270. Der tote Kalpet auf seinem lebenden Katafalk. ([S. 271].)

Zwanzigstes Kapitel.
Der Zug nach Süden.

Am 25. August sollten wir endlich das Lager Nr. 44 endgültig verlassen und neuen Schicksalen und Erfahrungen entgegengehen. Ladak war jetzt unser Ziel; aber ich hatte mir fest vorgenommen, nicht eher die Richtung nach Westen einzuschlagen, als bis wir weiter südlich wieder auf unüberwindliche Hindernisse stießen. Die Tibeter waren jetzt wachsam, das ganze Land war wie im Belagerungszustand, eine Mobilmachung hatte bereits stattgefunden, das wußten wir, und wir konnten uns sehr leicht ausrechnen, daß wir früher oder später wieder tibetischen Truppen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen würden. Für den Anfang zogen wir jetzt also nach Süden.

Merkwürdigerweise erkrankten über Nacht drei von unseren Pferden, aber nicht von denen, die die Reise nach Lhasa mitgemacht hatten. Das eine taumelte und fiel unaufhörlich, das andere verendete schon im Lager, und das dritte kam nur noch über den ersten Paß des Tagemarsches, ehe es stürzte, um sich nie wieder zu erheben. Es war ein trauriger Anfang und zeigte deutlich, daß wir früher oder später auf die Hilfe der Tibeter angewiesen sein würden.

Als ich geweckt wurde, schneite es stark, und als wir aufbrachen, goß es wie mit Scheffeln. Die ganze Gegend sieht aus wie mit Straßenkot begossen, in den man einsinkt, ohne festen Fuß fassen zu können. Zuerst wurde der Fluß überschritten, dann zogen wir durch den Schlamm nach einem kleinen Passe hinauf. Mehrere Reiter mußten nach verschiedenen Richtungen ausgesandt werden, um zu untersuchen, ob der Boden trug. Über einen neuen Fluß schreiten wir unglaublich langsam nach einem höheren Passe hinauf. Hier müssen alle zu Fuß gehen, auf die Gefahr hin, daß ihre Stiefeln im Morast steckenbleiben. Die armen Kamele zerreißen, da sie fest einsinken und der Karawane nicht folgen können, unaufhörlich ihre Nasenstricke. Wären unserer nicht soviele gewesen, so hätten wir diejenigen Kamele, die bis zur Hälfte in dem losen nassen Tonschlamme, der sie zäh festhielt, eingesunken waren, ganz einfach im Stiche lassen müssen. Die Last muß ihnen sofort abgenommen und auf einigermaßen festen Boden gestellt werden, damit nicht auch sie verschwindet. Der Tonschlamm wird mit Spaten abgegraben, das Kamel auf die Seite gelegt, seine Beine mit Seilen herausgewunden und eine mehrfach übereinandergelegte Filzdecke unter das Tier gebreitet, damit seine Füße festen Halt finden, wenn es sich endlich selbst aufzustehen bemüht. Sonst sind die Kamele verloren, denn sie bleiben ruhig liegen, bis man sie herauszieht. Währenddessen gießt es, daß es auf der Erde klatscht. Alles wird aufgeweicht und durch und durch naß, als sollten diese Höhen fortgespült werden.

Jenseits des Passes wurde das Terrain ein wenig besser; die Südabhänge sind infolge der Einwirkung der hier jedoch äußerst selten auftretenden Sonne gewöhnlich vorteilhafter für uns. Am rechten Ufer eines Flusses hatte die Karawane während unserer Abwesenheit einige Tage zugebracht, und da dort noch ein großer Argolhaufen lag, machten wir an dieser Stelle Halt.

Am folgenden Tag waren sowohl das Wetter wie auch die Wegverhältnisse günstiger, aber das Land ist fast unfruchtbar und arm an Wild. Nur ein einsamer Kulan zeigte sich und wurde von Sirkin erlegt. Gewöhnlich schreibt die Gestalt des Bodens uns die Richtung unseres Weges vor, und da jener nach Südsüdwesten hin am ebensten aussah, zogen wir nach dieser Seite. Ungefähr 40 Kilometer westlich von unserer Route erhob sich ein kleines Schneemassiv mit rudimentären Gletschern; es setzte sich im Süden in einer merkwürdigerweise meridionalen Bergkette mit vereinzelten Schneegipfeln fort.

Tschernoff hatte vor einiger Zeit die Gegend rekognosziert und teilte mir jetzt mit, daß er an einer etwas weiter südlich gelegenen Quelle deutliche Kamelspuren gesehen habe. Als wir am 27. August dort vorbeizogen, zeigte er mir den Platz, und richtig hatten dort Kamele in großer Zahl geweidet. Woher sie gekommen waren und was für Menschen sie gehört hatten, war und blieb uns ein Rätsel. Sollten sie am Ende einer mongolischen Pilgerkarawane, die sich von Nordosten hierher verirrt hatte, gehört haben?

Denselben Tag mußten wir auch Bowers Route gekreuzt haben, obwohl es nicht möglich war, die Stelle, wo dies geschah, zu identifizieren. Im Süden erhob sich vor uns eine neue Bergkette, aber wir waren nur imstande, bis an ihren Fuß zu gelangen, wo das Lager Nr. 67 aufgeschlagen wurde. Der Herbst hatte seinen Einzug gehalten, das Minimumthermometer zeigte −5,1 Grad, und am Tage hatten wir nicht mehr als +7,9 Grad.