Nachdem wir endlich auf ebenes Land geraten waren, gerieten wir dort in ein Terrain, das viel schlimmer war als die labyrinthähnlichen Gänge der Täler. Der Boden besteht aus salzhaltigem Tone, der Kammern, Rücken und Schwellen bildet, welche so hart wie Ziegel sind und unsern nach Nordosten laufenden Weg unter rechten Winkeln kreuzen. Man erhält den Eindruck, daß die Oberschicht des Erdreiches sich ausgedehnt haben muß und sich infolgedessen wie die Schale eines einschrumpfenden Apfels in Runzeln gelegt hat. Die Rücken sind hohl, und alle Risse gähnen schwarz. Ihre Höhe beträgt einen Meter, die Zwischenräume drei Meter. Wir ziehen zwischen ihnen durch, zwei Männern folgend, die mit Spaten vorausgehen.

Auch an diesem Abend erreichten wir eine Quelle mit Weide. Hier ging einsam ein wildes Kamel spazieren. Während wir im Kamischdickichte lagerten, birschte sich Schagdur an das Tier heran. Der Schuß widerhallte dumpf in der Dämmerung, und ich ritt nach dem Platze hin, von dem der an einem Vorderbeine verwundete Einsiedler vergeblich zu entfliehen suchte. Chodai Kullu machte ein Lasso und warf dem Kamel die Schlinge um den Hals, worauf es zu Boden gerissen und geschlachtet wurde. Jetzt hatten die Leute frisches Fleisch für mehrere Tage, und das prächtige Fett in den Höckern wurde auch mitgenommen. Nach Spuren und Dung zu urteilen, besuchen die wilden Kamele diese Quelle im Sommer in großen Herden.

Einen herrlicheren Weihnachtsabend konnte man sich in diesen kalten, öden Gegenden kaum wünschen. Die Luft war ruhig, der Himmel klar und blau. Nachdem Feuerung eingesammelt, ein paar Säcke mit Eis gefüllt und das Kamelfell zu Kopfkissen zerschnitten worden war, brachen wir auf und folgten den ganzen Tag dem alten Wege, dessen Steinhaufen wir bei der Quelle wiedergefunden hatten. Der Weg wurde bisweilen von bis zu zwanzig parallelen Pfaden bezeichnet, welche Zeugnis davon ablegten, daß Karawanen mit Kamelen und Pferden hier in ganzen Reihen gezogen sind. Vielleicht schrieb er sich aus einer Zeit her, als die weiter östlich wohnenden Mongolen ihre Herden in Temirlik weiden ließen. Erst in der Dämmerung gelangten wir an den Fuß des Astin-tag und schlugen unsere Zelte in der Mündung eines zwei Ketten trennenden Tales auf.

Als wir das Lager fertig hatten, wurde ein munter sprühendes Weihnachtsfeuer angezündet, das einzige, was an das große Fest in der Heimat erinnerte. Um mir die wehmütigen Gedanken, die an diesem Tage stets auf mich einstürmen, zu verjagen, rief ich Schagdur und weihte ihn in meinen Plan ein, den Versuch zu machen, nach Lhasa zu gelangen. Er war Feuer und Flamme dafür und glaubte, es würde uns gelingen, wenn wir uns vorschriftsmäßige Tracht und zuverlässige mongolische Reisekameraden zu verschaffen wüßten. Von nun an unterhielten wir uns oft abends über diese waghalsige Reise. Das Gespräch wurde russisch geführt, damit die Muselmänner nicht merkten, wovon die Rede war.

Während der letzten Tage des Jahrhunderts lenkten wir unsere Schritte in den Tälern zwischen den parallelen Ketten des Astin-tag beständig nach Nordosten. Die Kälte war scharf, und der Wind hielt noch immer an und brachte manchmal Schnee, der jedoch nur in den schattigen Schluchten liegen blieb. Die Berge glänzten mit ihrem weißen Schneegewande zwischen den Wolken hervor. Das Terrain war günstig; wir passierten eine Menge kleiner abflußloser Becken, deren Boden sich nach Regen in bald verdunstende Miniaturseen verwandelten. Zerstreut stehende Steppengrasbüschel, Teresken und Jappkak versahen uns mit Brennmaterial. Von Wild sahen wir in diesen Tagen nur Kamelspuren und einzelne Raben, die uns folgten. Tokta Ahun, der hier ein weniger guter Führer war als in den Kara-koschun-Sümpfen, fand den Kara-dawan nicht, ich kam aber ohne Hilfe durch das Gebirge.

Als ich am 27. Dezember in dem fürchterlich kalten Wintermorgen aus meiner Jurte schaute, fand ich den Boden mit einer ziemlich hohen Schneeschicht bedeckt, und das Schneetreiben dauerte den ganzen Tag an. Der Wind verfolgte uns ebenso eigensinnig wie im Sommer im inneren Tibet. Am 29. Dezember schliefen wir bei Sturm ein, erwachten am folgenden Morgen bei Sturm, ritten den ganzen Tag durch heulende Sturmböen und lagerten am Abend im Sturme. Es weht und zieht in der Jurte, die auf allen Seiten verankert werden muß, um nicht umzukippen, in welchem Falle der erhitzte Ofen die Filzdecken in Brand setzen und meine kostbaren Kartenblätter in alle Winde fliegen würden. Wir sehnten uns nach der Wüste, wo die Luft, wenigstens während der kalten Jahreszeit, nicht in beständigem Aufruhr ist, sondern wo gewissermaßen Waffenstillstand herrscht.

Einige der Quellen, an welchen wir lagerten, haben chinesische Namen: Lap-schi-tschen, Ku-schu-cha und Ja-ma-tschan. An den letztgenannten knüpft sich die Erinnerung an eine blutige Episode. Im Sommer 1896, um die Zeit, als ich mich das vorige Mal in Nordtibet befand, kamen die Reste der in der Gegend von Si-ning geschlagenen Armee der aufrührerischen Dunganen an diese Quelle. Die Chinesen schickten ihnen von Sa-tscheo ein Kriegsheer entgegen; es kam zum Kampfe, eine große Zahl Dunganen wurden erschlagen, andere wieder als Gefangene nach Sa-tscheo gebracht. Massen von menschlichen Skeletteilen lagen noch an der Quelle. Fünfhundert Dunganen mit Frauen und Kindern entkamen. Sie hatten eine Anzahl Kamele, Maulesel und Pferde bei sich, die sie aus Mangel an Lebensmitteln verzehrten. Während dieser Unruhen wurde von Abdall eine Gesandtschaft nach Sa-tscheo geschickt, bestehend aus einem Chinesen, einem Dunganen und zwei Muselmännern, nämlich Islam Ahun, einem Verwandten Tokta Ahuns, und Erke Dschan, dem älteren Bruder des Nias Baki Bek, eines unserer Freunde in Kum-tschappgan. Als diese vier Männer durch das Astin-tag-Gebiet zurückkehrten, trafen sie dort mit den Dunganen zusammen und wurden von ihnen an der Ja-ma-tschan-Quelle getötet. Die 500 Dunganen zogen nach Abdall, wo sie durch ein ihnen entgegentretendes Heer gezwungen wurden, die Waffen zu strecken. Dann wurden sie nach Kara-kum, einer neuangelegten Kolonie, gebracht, wo sie noch heute in Frieden leben und den Beweis liefern, daß die Chinesen gegen ihre rebellischen Untertanen nicht immer barbarisch sind.

An der Ja-ma-tschan-Quelle steht eine 1½ Meter hohe Steinpyramide, welche eine Tafel mit chinesischen Schriftzeichen trägt — ob damit die Erinnerung an den kläglichen Sieg über eine Handvoll ganz erschöpfter Dunganen bewahrt oder ausgedrückt werden soll, daß diese arme Gegend zum Reiche der Mitte gehört, ist mir unbekannt.

Vor etwa 30 Jahren hielten sich in diesen Gebirgsgegenden oft dunganische Jäger auf. Die einzigen Spuren, die sie hinterlassen haben, waren einige Fuchsfallen, von den Muselmännern „Kasgak“ genannt. Diese sehen genau aus wie Gräber oder längliche Steinhaufen und bilden einen Tunnel; am inneren Ende hängt ein großer Stein so lose, daß er herunterfällt und den Fuchs erschlägt, der in die Falle kriecht, um sich ein in einer Schlinge hängendes Fleischstück zu holen. Durch den Verkauf von Fuchsfellen hatten diese Jäger einen ziemlich guten Verdienst.

In der Nacht auf den 31. Dezember hielt der Sturm mit furchtbarer Wut an. Die Stangen fielen von der Kuppel der Jurte herunter, und diese mußte provisorisch mit Stricken festgebunden werden. Das Feuer muß ausgehen, und man taut erst auf, wenn man in seinem warmen Pelzneste liegt; dann aber kann es draußen toben, soviel es will. Es war morgens trotz des klaren Himmels dunkel, und man hörte nur das Heulen des um die Ecken pfeifenden Windes. Das Jahrhundert endete in diesen Gegenden mit einem richtigen Säkularsturme. Das Reiten ist unter solchen Umständen eine Tortur. Man kämpft vergebens mit der Kälte und kann kaum die Lebensgeister wachhalten. Man wird schläfrig und betäubt, die Glieder erstarren sozusagen in der Stellung, die man zu Pferde einnimmt, und es bedarf einer Kraftanstrengung, um aus dem Sattel zu kommen. Die Neujahrsnacht war sehr kalt und sternenklar, und der Mond stand wie eine elektrische Bogenlampe am Himmel. Ich las die Bibeltexte und die Psalmen, die am letzten Abende des Jahres in allen Kirchen Schwedens gesungen werden, und wartete in meiner Einsamkeit die Wende des Jahrhunderts ab. Es ist ein großer Anblick, wenn das Jahrhundert in die Nacht der Zeiten hinabsinkt! Hier läuteten keine Kirchenglocken; nur der Sturm, dem der Wechsel der Jahrhunderte nichts anhaben kann, sang mit brausenden Orgeltönen seinen wehmütigen Trauermarsch.