Jetzt folgten einige Tage der Ruhe, in denen meine Geduld jedoch sehr auf die Probe gestellt wurde. Es regnete und schneite unaufhörlich, und ich hatte keine Gelegenheit, alle die astronomischen Beobachtungen, die ich gern machen wollte, vorzunehmen. Und dann sehnte ich mich auch danach, wieder nach Süden aufzubrechen und bewohnte Gegenden aufzusuchen, wo wir die uns nötige Hilfe erhalten konnten, denn es war schon jetzt ersichtlich, daß unsere Tiere nicht mehr weit kommen würden.
In der Nähe des Lagers wurde mir ein Platz gezeigt, wo Turdu Bai und Tscherdon am Tage unserer Abreise eine Gesellschaft tibetischer Jäger überrascht hatten. Diese Helden waren so fassungslos gewesen, daß sie Hals über Kopf Reißaus genommen und siebzehn Packsättel, ein Zelt und den ganzen Fleischvorrat, aus dem ihre Jagdbeute bestand, im Stiche gelassen hatten. Alles lag noch da, bis auf das Fleisch, das sich Wölfe und Raben zu Gemüte geführt hatten. Man kann sich die tollen Gerüchte denken, die in Umlauf gesetzt werden, wenn solche Flüchtlinge wieder bewohnte Gegenden im Süden erreichen. Sie übertreiben natürlich ihre Beschreibungen und behaupten, daß eine ganze Armee von Europäern ins Land gedrungen sei. Das hatten wir in Dschallokk ja selbst gehört.
Während meiner Abwesenheit war gute Disziplin gehalten worden, aber nach meiner Rückkehr wurde sie noch mehr verschärft. Alle unsere Tiere hatten ihre Weideplätze in einem Tale, das einige Kilometer vom Lager entfernt war. Tschernoff ritt einmal nachts dorthin und fand die Wächter schlafend. Er gab einen Flintenschuß ab, durch den alle aufs fürchterlichste erschreckt wurden. Die Schläfer wurden gebührend heruntergemacht und beklagten sich am folgenden Morgen bei mir, doch statt daß ich mich auf ihre Seite stellte, bekamen sie ein neues Gesetz zu hören, das ich im Handumdrehen erließ: „Wer künftig auf seinem Posten schlafend angetroffen wird, wird mit einem Eimer kalten Wassers aufgeweckt!“ Jede Nacht sollten sechs Muselmänner, je zwei gleichzeitig, abwechselnd Wache halten, und die Ablösung sollte unter Kontrolle des diensthabenden Kosaken vor sich gehen. Die vier Kosaken waren also der Reihe nach für den Nachtdienst verantwortlich. Die Muselmänner hatten über die Tiere zu wachen und die Kosaken dafür zu sorgen, daß die Muselmänner ihre Pflicht taten. Infolge der letzten Abkanzelung wollten Mollah Schah und Hamra Kul wieder einmal nach Tscharchlik zurückkehren, beruhigten sich aber, nachdem sie den Wahnsinn eines solchen Unternehmens eingesehen hatten. Derartige Reibereien sind in einer großen Karawane, in der Geschmack und Meinung nach den christlichen, muselmännischen oder mongolischen Anschauungen und Lebensgewohnheiten der Betreffenden wechseln, nicht zu vermeiden.
Tscherdon wurde zu meinem Leibkoch ernannt, Schagdur sollte sich eine Zeitlang ausruhen; der Lama war niedergeschlagen und nachdenklich und wurde von jeder Dienstleistung dispensiert, bis wir wieder auf Menschen stießen. Dem alten Muhammed Tokta, der schon lange kränklich gewesen war, ging es seit einer Woche schlechter; er klagte über Herzschmerzen. Es wurde ihm geraten, sich ganz ruhig zu halten. Im übrigen herrscht im Lager die beste Stimmung, und die Kosaken sind besonders zufrieden. Sie haben eine Balalaika, eine dreisaitige Zither, gemacht, und mit dieser, einer tibetischen Flöte, einer Tempelglocke, improvisierten Trommeln, der Spieldose und Gesang wurde am letzten Abend unter strömendem Regen ein wenig harmonisches Konzert aufgeführt, das jedoch großen Beifall fand.
267. Das Lazarettzelt. ([S. 269].)
268. Kalpets Bett auf dem Kamelrücken. ([S. 269].)
269. Der Leichenzug. ([S. 271].)