Als ich am 28. aufstand und mit dem Beladen der Tiere schon angefangen war, wurde mir gemeldet, daß Kalpet, ein Mann aus Kerija, fehle. Ich verhörte die Leute, die aussagten, daß er gestern über Brustschmerzen geklagt habe und auf dem Marsche zurückgeblieben sei. Sie seien jedoch der Meinung gewesen, daß er langsam unseren Spuren folge und in der Dunkelheit, ohne daß jemand darauf geachtet habe, im Lager angekommen sein werde. Nun fehle er aber noch immer. Ich ließ die Tiere weitergrasen und schickte Tschernoff und Turdu Bai zu Pferd mit einem Maulesel ab, um den Mann lebendig oder tot herbeizuschaffen, — er konnte ja unterwegs plötzlich erkrankt sein und mußte sich jedenfalls in einer schlimmen Lage befinden, da er uns nicht nachgekommen war und einen ganzen Tag nichts zu essen bekommen hatte. Nach einigen Stunden kamen sie mit dem armen Menschen an, der aufs beste verpflegt wurde und auf einem Maulesel reiten durfte, als wir endlich, bedeutend verspätet, aufbrachen.

Obgleich der Boden tragfähig war, wurde der Tagemarsch doch ziemlich anstrengend, denn wir mußten über eine ganze Reihe von Pässen und Kämmen.

Mit zwei Kamelen geht es jetzt zu Ende; sie können nicht mehr mitkommen; sie müssen später geholt werden und sind natürlich stets unbeladen. Große Ordnung herrscht in der Karawane. Der diensttuende Kosak bringt die Nacht auf dem Platze zu, wo die Tiere unter Aufsicht ihrer Wächter, die man aus der Ferne singen hört, grasen. Heute abend begab sich Schagdur dorthin, nachdem er in der Jurte der Kosaken zu Abend gegessen hatte, und die Töne der Balalaika verhallten am Fuße der Hügel. Die drei übrigen Kosaken, die den Erzählungen Schagdurs und des Lamas mit gespanntem Interesse gelauscht hatten, sehnten sich jetzt danach, mit den Tibetern in Berührung zu treten. Sie sahen mich verwundert und fragend an, als ich ihnen sagte, daß unsere Karawane früher oder später in ihrem Marsche von einer unüberwindlichen Heerschar aufgehalten werden würde.

Dieser Lagerplatz, Nr. 68, befand sich in einer Höhe von 5068 Meter. Schon um 9 Uhr abends war die Temperatur auf −1,9 Grad gesunken und hielt sich während der Nacht auf −6,2 Grad. Auch diese Tagereise führte über drei kleine, aber recht beschwerliche Pässe; die Bergketten erstrecken sich jetzt wieder von Westen nach Osten, und alle Täler fallen nach Süden ab. Eine vierte Kette brauchten wir nicht zu übersteigen, da sie von einem Flusse durchbrochen wurde, dem wir folgten.

Alte Lagerplätze sind jetzt ziemlich häufig und lassen sich teils an den gewöhnlichen drei Steinen, auf die der Kochtopf gestellt wird, teils an Schädeln von erlegten Yaken und Archaris erkennen. Bei einem solchen Platze lud die Weide zu einem Extrarasttage ein. Eine Herde von 50 Kulanen zog sich bei unserem Herannahen zurück. Yake und Wildschafe sind gleichfalls zahlreich vertreten, ebenso Hasen. Ein Lampe wurde eifrig von allen sieben Hunden verfolgt und von Jolldasch gefangen. Jollbars strengt sich nicht weiter an, bevor die Beute nicht eingefangen ist; dann erst tritt er auf und hält einen gehörigen Schmaus.

Der Rasttag war in jeder Beziehung herrlich, das Wetter gut; der Rauch stieg manchmal senkrecht von den Lagerfeuern auf, und unsere erschöpften Tiere schwelgten in dem guten Grase. In der Nähe fanden wir noch mehrere alte Lagerplätze, und aus dem Schafmiste ließ sich schließen, daß die Gegend nicht nur von Jägern, sondern auch von Nomaden aufgesucht wird. Wir konnten also jeden Augenblick auf Menschen stoßen, und bei denen, die noch keine Tibeter gesehen hatten, wurde die Neugier immer größer.

Schagdur und Turdu Bai rekognoszierten in östlicher Richtung und fanden dort eine ganze Reihe „Iles“ oder Male, die aus Steinen, oder wo Gestein fehlte, aus Erdschollen errichtet waren. Die Reihe erstreckte sich weit nach Süden, und die Male standen so dicht, daß sie, nach Schagdurs Annahme, wahrscheinlich die Grenzlinie einer Provinz bezeichneten, um so mehr, als von einem Wege dort keine Spur zu entdecken war. Sirkin schoß einen „Kökkmek“-Bock, der photographiert wurde ([Abb. 260]). Schagdur ebenfalls einen. Letzterer und eine hübsche kleine „Jure“ (Antilope Cuvieri) wurden von den Kosaken abends vermittelst einiger Pflöcke und Schnüre in der natürlichen Stellung, die sie während des Laufens einnehmen, aufgestellt. Am Morgen waren sie steif gefroren und konnten allein stehen wie Turnpferde. Es geschah, damit ich die Tiere photographieren konnte ([Abb. 261]).

31. August. Es ist nicht angenehm, aus seinem süßesten Morgenschlafe aufgeweckt zu werden; doch ist man erst angekleidet und in Ordnung, so geht alles seinen ruhigen Gang, und der Tag verläuft ebenso wie seine Vorgänger. Wir hatten jetzt ein viel gastfreundlicheres Land als bisher erreicht; der Boden ist fest, das Terrain senkt sich, und wir brauchten keine Pässe zu forcieren. Auch der Himmel war uns hold, die Temperatur stieg auf +18,2 Grad. Südwestlich von unserem Wege zeigte sich ein kleiner Salzsee, der der Sammelplatz aller Wasserläufe der Gegend war. Am Ufer saßen einige gewaltige Adler. Ihre Jungen, die eben flügge waren, wurden von den Hunden angegriffen, verteidigten sich aber so tapfer mit Schnabel und Krallen, daß die Angreifer sich zurückziehen mußten.

Am 1. September überschritten wir in einem 4855 Meter hohen Passe die nächste Kette, die ganz und gar aus weichem Material bestand und abgerundete Formen hatte. Vom Passe hatte man nach Süden eine außerordentlich weite Aussicht. In der Ferne ließ allerdings ein schwaches Dunkel einen Kamm ahnen, sonst aber schienen wir ein paar gute Tagereisen ebenen Terrains vor uns zu haben. Der Boden schimmerte stärker grün als bisher, dessenungeachtet waren aber keine Nomaden zu sehen; die Lagerstellen, an denen wir vorbeikamen, waren alle ziemlich alt. Obgleich wir nur 20 Kilometer zurückgelegt hatten, blieben wir daher bei dem ersten Bette, welches Wasser führte.

Gegen 4 Uhr gab es im Lager eine Aufregung. Ein Haufe schwarzer Punkte, die für weiter südlich weidende wilde Yake gehalten worden waren, wurden durch das Fernglas als Pferde erkannt. Der Lama und die Kosaken, außer dem diensthabenden, ritten dorthin. Ersterer kam jedoch bald wieder und führte sein Pferd, das krank geworden war, am Zügel. Die Pferde waren fett und kräftig, aber scheu gewesen. Wächter hatten sich nicht gezeigt, und nichts deutete an, daß solche beim Herannahen der Reiter entflohen sein könnten. Für die Besitzer selbst schien die Gegend sicher zu sein, während es für uns nicht angegangen wäre, die Tiere ohne Aufsicht zu lassen. Der Ausflug hatte das Gute, daß noch besseres Weideland entdeckt wurde, wohin wir unsere Tiere trieben und wo wir ihnen um so eher einen Ruhetag gönnen konnten, als Almas mit den beiden kranken Kamelen noch nichts von sich hatte hören lassen.