Es war wirklich rührend, ihre Freude zu sehen. —

Bald darauf saß ich wieder in meiner bequemen Jurte und hatte meine Kisten um mich, und mein schönes, warmes Bett war in Ordnung. Wenn man es einen ganzen Monat recht schlecht gehabt hat, weiß man es erst zu schätzen, wenn man sich wieder in „zivilisierten Verhältnissen“ befindet. Sirkin berichtete, daß ein Pferd verendet sei und die anderen sich noch nicht erholt hätten, daß die Kamele aber bedeutend kräftiger geworden seien. Die Chronometer waren stehengeblieben, weil Sirkin es aus Furcht, daß die Federn springen könnten, nicht gewagt hatte, sie ganz aufzuziehen. Die Folge dieser übertriebenen Vorsicht war, daß wir nun nach dem naheliegenden Lager Nr. 44, unserem Hauptquartiere, von dem die Reise nach Lhasa ausgegangen war und in welchem ich damals eine astronomische Ortsbestimmung gemacht hatte, zurückkehren mußten. Ein Zeitverlust von mehreren Tagen würde dadurch allerdings entstehen, aber die Tiere, die wir mitgehabt hatten, bedurften nur zu sehr aller Ruhe, die sie haben konnten. Es hatte in der Gegend unaufhörlich geregnet; bisweilen waren jedoch kleine Ausflüge gemacht und dabei einige Kulane erlegt worden.

Tschernoff hatte die Nachhut so gut geführt, daß er bei seiner Ankunft am 2. August noch neun Kamele mitgebracht hatte; nur zwei Kamele und zwei Pferde waren verendet; unter den ersteren war mein Veteran von der Kerijareise im Jahre 1896.

Alle Leute waren gesund, und helle Freude herrschte an diesem Abend. Sie gestanden, daß sie nach Ördeks Rückkehr für uns das Schlimmste befürchtet hätten und kaum von uns hätten sprechen mögen, sondern gewartet und gewartet hätten. Jolldasch heulte vor Freude und nahm sofort seinen bequemen Platz neben meinem Bette wieder ein.

Nachdem ich das Lager inspiziert und alles in bester Ordnung vorgefunden hatte, mußte Tscherdon mir ein Bad zurechtmachen. Der größte Kübel, den wir hatten, wurde mit heißem Wasser gefüllt und in meine Jurte gebracht. Nie ist ein gründliches Abseifen notwendiger gewesen als jetzt, und das Wasser mußte mehreremal erneuert werden, hatte ich mich doch 25 Tage lang nicht gewaschen! Und wie schön war es, nachher vom Scheitel bis zur Sohle wieder in reinen europäischen Kleidungsstücken zu stecken und den mongolischen Lumpen auf ewig Lebewohl sagen zu können!

Nach einem wohlschmeckenden Mittagsessen und Aufzeichnung der heutigen Erlebnisse ging ich mit gutem Gewissen zu Bett und genoß in vollen Zügen die Ruhe und den Komfort, die mich umgaben. Das Bewußtsein, daß ich den forcierten Ritt nach Lhasa ohne Zögern gewagt hatte, war mir eine große Befriedigung. Daß wir diese Stadt nicht hatten sehen können, betrachtete ich weder jetzt noch später als eine Enttäuschung; gibt es doch unüberwindliche Hindernisse, die alle menschlichen Pläne kreuzen. Aber es freute mich, daß ich nicht einen Augenblick gezaudert hatte, einen Plan auszuführen, der kritischer und gefährlicher war als eine Wüstenwanderung, und es ist ein Vergnügen, gelegentlich den eigenen Mut auf die Feuerprobe zu stellen und die Ausdauer bei Strapazen zu erproben. Mein Leben während der nächstfolgenden Zeit erschien mir im Vergleich mit dem eben Erlebten wie eine Ruhezeit. Was uns auch beschieden sein mochte, — solche Strapazen wie auf der Lhasareise würden wir schwerlich wieder erleben. Mir war zumute, als sei ich schon halb wieder zu Hause, und ich ahnte nichts von den ungeheuren Mühsalen, die uns noch von Ladak trennten.

Alles erschien mir jetzt leicht und lustig, sogar der Regen schmetterte freundlich auf die Kuppel der Jurte, und der eintönige Sang der Nachtwache lullte mich bald in den Schlaf. Ich war froh, daß ich nicht mehr hinauszugehen und die Pferde zu bewachen brauchte, und ich freute mich, Schagdur und den Lama, halbtot vor Müdigkeit, in ihren Zelten schnarchen zu hören.

Am folgenden Morgen konnte es keiner übers Herz bringen, mich zu wecken; wir kamen daher erst mittags fort. Wir ritten auf den Hügeln am rechten Ufer des Flusses. Die Wassermenge war jetzt ziemlich ansehnlich. Auf dominierenden Höhen hatten meine Leute Steinpyramiden errichtet, die von fern Tibetern glichen. Der Zweck der Steinmale war, uns bei der Rückkehr den Weg vom Lager Nr. 44 nach dem neuen zu zeigen. Wenn die Tibeter die Pyramiden erblickten, würden sie gewiß glauben, daß wir eine Heerstraße für einen Einfall bezeichnet hätten und daß bald eine ganze Armee unserer Spur folgen würde. In einem Nebentale verriet ein großer Obo, daß die Gegend nicht selten besucht wurde; wie gewöhnlich, war er aus einer Menge Sandsteinplatten errichtet, in die die Formel „Om mani padme hum“ eingemeißelt war.

Wir ließen uns jetzt an derselben Stelle wie damals häuslich nieder. Das Gerippe des hier gefallenen Pferdes war von Wölfen vollständig reingefressen. Hasen und Raben kommen in der Gegend besonders häufig vor. Eines der letzten Schafe wurde geschlachtet. —

Die Reise nach Lhasa erscheint mir jetzt wie ein Traum; hier sitze ich unter denselben Verhältnissen wie vor einem Monat, die Jurte steht auf demselben Erdringe, die Beine des Theodolitenstativs in denselben Löchern, der Fluß rauscht wie damals; es ist, als könnten nur ein, zwei Tage vergangen sein. Alle jene langen, unter Wachen und Sorge zugebrachten Nächte sind vergessen; es war nur eine flüchtige Episode, eine Parenthese im Verlaufe der Reise! —