Der 15. August war der Tag der Trennung. Unsere Freunde versuchten uns zu überreden, noch einen Tag zu bleiben, und gaben uns die sehr verlockende Versicherung, daß am Abend einige Leute aus Namru anlangen würden. Diese würden uns gewiß gern nach dem Hauptquartier begleiten und uns nachts unsere Tiere hüten. Wir zogen es jedoch vor, aufzubrechen. Solang Undü und Anna Tsering rieten uns, Räuber, die sich nachts unserem Zelte näherten, einfach niederzuschießen. Sie steckten augenscheinlich nicht mit Pferdedieben unter einer Decke, denn sie hatten unheimlichen Respekt vor der Wirkung unserer Schußwaffen.
Als wir Abschied nahmen, erbot sich Solang Undü, uns mit vier Mann nach Sampo Singis Zelt zu begleiten; mit ihnen zogen wir das Tal hinauf, dessen Fluß jetzt bedeutend zusammengeschrumpft war. Einige Reiter, denen wir begegneten, kehrten um und kamen mit. Auch diese waren entschieden Spione, welche die Unseren beobachtet hatten und jetzt mit den lebhaftesten Gesten berichteten, was sie gesehen hatten.
Sampo Singi war nicht zu Hause, aber sein Zelt stand noch da. Hier machten unsere Begleiter Halt, ließen sich an einem Hügel häuslich nieder und baten uns, die Nacht über noch hierzubleiben; wir wollten aber jetzt Zeit gewinnen. Sie sahen uns über den ersten Paß im Nordwesten unseres alten Lagers verschwinden und sind dann wohl, wie ich vermute, zu Kamba Bombo zurückgekehrt.
Neunzehntes Kapitel.
Die letzten Tagemärsche nach dem Hauptquartier.
Einsam und schweigend ritten wir nach Nordwesten weiter; wir sahen keine anderen Geschöpfe als einige Schafherden und Yake auf den nächsten Hügeln. Unsere Tiere waren kraftlos, aber gemächlich ritten wir drauf los. Bevor es dämmerig wurde, mußten wir Halt machen, damit sie noch eine Weile weiden konnten. Dies geschah an einer kleinen Süßwasserquelle auf einer Wiese, wo Argol in genügender Menge umherlag.
Auf einmal veränderte der Himmel, der uns bisher hold gewesen war, sein Aussehen. Es wurde im Südosten dunkel. Eigentümliche, unheimliche Wolken stiegen über den Bergen auf; sie waren brandgelb und dick, wie beim Ausbruche eines Sandsturmes in der Wüste. Das wird ein nettes Wetter werden, dachten wir. Der Wind kam immer näher, sauste und pfiff, und dann prasselte der erste Hagelschauer auf uns herab, und es wurde pechfinster wie in einem Sacke.
Mittlerweile waren die Tiere vor dem Zelte fest angebunden worden. Hier mußte strenge Wache gehalten werden. Durch dieses Wetter wurde die Nacht ein paar Stunden länger als gewöhnlich, und vielleicht betrachteten uns die Tibeter nun, da sie uns über die Grenze gebracht hatten, nicht länger als Gäste, sondern als vogelfreie Eindringlinge, die man ungestraft plündern durfte. Ein unangenehmeres Wetter ließ sich nicht denken; um 8 Uhr ging der Hagel in Regen über, der wie aus Mulden herabgoß. Man hört nichts weiter als den Regen, der, vom Winde getrieben, gegen das Zelt und auf die Erde schlägt und das Stampfen der Tiere und die einschläfernden Schritte der Nachtwache übertönt. Man sieht die Hand vor den Augen nicht, kein dunkler Umriß gibt den Platz an, wo unsere Tiere zwei Meter vor der Zeltöffnung stehen. Es ist unmöglich, eine Kerze zum Brennen zu bringen; es regnet ins Zelt, es weht, heult und pfeift, und die Zündhölzer sind feucht. Man sitzt zusammengekauert in seinem Pelze, der Oberkörper schwankt hin und her, und vergeblich sehnt man sich nach dem Tageslichte, das jedoch auf sich warten läßt. Alle Waffen sind geladen und liegen zum Gebrauch bereit, und die Hunde sind bei den Pferden angebunden. Von hier war es ein fünfstündiger Ritt nach unserem früheren Lager Nr. 48, von dort sieben Stunden nach dem Lager Nr. 47. Erst im Lager Nr. 44 waren wir zu Hause! Der Weg dorthin erschien uns sowieso unendlich lang, und nun mußte der Regen den Boden noch mehr verderben. Wir entbehrten die Tibeter sehr; es war so ruhig und friedlich, solange wir sie bei uns hatten.
Gegen 11 Uhr ließ der Regen ein wenig nach, und ich ging hinaus, um mich nach Schagdur umzusehen, der mitten zwischen den Pferden und den Mauleseln unter seiner Filzdecke kauerte und bis auf die Haut durchnäßt war. Er war jetzt gerade sehr aufgeregt und bat mich, zu horchen, denn unten am Quellbache klinge es wie menschliche Schritte. Ich hörte auch wirklich schleichende Fußtritte; Schagdur nahm an, daß es ein Kulan sein könne, ich aber glaubte nicht, daß solche sich so nahe bei den Herden der Tibeter aufhielten. Als die leisen, schleichenden Schritte näherkamen und Schagdur das Gewehr bereithielt, stellte sich heraus, daß es unser Hund Malenki war, der unten an der Quelle getrunken hatte. Ich hielt die Lage für ungefährlich, ging wieder ins Zelt, legte mich hin und schlief wie ein Stock bis 5 Uhr, dann wurde ich geweckt und half bei herrlichem Wetter beim Beladen.
Anfangs zogen wir östlich von unserer alten Route, und die Kartenarbeit wurde wieder aufgenommen. Das Terrain war hier viel bequemer, und wir konnten einen deutlichen Weg links vom Gartschu-sängi einschlagen. Lange folgten wir hier der Spur eines Reiters, der mit zwei Hunden erst kürzlich diese Straße gezogen sein mußte, weil die Spur noch nicht verregnet war. Wer mochte er sein, und wohin hatte er seine Schritte gelenkt? War er Mitglied einer Räuberbande, die ihren Sammelplatz droben im Gebirge hatte? Wurden wir vielleicht schon verfolgt, und warteten sie am Ende nur eine günstige Gelegenheit ab?
Wir verloren jedoch die Spur und schlugen einen westlicheren Kurs ein, weil in der bisher eingehaltenen Richtung drohende Berge den Weg zu versperren schienen. Die Richtung wird nordwestlich, das Terrain hebt sich, Kulane und Orongoantilopen, die wenig scheu sind, treten wieder auf, wir ziehen sie dem Anblick bis an die Zähne bewaffneter tibetischer Reiter vor.