Der Tag war schön gewesen, nur mittags und während der nächstfolgenden Stunden zogen dicke Wolkenmassen von Süden herauf. Die Gegenden, denen wir uns nahten, werden immer kälter und karger; hier sind keine anderen Menschen als höchstens Yakjäger und Straßenräuber zu erwarten.
Die dem Aufschlagen des Lagers folgenden Stunden sind die angenehmsten des ganzen Tages; man ist ruhig, kann sich bequem ausstrecken, Mittag essen, plaudern und rauchen. Aber die Dämmerung kommt nur zu schnell, und je dunkler es wird, desto schärfer heißt es aufpassen.
Die Nacht war ganz klar und windstill. Fern im Westen zuckte über dem Horizonte unausgesetzt ein Wetterleuchten, Donner war aber nicht zu hören. Die Nacht ist so still, daß man sich vor dieser Grabesstille fast fürchten möchte. Selbst aus ziemlich weiter Ferne würde man auch das geringste Geräusch hören können. In einiger Entfernung ertönt das dumpfe Gemurmel eines Bächleins, sonst vernehme ich nur die Atemzüge der Tiere und meiner beiden Reisegefährten. Der Lama spricht oft im Schlafe und ruft bisweilen mit klagender Stimme Sirkins Namen, als brauche und erwarte er Hilfe.
17. August. Alle Hügel und Berge der Gegend sind ziegelrot, denn die vorherrschende Gesteinsart ist roter Sandstein.
Sobald der Tag graut, dürfen die Tiere frei umherlaufen, können sich aber auf unseren Lagerplätzen in der kurzen Zeit durchaus nicht sattfressen. Sie grasen nur abends ein paar Stunden, nachdem wir gelagert haben, und in aller Morgenfrühe. Wir lassen sie daher noch draußen, bis es stockfinster ist, bleiben dann aber bei ihnen. Sie sind den ganzen Tag hungrig und versuchen unterwegs Grashalme abzurupfen; leicht ist es nicht, sie beisammenzuhalten, und ihre kleinen Seitenabstecher verursachen uns Zeitverlust.
Heute ritten wir 9 Stunden und legten 40 Kilometer zurück, — es geht nicht schnell. Etwas westlich von dem alten Wege kamen wir durch ein Tal langsam nach einem Passe hinauf. Vom Passe geht es langsam durch ein anderes Tal hinunter, das sich nach Westen zieht und von senkrechten Wänden eingefaßt wird. Es zwingt uns, viel zu weit westwärts zu gehen, aber wir können nicht aus ihm herauskommen. Hier und dort zeigen sich Yake; es sind entschieden wilde, obwohl es merkwürdig ist, daß sie sich in eine solche Mausefalle hineinwagen. Wir stellten diesen Abend das Zelt auf einen von Schluchten umgebenen Bergvorsprung, wo ein Überfall für den Angreifer sehr gefährlich hätte werden können. Jetzt konnten wir nicht viel mehr als 70 Kilometer von den Unsrigen entfernt sein, und jeder Tag, der verging, vergrößerte unsere Sicherheit; nur der Lama war der Meinung, es würde vielleicht noch schlimmer werden, denn das Hauptlager sei möglicherweise von den Tibetern umzingelt.
Der 18. August war für uns ein schwerer, anstrengender Tag. Es kostete uns verzweifelte Mühe, über eine Bergkette hinüberzukommen, die wir auf der Hinreise ohne Schwierigkeit überschritten hatten.
Wir gehen über einen neuen Paß und haben linker Hand einen See, der in einer Bodensenke liegt. Unsere Tiere sinken tief in den aus rotem Material bestehenden Boden ein; man zieht sozusagen über lauernde Fallgruben und Fallen hin, seit Jahrtausenden scheint Schmutz und Schlamm von den angrenzenden Höhen in dieses heimtückische Loch hinuntergeschwemmt worden zu sein. Anstehendes Gestein ist nirgends zu sehen, alles ist weiches Verwitterungsmaterial. Glücklicherweise war das Wetter jetzt gut; bei Regen wäre hier nicht durchzukommen gewesen.
Unser Räubersee lag jetzt eine ziemliche Strecke rechts von unserem Wege. Einige Maulesel waren vollständig erschöpft, und zwischen 2 und 4 Uhr mußten wir auf einer dünn mit Gras bewachsenen Halde rasten, um sie ausruhen zu lassen. Unterdessen schlummerten und rauchten wir im Sonnenbrande. Die Luft war ruhig, und das Thermometer zeigte +19,6 Grad im Schatten; bei dieser Temperatur ist es hier oben so heiß, daß man fürchtet, einen Sonnenstich zu bekommen. Bald darauf kam eine Hagelbö, und wir waren wieder mitten im Winter. Es ging langsamer und schwerer als je, nach dieser Rast wieder in Gang zu kommen. Man ist ganz erschöpft von den verwünschten Nachtwachen und den beständigen Märschen.
Einmal, als wir langsam nach dem Gipfel eines Hügels hinaufritten, stürmte Malenki seitwärts nach einer anderen Anhöhe und erhob ein wütendes Gebell. Wir glaubten, er habe Menschen gesehen, und ich ritt ihm schleunigst nach und geriet dabei einem Bären, der eifrig an einer Murmeltierhöhle kratzte, beinahe auf den Leib. Als der Petz mich erblickte, sprang er auf und lief, von den Hunden verfolgt, im Galopp davon. Die Hunde holten ihn bald ein, doch jetzt machte der Bär Front und schickte sich an, Malenki eins auf die Schnauze zu geben. Der Hund kehrte nun ebenfalls um und kam zu uns zurück, aber Jollbars hatte noch einen langen Tanz mit dem Petz, der auf so unverschämte Weise in seiner erwarteten Abendmahlzeit gestört worden war.