Am 3. September legten wir 29 Kilometer in südsüdwestlicher Richtung zurück, auf flachem, offenem, gleichmäßig ebenem Lande, das reich an Tümpeln und kleinen Seen war und oft ganz vorzügliches Gras aufzuweisen hatte. Keine Hindernisse stellten sich uns in den Weg, und ich nahm als selbstverständlich an, daß der Selling-tso jetzt zwischen uns und den niedrigen Bergen, die sich im Süden nur undeutlich erkennen ließen, liegen müsse. Wir blieben beisammen, und die kranken Kamele folgten standhaft der Karawane. Hier und dort sahen wir große Schafherden mit ihren Wächtern, aber ohne Hunde. Letztere gab es nur bei den Zelten. Aus einem Zelte holten der Lama und Schagdur eine Domba sauere Milch. Nach und nach werden die schwarzen Nomadenzelte immer zahlreicher ([Abb. 265]) und bilden bisweilen sogar Dörfer. In einem solchen Dorfe machten die Kosaken einen Besuch, und als sie es verließen, folgte ihnen ein Pferd, das besonders munter erschien. Sein Besitzer, ein anderer Mann, ein altes Weib, zwei junge Mädchen und ein Junge liefen mit einem Stricke hinterdrein, um es einzufangen. Doch der Gaul zog es vor, sich ganz zu uns zu gesellen, und wir mußten den Tibetern schließlich wieder zu ihrem Eigentum verhelfen.

Die jungen Mädchen hatten ihr Haar in zahllose kleine Zöpfe geflochten, die vom Scheitel wie Radien auf den Rücken und nach den Seiten herunterhingen und unten der Reihe nach an einen Streifen roten, mit allerlei Zierraten besetzten Zeuges befestigt waren ([Abb. 264]). Von der Mitte dieses Streifens hing ein breites, buntes, gesticktes Band den Rücken herab. Im übrigen waren sie barhäuptig und trugen gleich den Männern Pelze und Stiefeln. Wo die natürlichen Rosen der Wangen ihren Platz hätten haben müssen, hatten sie die Haut mit irgendeiner rotbraunen Farbe eingeschmiert und hierdurch ein Paar glänzender, dicker Firniskrusten zustande gebracht. Einigen von ihren schwarzen Yaken wurde von unseren Hunden sehr zugesetzt. Die Tiere waren jedoch so klug, sich in die Mitte eines Tümpels zu flüchten, und blieben erst stehen, als ihnen das Wasser bis an den Unterkiefer ging, während die Hunde sie schwimmend umschwärmten. Nun hatten die Yake nur den Kopf zu verteidigen, und an diesem saßen die achtunggebietenden Hörner. Diese improvisierte Wasserpantomime rief in der Karawane große Heiterkeit hervor.

Schon frühmorgens waren sechs Soldaten mit weißen Hüten und Gewehren wie aus dem Erdboden aufgetaucht und uns auf unserer linken Seite, aber in gebührender Entfernung gefolgt. Jetzt zeigte sich rechts von uns eine neue Schar von sieben Mann. Die erste Truppe ritt auf einem großen Umwege weit hinter uns zu der letzteren hinüber, und nun umkreisten sie die Karawane, bald vorn, bald hinten, bald rechts, bald links, zuweilen langsam, zuweilen im Galopp, und führten eine Art Kampfübungen auf, die, wie ich vermute, uns Schrecken einjagen sollten. Da es ihnen nicht gelang, uns zu imponieren, und wir ruhig unseren Weg nach Süden fortsetzten, näherten sie sich von hinten bis auf ein paar hundert Meter Entfernung und redeten unter lebhaftem Gestikulieren mit dem Lama und Schagdur, die zurückgeblieben waren. Bei einem der Zelte saßen sie ab und gingen hinein.

Inzwischen gelangten wir an das Ufer eines gewaltigen Flusses, der von Osten kommt und in dem ich bald den Satschu-sangpo wiedererkannte. Jetzt war die Frage, ob es uns gelingen würde, dieses gewaltige Bett zu passieren. Die Kosaken sollten, während wir am Ufer warteten, eine Furt suchen. Da, wo wir Halt gemacht hatten, teilte eine Schlamminsel den Fluß in zwei Arme; hier probierte es Ördek nackt mit dem Durchwaten. In dem ersten Arme stieg ihm das Wasser bis an den Hals, in dem zweiten nur bis an die Achselhöhlen. Als er umkehrte, versuchte er es an einer anderen Stelle, wo er aber schwimmen mußte. Hier war das Überführen der Kamele also unmöglich, um so mehr, als der Boden aus tückischem Schlamme bestand.

Unterdessen waren die Tibeter auch angelangt und auf einen Hügel am Ufer geritten, wo sie mit lautem Geschrei einen Obo begrüßten und von wo aus sie unsere verzweifelten Versuche, hinüberzukommen, mit größtem Interesse beobachteten. Es lag natürlich nicht in ihrem Interesse, uns Auskunft zu erteilen, und wir fragten sie auch nicht um Rat.

Nach einem kurzen Marsche flußabwärts kommandierte ich Halt und ließ das Lager aufschlagen. Das Boot wurde zusammengesetzt, und mit Ördek als Ruderer maß ich die Tiefen. An einer geeigneten Stelle wollten wir am folgenden Morgen hinübergehen. Die Kamele sollten unbeladen und ohne Packsättel hinüberwaten und sämtliches Gepäck mit dem Boote befördert werden. Ein mehrfaches Seil wurde quer über den Fluß gespannt. Die Tibeter saßen jetzt unterhalb des Lagers, waren mäuschenstill und augenscheinlich über das Rätsel betroffen, wie wir ein ganzes Boot hatten hervorzaubern können. Wir beabsichtigten anfangs, den Übergang in stiller, dunkler Nacht zu bewerkstelligen und am nächsten Morgen verschwunden zu sein, doch daraus wurde nichts, weil wir fürchteten, daß die Kamele sich erkälten könnten. Am Abend beschloß ich, überhaupt nicht über den Fluß zu gehen, sondern seinem rechten Ufer bis zu seiner Mündung in den Selling-tso zu folgen und darauf am Westufer des Sees entlang zu ziehen, weil Littledale schon längs des östlichen gegangen war.

Der Abend war still und klar, und die Stille wurde nur durch das Rauschen des Flusses, die Töne der Balalaika und das Bellen der Hunde in den Zelthöfen der Tibeter unterbrochen.

Die ganze Nacht blieben die Tibeter auf einem Hügel nordöstlich vom Lager liegen, wo auch ihr Wachtfeuer brannte.

271. Kalpets Grab. ([S. 271].)