem Wege umher. Während sie die Karawane betrachteten, schlich sich Schagdur unter ihren sicheren Aussichtspunkt. Der Schuß rollte wie ein Echo zwischen den Bergwänden, und ein kolossaler Widder taumelte haltlos aus einer Höhe von 50 Meter herunter. Es wird von diesen wilden Schafen erzählt, daß sie, wenn sie auf ihren Felsenpfaden stolpern und ausgleiten, immer auf die Hörner fallen und dadurch die Wucht des Anpralls dämpfen. Schagdurs Opfer gehorchte diesem Gesetze sogar im Tode, denn er schlug mit den Hörnern polternd auf das Geröll auf. Unser Weg war lang gewesen, und im Lager war viel zu tun. Erst um Mitternacht kamen die Leute mit dem Archari, das sie auf ein Kamel geladen hatten, an. Es war mörderisch kalt in dem Winde, −28,5 Grad. Man glaubte, die Kälte in der klaren Nachtluft förmlich zittern zu sehen, und der Mond stand hoch und hell über den Schneefeldern der Gebirge.
Am folgenden Tag überschritten wir noch einen Paß und gelangten in die Gegenden des Gebirges, aus denen die Sommerflüsse südwärts nach dem Zaidambecken gehen. An einer Stelle sahen wir dessen Sandwüste zwischen isolierten, mächtigen Bergkomplexen.
So wanderten wir durch diese wilde Gebirgswelt nach Osten weiter. Wir hatten unter der Kälte und dem Winde zu leiden, es fehlte an Feuerungsmaterial, und ein paar Packleitern gingen darauf. Die Tiere hatten es auch nicht besser, denn die Weideplätze waren ebenso selten wie spärlich, und sogar die Quellen waren knapp. Den Kamelen macht es nichts aus, ein paar Tage zu dursten, die Pferde aber kauten Schnee, wenn sich ihnen weiter nichts bot. Im Norden erhebt sich das mächtige Massiv des Anambaruin-ula, im Süden ein kleinerer Bergrücken. Als es am 6. Januar Tag wurde, sahen wir offene Ebenen im Süden und Südosten und vor uns hatten wir jetzt das Hochlandbecken, das Särtäng heißt und von Särtängmongolen bewohnt wird, die mit den Bewohnern von Zaidam stammverwandt sind.
Fern im Osten sieht man den Bulungir-nor und die Wasserläufe, die sich in diesen kleinen See ergießen. Die vortrefflichen Weiden, die uns nach dem platten Lande zogen, waren jetzt freilich gelb, aber unsere Tiere würden sich nichtsdestoweniger dort sattfressen können, und wir wollten sie, obwohl es schon zu dämmern anfing, gern noch zum Abend erreichen. Einige schwarze Punkte hier und dort hielten wir für Zelte und Herden, aber die Entfernung war zu groß, um etwas deutlich erkennen zu können, und nach einer Weile hüllte sich das Land in Dunkelheit. Schagdur und Mollah sprengten voraus; eine Stunde später erhellte ein Feuer die Nacht; sie hatten augenscheinlich den Rand der Steppe erreicht und dort trockenes Gras und Gestrüpp in Brand gesteckt. Die langsam gehende Karawane brauchte noch zwei Stunden, um dorthin zu gelangen; als wir aber einmal da waren, durften die Tiere ungeknebelt die ganze Nacht grasen. In solchen Gegenden laufen sie nicht fort.
Als ich am folgenden Morgen geweckt wurde, hatten die Leute schon weiter im Süden einige Zeltlager entdeckt, nach denen wir unsere Schritte hinlenkten. Zuerst gelangten wir an drei Jurten, um welche herum große Herden von Rindern, Pferden und Schafen weideten. Eine alte Frau kam herausgelaufen und empfing uns ohne eine Spur von Furcht; sie fuhr, während sie schwatzte, ganz ruhig mit ihrer Handarbeit — Schnurdrehen — fort. Doch bat sie uns, ja nicht hier zu bleiben, denn hier seien nur Frauen und Kinder zu Hause; wir zogen deshalb weiter, bis wir drei andere Jurten erreichten, wo zwei Männer versicherten, daß wir willkommen seien und unsere Zelte bei ihnen aufschlagen könnten.
Wir hatten es gut bei diesen freundlichen, gastfreien Mongolen von Sando, die uns verkauften, was wir an Proviant brauchten, aber keine Karawanentiere abgeben konnten. Die Gegend war übrigens sehr spärlich bevölkert; nur einige wenige Jurten waren auf der Ebene zu sehen. Eine große Karawane war kürzlich nach dem Tempel von Kum-bum und eine zweite nach Sa-tscheo aufgebrochen. Die Mongolen, die noch hier waren, besuchten uns alle. Ich frischte bald das Mongolische, das ich auf meiner früheren Reise gelernt hatte, wieder auf, und überdies war Schagdur ein vorzüglicher Dolmetscher; es war ja seine Muttersprache, die er hier zu seiner Freude wiederfand.