Jetzt ging es verwünscht langsam vorwärts; es war nutzlos, den Weg fortzusetzen, wir rasteten auf der ersten besten Weide. Der Himmel sah noch immer unheildrohend aus, und die Wolken hatten dieselbe rote oder brandgelbe Farbe wie das Erdreich.

Wieder folgte eine finstere, endlose Nacht, denn vor Tibetern und Bären mußten wir auf der Hut sein. Die Sprache der Nacht ist erhaben, nur nicht in Tibet, wenn man Pferde hüten muß. Von nun an werde ich ein gewisses Mitleid mit unseren Pferdewärtern haben. Wir sehnten uns nach dem Hauptlager wie zu einem großen Feste, schon allein deshalb, weil wir dort nachts würden ausschlafen können. Jeder von uns hat beim Wachehalten seine besonderen Gewohnheiten. Ich schreibe, sitze in der Zelttür und mache von Zeit zu Zeit eine Runde um das Lager. Schagdur sitzt in seinen Pelz gehüllt mitten unter den Tieren und raucht seine Pfeife. Der Lama wieder streift umher und murmelt mit singender Stimme Gebete. Jetzt fehlten uns zwar nur noch 35 Kilometer, aber unsere Tiere hatten, vom Hauptlager an gerechnet, bereits 500 Kilometer zurückgelegt, und es war wenig Aussicht vorhanden, daß wir dieses in einem Tage erreichen würden. Nun wohl, jedenfalls mußten wir so nahe an den Umkreis, innerhalb dessen die Unsrigen die Gegend bewachten, herankommen, daß wir uns für ziemlich sicher halten konnten.

Wir schliefen am Morgen gründlich aus, um die Tiere möglichst lange weiden zu lassen. Sodann ging es zu einem Passe hinauf, von dem wir das weite, offene Tal, in welchem wir die erste Nacht geruht hatten, zu sehen hofften. Doch jenseits des Passes war nur ein Gewirr von Hügeln zu erblicken. Es war wunderbar, daß unsere Tiere mit dem Nordabhange fertig wurden, der da, wo die Sonne nicht eingewirkt hatte, aus lauter Schlamm bestand. Wir müssen zu Fuß gehen und auf flachen Sandsteinplatten und Moosrasen balancieren, sonst sinken wir knietief ein. Die Karawane sieht höchst sonderbar aus, denn die Tiere waten so tief im Morast, daß sie mit dem Bauche den Boden berühren; es ist, als durchwateten sie einen Fluß. Wir steuern nach allen Flecken, die trocken scheinen, mühsam und sehnsüchtig hin, um uns dort eine Weile zu verschnaufen und die Lasten wieder zurechtzurücken. Die Hoffnung täuschte uns; noch zwei ebenso greuliche Pässe waren uns beschieden. Hätte ich hiervon eine Ahnung gehabt, so würde ich natürlich unseren alten Weg gegangen sein, der wie eine Brücke durch ein Moor, in dessen böse Sümpfe wir hilflos hineingeraten waren, zu führen schien.

Endlich erreichten wir mit erschöpften Kräften ein kleines Tal, das nach unserem offenen Tale führte, dessen wohlbekanntes Panorama ein erfreulicher, belebender Anblick war. Jetzt merkten wir, daß wir beim Waten im Moraste den Spaten verloren hatten. Der Lama ging zurück, ohne ihn zu finden, stieß dafür aber auf eine alte tibetische Zeltstange, die uns abends beim Feueranzünden gut zustatten kam. Rebhühner, Hasen und Kulane zeigen sich überall, und, wie gewöhnlich, sind die Raben in diesem unwirtlichen Gebirge heimisch.

Es war herrlich, wieder auf tragfähigem Boden zu reiten. Neun Kulane leisteten uns eine Zeitlang Gesellschaft. Auf einer Anhöhe rasteten wir einige Minuten, um die Gegend zu überschauen. Keine Spur, keine schwarzen Punkte, die unsere weidenden Tiere sein konnten, kein Rauch war zu sehen! Die Gegend lag ebenso still und öde da, wie wir sie zuletzt gesehen hatten, und absolut nichts deutete darauf hin, daß sich Menschen in der Nachbarschaft befanden.

Obwohl die Sonne schon tief stand, schienen meine Kameraden doch zu glauben, daß wir noch zu den Unsrigen gelangen würden, denn sie ritten immer schneller. Die Tiere, die sonst gewöhnlich in einem Haufen getrieben wurden, mußten hier in einer Reihe hintereinander und mit Stricken verbunden marschieren, da das Gras sie zu sehr in Versuchung führte. Schagdur leitete drei, ebenso der Lama, und ich ritt als Treiber hinterdrein. Schagdur hatte einen bedeutenden Vorsprung. Mein Reitschimmel, der mir den gestohlenen ersetzt hatte und der, nachdem er kraftlos geworden, durch eines der tibetischen Pferde ersetzt worden war, brach plötzlich zusammen und blieb auf der Erde liegen. Man mußte glauben, daß seine letzte Stunde gekommen sei; wie es schien, fing er schon an zu erkalten. Der Lama schmierte ihm die Nüstern innen mit Butter ein und zwang ihn, Lauch zu kauen. Große Tränen rollten aus den Augen des Pferdes, und Schagdur sagte, es weine darüber, daß es jetzt, nachdem es so ehrenvoll alle unsere Anstrengungen geteilt, nicht zu seinen alten Kameraden zurückkehren könne. Inzwischen schlugen wir Lager, und die Tiere wurden auf die nächste Weide geführt.

Die Nacht verlief ruhig unter frischem, nördlichem Winde. Die Hunde knurrten nicht einmal, und keine Feuer waren sichtbar.

Als wir am 20. August aufbrachen, strömte der Regen nieder, was uns jedoch wenig störte, weil der Boden jetzt beinahe überall fest und tragfähig war. Sogar der Schimmel hinkte mit. Als wir die roten Hügel in der Nähe unseres ersten Lagerplatzes, auf dem Hinwege, passiert hatten, ertönten zwei Flintenschüsse und eine Weile darauf ein dritter. Ein Yak stürmte nach den Hügeln hinauf. Wir richteten unseren Kurs sofort dorthin und bemerkten bald zwei Punkte, die sich im Fernglase nach und nach zu zwei Reitern entwickelten. Waren es tibetische Yakjäger? Nein, denn es zeigte sich bald, daß sie gerade auf uns zu ritten. Als sie nähergekommen waren, erkannten wir in ihnen Sirkin und Turdu Bai. Wir saßen ab und warteten, bis sie vor Freude weinend heransprengten, ganz entzückt von der heutigen Jagd, — eine solche Beute hatten sie sich nicht träumen lassen, als sie am Morgen ausgeritten waren, um sich Fleisch zu verschaffen! Sie hatten nämlich nur noch drei Schafe. Für uns war es ein besonderes Glück, so unerwartet in der Einöde mit ihnen zusammenzutreffen; es wäre uns jetzt, da der Regen alle Spuren ausgelöscht hatte, wohl recht schwer geworden, das Lager zu finden.

Das Lager war vor einiger Zeit nach einem Seitentale südlich von der Flußmündung verlegt worden und war dort so im Terrain versteckt, daß wir es ohne Hilfe kaum hätten entdecken können. Wir ritten sämtlich dorthin. Kutschuk, Ördek und Chodai Kullu kamen uns entgegengelaufen; auch sie weinten und riefen:

„Chodai sakkladi, Chodai schukkur (Gott hat euch beschützt, Gott sei gelobt), wir sind wie vaterlos gewesen, während ihr fort waret!“