Frühmorgens machten sich der Lama, Schagdur und Sirkin auf die Suche nach Tibetern, und wir konnten voraussehen, daß sie Erfolg haben würden, denn auf den Hügeln im Süden zeigten sich wohl 1000 Schafe und eine Yakherde.
Gegen Abend kam der Lama mit einer Domba Milch zurück, und in der Ferne erschienen die Kosaken, drei Tibeter, die ihre Pferde und ein Schaf führten, buchstäblich vor sich hintreibend. Sie hatten ein Zelt mit 13 Bewohnern gefunden. Beim Herannahen der Reiter war die ganze Gesellschaft nach verschiedenen Seiten hin entflohen; da ihre Pferde jedoch nicht bei der Hand gewesen waren, hatten unsere Leute sie leicht einholen und nach dem Zelte zurücktreiben können. Erschreckt wie sie waren, waren sie wenig mitteilsam, und die Auskünfte, die sie erteilten, waren nicht viel wert.
Sie sagten, daß die Gegend Dschansung heiße und ihr „Bombo“, der an dem großen See Selling-tso wohne, ihnen den Hals abschneiden würde, wenn sie uns Lebensmittel verkauften. Sie weigerten sich auch ganz bestimmt, dies zu tun. Nachdem aber Schagdur, der die Tibeter haßte, seitdem sie uns den Weg nach Lhasa versperrt hatten, einen der Männer mit seiner Reitpeitsche traktiert hatte, ließen sie mit sich reden und gaben eine Schüssel Milch und ein Schaf her. Sie hatten sich erst ganz kürzlich in der Gegend niedergelassen, so daß sie noch keine Zeit zur Bereitung saurer Milch gehabt hatten; das noch frische, unberührte Gras um ihr Zelt herum sprach für die Wahrheit dieser Aussage.
„Wohin reist ihr denn?“ fragte einer von ihnen.
„Nach Ladak“, antwortete der Lama.
„Dann seid ihr auf ganz verkehrtem Wege; nach Süden hin könnt ihr nur noch eine Tagereise weit kommen, denn dort wird der Weg vom Selling-tso, wo die Bevölkerung zahlreich ist, versperrt.“
Sie selbst waren Bantsching Bogdo in Taschi-lumpo untertan, wußten aber nicht, wie viele Tagereisen es bis zu ihrem Tempel sei. Im Südosten regiere der Dalai-Lama über das Gebiet von Lhasa, im Osten Kamba Bombo über das von Nakktschu.
Mit sichtbarer Furcht näherten sie sich unserem Lager und wurden aufgefordert, sich vor der einen Jurte auf einen Teppich zu setzen ([Abb. 262]). Tee und Brot wurden ihnen vorgesetzt; nach einigem Zögern langten sie tüchtig zu. Für das Schaf, das sofort unter muselmännischen Zeremonien geschlachtet wurde, bezahlten wir sie mit Lhasageld, für die Milch erhielten sie eine Porzellantasse. Pferde konnten sie nicht verkaufen, weil die Herde ihnen nicht gehörte. Sie saßen die ganze Zeit wie auf Kohlen, obwohl der Lama sie zu beruhigen suchte und versicherte, daß ihnen kein Leid geschehen solle.
Als wir genug von ihnen hatten, ließen wir sie gehen, und sie schwangen sich sofort in den Sattel. Inzwischen war der photographische Apparat aufgestellt worden, und der Lama hielt sie, den Zügel des einen Pferdes ergreifend, diplomatisch mit einer letzten Frage fest, so daß ich diese drei halbwilden, barhäuptigen, mit Säbeln bewaffneten Reiter noch abknipsen konnte, die nun auf der Abbildung 263 verewigt sind.
Sobald er aber den Zügel losgelassen hatte, schwenkten sie herum und jagten spornstreichs davon, wobei sie sich umsahen, als glaubten sie, daß ihnen eine Flintenkugel folgen würde. Als sie außer Schußweite waren, ritten sie langsamer und sprachen eifrig miteinander; gewiß fragten sie sich, was wir wohl für seltsame Menschen sein könnten, da wir ihnen gegenüber so anständig gewesen seien.