Der Boden ist hier von all dem Regen womöglich noch nasser, als er es schon war, wie wir zuerst über ihn hinwegritten. Die Pferde sinken und stolpern bei jedem Schritt. Bei den Zeltdörfern zeigen sich selten Menschen, und unsere Begleiter scheinen ihnen beinahe auszuweichen. Wir lagern nicht in ihrer unmittelbaren Nähe, sondern immer in einiger Entfernung. Der nötige Proviant wird im Vorbeireiten von dem einen oder anderen Reiter geholt.
Auf dem heutigen Lagerplatze hatten sie sich noch zwei Zelte besorgt, und die Eskorte war durch sechs Mann verstärkt worden. Der Abend war schön und windstill, die Sterne glänzten wie durch einen leichten Wolkenschleier. Die Dungfeuer flammen unter dem abgemessenen, schweren Hauche der Blasebälge auf wie das Drehfeuer eines Leuchtturmes. Auch in den Zelten sind Feuer, deren Rauch durch eine längliche Ritze in der Zeltdecke entweicht. Das Lager ist selbst am Abend malerisch und lebhaft, und auf allen Seiten hört man die Tibeter scherzen und plaudern. Der lebende Proviant besteht aus 14 Schafen, die nachts zwischen zwei Zelten angebunden werden, weil die Gegend reich an Wölfen sein soll.
Kamba Bombo sollte jetzt Wasser auf seine Mühle bekommen, denn die Tibeter sahen mich Uhr und Kompaß studieren. Sie konnten das Ticken der Uhr gar nicht begreifen und baten unausgesetzt, horchen zu dürfen. Ich sagte, es sei ein Gavo mit einem lebendigen kleinen Burchan (Götzenbild). Die kleine Veraskopkamera konnte ich ungeniert benutzen, nachdem ihnen klar geworden war, daß in ihr kein Revolver oder sonst eine unbegreifliche Höllenmaschine stecke. Der Lagerplatz hieß Säri-kari.
12. August. Sie wecken uns früh, machen aber kurze Tagereisen, um die Annehmlichkeiten des Lagerlebens so lange wie möglich genießen zu können. Unsere Wächter lassen uns immer mehr Freiheit, je mehr wir uns der Grenze der Provinz nähern. Wir dürfen jetzt oft eine ganze Strecke hinter der Haupttruppe allein reiten und glauben uns unbewacht, merken aber bald, daß sich hinter uns stets noch einige Reiter befinden.
Heute ging es über das große, offene Tal, in dem wir die Teekarawane zuerst gesehen hatten. Es regnete nicht, und der Boden trug unsere Pferde. Als wir ganz in der Nähe unseres ehemaligen Lagerplatzes Nr. 51 waren, bogen die Tibeter rechts in eine kleine Talmündung namens Digo ein und machten dort Halt in hohem, üppigem, duftendem Grase, das für unsere mageren Tiere ein leckeres Fressen war.
Wir waren nur 4½ Stunden geritten, und ich glaubte, daß es sich nur um eine Teerast handle. Es wurden aber die Zelte aufgeschlagen und, an die Karawanentiere denkend, machte ich keine Einwendungen. Es ist ein eigentümliches ruhiges Gefühl, nicht seine Freiheit zu haben und nicht über seinen Weg und seine Zeit bestimmen zu können; man muß ruhen, und für müde Pilger ist es schön, ausschlafen zu dürfen. Solange wir die Eskorte hatten, konnten wir die Sache ruhig mit ansehen, nachher aber, wenn wir wieder unserer eigenen Wachsamkeit überlassen waren, würden wir wieder lange Tagemärsche machen müssen.
Man wird während des Rittes fast schläfrig, wenn man von allen diesen Soldaten umgeben ist, deren Pferde Schellenringe um den Hals tragen. Es ist ein ewiges, eintöniges Glockengeläute, das in den Ohren widerhallt und an eine große Schlittenpartie an einem nordischen Wintertage erinnert. Malerisch ist diese Gesellschaft, die so schnell in unserem friedlichen Gebirge aufgetaucht ist und uns umringt hat, wir mochten es wollen oder nicht. Heute waren keine Zelte zu sehen, so daß wir unseren Milchvorrat nicht verstärken konnten.
Der Tag war, wie der Lagerplatz, herrlich. Wir ließen unser Zelt nach Norden offen, um die leichten Winde hineinzulassen, die von dorther kamen. Im Süden brannte die Sonne gar zu fühlbar; auf dieser Seite war das Zelt geschlossen, aber durch die Ritzen des Zelttuches stahlen sich Sonnenstrahlen herein und ließen meinen Rosenkranz funkeln, als ich mit den heiligen Gebetkugeln, die in so heidnische Hände geraten waren, spielte. Die Temperatur stieg auf +19,1 Grad. Sehr leicht gekleidet, schlummerte ich ins süßeste Vergessen hinüber und verschlief Schagdurs Teefrühstück. Es war friedvoll und sommerlich, der letzte Sommertag, den wir genießen konnten. Ein kleiner Bach begleitete mit seinem munteren Rauschen das Lachen und Plaudern der Tibeter.
Sie verstehen es, sich es auch auf Reisen angenehm und gemütlich zu machen. Wenn wir lagern, haben die Offiziere eine Schar Diener, die ihnen im Handumdrehen die Zelte aufschlagen. Rings um diese werden Sattel, Riemenzeug, Beutel und Gepäck hingeworfen und die Flinten auf ihre Gabeln gestellt, um nicht mit dem feuchten Boden in Berührung zu kommen. Bei so schönem Wetter sitzen alle im Freien und widmen sich mit Kennermiene dem Essenkochen, der liebsten Beschäftigung des Asiaten. Sie sind Meister im Feueranmachen und richten mit Hilfe des Blasebalges einen lodernden Feuerstrahl gegen die Seite des Teekessels, so daß das Wasser in erstaunlich kurzer Zeit ins Kochen gerät. Die Tsamba wurde in kleinen Holzschalen, die unseren mongolischen glichen, angerührt. Einige von ihnen kneten das Gericht mit der rechten Hand und vermischen es mit Käse. Wenn sie Fleisch essen, halten sie das Stück in der Linken und schneiden mit einem Messer kleine Bissen davon ab. Anna Tsering benutzte hierzu ein englisches Taschenmesser („Made in Germany“), das aus Ladak stammen sollte.
Unter ihren Habseligkeiten waren viele verlockende Dinge, die jedoch nicht in unseren Besitz übergehen konnten, weil dafür unerhörte Preise gefordert wurden. Für einen Säbel, dessen Scheide mit Silber beschlagen und mit Korallen und Türkisen besetzt war, forderten sie 50 Liang (etwa 170 Mark), obwohl er nicht mehr als 11 Liang wert war. Eine Gebetmühle sollte 100 Liang kosten. Die Gewehre und ein großer Teil der Lanzen gehörten, wie sie sagten, dem Staate und durften überhaupt nicht verkauft werden. Wir saßen stundenlang bei ihnen in ihrem Zelte, sie aber kamen nie zu uns; wahrscheinlich hatte Kamba Bombo es ihnen verboten, weil ich gesagt hatte, ich wollte gern möglichst ungestört bleiben.