Noch um 9 Uhr abends betrug die Temperatur +9,1 Grad, und um 7 Uhr am folgenden Morgen hatten wir +7,8 Grad.

Am 13. August sahen wir weiter keine Menschen als acht Soldaten, die zu Pferd von Norden, wahrscheinlich von einer Rekognoszierung, kamen. Sie hatten eine lange Beratung mit unseren Offizieren, ehe sie weiterritten. Nun ritten wir über den Satschu-sangpo, der auf den vierten Teil seiner Größe zusammengeschrumpft war. Das Überschreiten lief ohne das geringste Mißgeschick ab, da die Tibeter die Furtschwelle kannten. Jedoch ging in den tiefen Armen das Wasser den kleinen Pferden noch bis über den Bauch. Ehe die Reiter sich in den Fluß begaben, entledigten sie sich ihrer Stiefel; am anderen Ufer wurde eine kurze Rast gemacht, um sie wieder anzuziehen.

Eine Strecke vom rechten Ufer entfernt wurde in einer Gegend mit frischen Quellen und gutem Grase, die auf der Hinreise unseren Blicken entgangen war, für die Nacht Halt gemacht. Bis hierher hatten wir drei von unseren neun Tagereisen zurückgelegt, obwohl hierzu jetzt vier Tage erforderlich gewesen waren. Morgen würden die Tibeter uns also unserem Schicksale überlassen. Uns aber wurde es wirklich schwer, von ihnen zu scheiden; wir waren auf so freundschaftlichen Fuß mit ihnen gekommen, daß wir uns mit dem Gedanken, ihre Gesellschaft entbehren zu müssen, nicht recht aussöhnen konnten. Sie ließen sich jedoch nicht überreden, uns noch weiter zu begleiten; sie hatten ihre Pflicht getan und konnten gehen. Ich drohte ihnen damit, daß ich, nachdem sie abgezogen, noch eine Zeitlang am Satschu-sangpo bleiben und dann doch nach Lhasa gehen würde.

„Bitte sehr“, antworteten sie, „wir sollten euch nur an die Grenze bringen, und das haben wir getan.“

Abends besuchte uns Solang Undü, Anna Tsering und Dakksche zum erstenmal in unserem Zelte; sie wurden mit Tee und Rosinen bewirtet. Da sie sich jetzt jenseits der Grenze befanden, glaubten sie wohl, sich gewisse Freiheiten nehmen zu können. Dakksche war der Greis, der einmal während unserer Gefangenschaft so gebieterisch in unserem Zelte gepredigt hatte. Er ist eine gottvolle Erscheinung mit seinem runzeligen, bronzebraunen, schmutzigen, bartlosen Gesichte und seinem langen, dichten unbedeckten Haare. Er könnte gut für einen heruntergekommenen Schauspieler aus Europa gelten. Sobald er mich erblickt, streckt er die Zunge so weit heraus, wie er nur kann, und hält die Daumen in die Luft, eine Höflichkeit, die ich auf dieselbe Weise und mit solchem Nachdruck beantworte, daß Schagdur sich beinahe totlacht.

Jetzt erst glückte es uns, auch einige Kleinigkeiten erstehen zu können, wie einen Dolch, zwei kupferne Armbänder, einen Ring, einen Löffel, eine Pulvertasche und eine Flöte, alles für ein paar Meter Zeug, das neben chinesischen Porzellantassen und Messern das beste Tauschmittel ist.

Die folgende Nacht schliefen wir fest, um uns ordentlich auszuruhen, ehe die Nachtwachen wieder anfingen. Ich schlief dreizehn Stunden! Als ich aufstand, fragten sie, ob wir hierbleiben würden oder nicht, und da ich mit Bleiben drohte, erboten sie sich, uns zu begleiten, bis wir Menschen träfen und uns mit neuen Vorräten für die Rückreise versehen könnten. Wir ritten also bis in die Nachbarschaft von Sampo Singis Lager, wo die Gegend Gong-gakk und ihr Häuptling Dschangdang heißt.

Hinsichtlich der politischen und der administrativen Verhältnisse erhielten wir recht unsichere Aufklärungen; es ist wohl wahrscheinlich, daß die Sache tatsächlich auch nicht ganz klar liegt. Es wurde behauptet, daß der Satschu-sangpo die Grenze zwischen dem Lande des Dalai-Lama im Süden und dem im Norden liegenden Reiche des chinesischen Kaisers sei, der Häuptling Dschangdang aber von beiden Staaten unabhängig sei. Daß der Satschu-sangpo als Grenze von Bedeutung ist, ging schon daraus hervor, daß die Tibeter uns nur bis dorthin brachten und sich nicht darum bekümmerten, wohin wir uns von dort begaben, sowie auch daraus, daß Kamba Bombo gesagt hatte, für nördlich von diesem Flusse begangene Diebstähle sei er nicht verantwortlich. Im übrigen wußten sie von Tibets Grenzen, daß diese im Westen mit denen von Ladak zusammenfielen, im Osten seien es acht Tagereisen bis an die chinesische Grenze, und nach Süden sollte eine Reise von drei Monaten (!) erforderlich sein, um nach Indien oder, wie sie sich ausdrückten, Hindi zu gelangen. Tsamur und Amdo sind dichtbevölkerte Gebiete im Osten, im Westen heißt das Land Namru.

Sobald wir gelagert hatten, wurden einige Reiter nach Westen geschickt, wie es hieß, nach den ersten Dörfern in Namru, und am Abend kamen sie mit zwei großen Schüsseln voll süßer und saurer Milch wieder, die für den größten Teil der noch übrigen Reisetage reichte. Dagegen nahmen wir nur zwei Schafe mit, obschon uns alle noch lebenden angeboten wurden — sie wären uns während der forcierten Märsche, die uns bevorstanden, nur hinderlich gewesen. Auf jedem Lagerplatz werden Kundschafter in die Gegend ausgeschickt. Sie statten bei ihrer Rückkehr Solang Undü Bericht ab. Wahrscheinlich hat man befürchtet, daß unsere ganze Karawane nach Süden vorgerückt sei, und man will nun vorsichtig sein und aufpassen, daß wir uns nicht mit den Unsrigen zu einem gemeinschaftlichen Angriffe auf die Eskorte vereinigen, um uns dann nach Lhasa durchzuschlagen.

Eine große Yakkarawane lagerte in der Nachbarschaft. Sie war aus Nakktschu, hatte Salz geholt und befand sich jetzt auf dem Heimweg.