272. Hladsche Tsering, das Mitglied des Heiligen Rates, seine Pfeife rauchend. ([S. 278].)

Während wir am Morgen darauf mit einer Flußmessung beschäftigt waren, die 68 Kubikmeter in der Sekunde ergab, langte der Häuptling der Gegend mit einigen Soldaten an, ließ sich bei dem Lama nieder und betrachtete unser Tun mit grenzenloser Verwunderung. Er bat um genaue Auskunft über unsere Absichten und erklärte, falls wir geraden Weges nach Ladak ziehen wollten, werde er uns Führer für zehn Tagereisen besorgen und uns Pferde, Schafe und alles, was wir sonst noch brauchten, verkaufen; sei es aber unsere Absicht, nach Lhasa zu gehen, so müsse er erst einen Kurier dorthin senden und wir hätten die Antwort abzuwarten, die vielleicht erst in einem Monat käme. Gingen wir ohne weiteres nach Lhasa, so werde er den Nomaden in der Gegend verbieten, uns überhaupt etwas zu verkaufen, und er werde mit seinen Soldaten alles tun, um unser Vordringen zu hindern. Täte er dies nicht, so würden sowohl er wie seine Leute den Kopf verlieren. Als ich sagte, da würde ihnen recht geschehen, bemerkte er lachend, für uns wäre das freilich vorteilhaft, für sie selbst aber sehr unangenehm. Schließlich teilte ich ihm mit, daß wir weder ihn noch seinen Führer brauchten, da wir selbst wüßten, wohin wir zu ziehen gedächten.

„Ja“, antwortete er unerschrocken, „ihr könnt uns das Leben nehmen, aber solange wir es noch besitzen, werden wir versuchen, euer Vordringen nach Süden zu verhindern.“

Die Kamele wurden eingetrieben, und die Karawane hatte Befehl, so nahe wie möglich längs des rechten Flußufers zu marschieren, während ich und Ördek das Boot bestiegen, um uns von der Strömung nach Westen treiben zu lassen. Mein Sitzplatz war außerordentlich bequem von Kissen und Decken hergestellt, und der Sicherheit halber hatten wir Proviant mitgenommen. Es wurde eine jener unvergeßlichen, herrlichen Fahrten wie vor zwei Jahren auf der Fähre; ich saß in schönster Ruhe und ließ die Landschaft an mir vorüberziehen.

Gerade unterhalb des Lagers machte der Fluß eine scharfe Biegung, so daß wir eine Weile sogar nach Ostnordost trieben. Der Wachthügel der Tibeter bestand aus Konglomerat und rotem und grünem Sandstein und fiel gerade in der Biegung, wo der Fluß schmal war, steil ins Wasser hinunter. Die Strömung war dort ziemlich stark, und als das Boot unmittelbar unter der steilen Wand hinstrich, stimmten die Tibeter ein wildes Geheul an; man konnte befürchten, daß sie uns mit einem Regen von Sandsteinblöcken bombardieren würden. Wir atmeten daher erleichtert auf, als wir unverletzt an ihnen vorbeigekommen waren.

Nachher geht der Fluß nirgends durch anstehendes Gestein und wird ziemlich gerade. Er wird von 4–5 Meter hohen Uferterrassen von Lehm eingefaßt, und das Land wird immer flacher und öder. Das Bett verbreitert sich immer mehr und wird immer reicher an Schlamminseln, die die Wassermasse in mehrere Arme teilen. Ördek half mit dem Ruder, und wir trieben in schwindelnder Fahrt den Satschu-sangpo hinunter; es war herrlich, aber wie selten kommt es vor, daß ein großer Fluß so liebenswürdig ist, gerade in der Richtung unseres Weges zu strömen!

Seine trübe Flut schwenkt dann nach Südwesten ab. Rechts haben wir eine kleinere Bergkette, in deren Tälern mehrere von Schaf- und Yakherden umgebene Zelte liegen. Der hohe Uferwall entzog die Karawane unseren Blicken, aber Tschernoff, der uns zu Pferde begleitete, hielt die Verbindung zwischen uns und ihr aufrecht. Am Nachmittag wurde das Wetter ungünstig, denn es erhob sich ein so starker Südwestwind, daß der Fluß Wellen schlug und die Fahrt gehindert wurde. Ganze Wolken von Sand und Staub wehten uns entgegen. Wir hatten jedoch einen so großen Vorsprung, daß wir ein paarmal auf die Karawane, die noch immer von den Tibetern verfolgt wurde, warten mußten. An dem letzten Punkte, wo Gras zu sehen war, machten wir am rechten Ufer Halt, und hier ließen sich auch die Tibeter nieder.

Jetzt, da sie nicht über Pässe zu gehen brauchten, hielten sich die kranken Kamele noch immer aufrecht. Muhammed Tokta war erschöpft und schien ein Herzleiden zu haben. Mit Kalpet war es noch ebenso, er war still und wortkarg und hatte keine Freunde unter den anderen, die auch behaupteten, daß er gar nicht krank sei, sondern sich nur verstelle, damit er immer reiten dürfe und nicht zu arbeiten brauche. Einer der Kameraden schlug ihn sogar deshalb, weil die anderen nun die Arbeit übernehmen sollten, die er bisher getan hatte. Ich wußte nicht, was ich glauben sollte, aber merkwürdig kam mir die Sache vor, denn der Mann hatte einen riesigen Appetit. Glücklicherweise machte ich ihm keine Vorwürfe, sondern bat nur Tschernoff, ihn zu beobachten. Ich würde es später sehr bereut haben, wenn ich unfreundlich gegen ihn gewesen wäre, denn er war wirklich krank, und unter den anderen war keiner, der seine Partei nahm.

Am Morgen des 5. September sah es drohend aus, aber der Tag wurde klar; leider hatten wir schon von Mittag an starken Gegenwind, doch die Luft wurde immer reiner, und man konnte merken, daß der Wind über einen gewaltigen See hingestrichen war und nicht aus der Steppe stammte. Über mehreren Sandsteinschwellen bildeten sich Stromschnellen, die wir jedoch mit Leichtigkeit passieren konnten. Der Satschu-sangpo ist hier eng und eingeklemmt. Zahllose Schluchten münden wie enge Korridore und Gänge auf beiden Seiten des Flusses. Man merkt deutlich, daß der See einst viel größer gewesen sein muß und daß der Fluß jetzt die alten Sedimente des Sees durchfließt. Die Höhe der Uferterrassen beträgt 6,7 Meter, und sie sind oft senkrecht.