Nach einer scharfen, zeitraubenden Biegung nach Nordosten strömt der Fluß beinahe schnurgerade nach Süden. Nur ein paar Schlammhalbinseln sind vorhanden. Die Terrassen sind bis 8 Meter hoch, werden aber in demselben Verhältnisse niedriger, wie sich die Breite des Bettes von 100 Meter auf 400 Meter vergrößert. Der Wind weht gerade in diesen eigentümlichen Abflußkanal hinein. Die Jolle stampft fühlbar, und die Fahrgeschwindigkeit ist unbedeutend, obgleich Ördek mit dem Ruder unverdrossen arbeitet. Fern im Süden verschwinden die markierten Linien der Terrassen, eine grenzenlose Perspektive öffnet sich großartig und bezaubernd. Die Breite beträgt jetzt wohl 500 Meter und die Tiefe ziemlich gleichmäßig etwa 1 Meter; die Terrassen werden noch niedriger und sind schließlich nur 1 Meter und noch weniger hoch. Weit konnte es nach dem Selling-tso nicht mehr sein, wie weit aber, war unmöglich zu bestimmen, denn die Luftspiegelung über den Wasserflächen erlaubte uns kein Urteil. Nur die am Ostufer des Sees liegende Bergkette zeichnete sich deutlich ab, aber sie schien über dem Boden zu schweben und auf einer Luftschicht zu ruhen, die auf verwirrende Art spielte und zitterte. Ebenso ist es mit den Kamelen, die zwei Kilometer westlich von uns marschieren; sie scheinen auf langen, schmalen Stelzen zu gehen, und die ganze Karawane schwebt gleichsam in der Luft.
Nun aber öffnet sich der Fluß trompetenförmig zu einem großartigen Ästuarium; die Breite vergrößert sich auf 1 und 2 Kilometer, schließlich verschwinden auf beiden Seiten die Ufer, und vor uns dehnt sich die gewaltige, blaugrüne Fläche des Selling-tso aus. Die Flußterrasse hatte ebenfalls von 1 Meter bis 10 Zentimeter an Höhe abgenommen, und schließlich lag der Schlamm mit dem Wasserspiegel in gleicher Höhe. Noch fuhren wir jedoch auf Flußwasser, das im Gegensatz zu dem herrlichen, frischen und sicherlich salzigen Wasser dort draußen grau und trübe aussah. Zunächst war der See so flach, daß wir einen weiten Umweg machen mußten, um an das nordwestliche Ufer gelangen zu können, wo einige der Unseren mit Pferden warteten, um uns und das Boot nach dem Lager zu befördern. Der Südwind war jetzt so frisch, daß der See sich mit Schaumköpfen bedeckte, und wir hielten es für geraten, Schuhe und Strümpfe auszuziehen und das Boot in eine Bucht hineinzuschleppen. Eine Stunde später waren wir wohlbehalten in dem neuen Lager, in dessen Nähe drei tibetische Zelte aufgeschlagen waren.
Die Karawane hatte ebenfalls einen guten Tag gehabt, obwohl die Tibeter sich mausig gemacht hatten. Bei zwei Gelegenheiten waren die Kosaken nach in der Nähe liegenden Zelten geritten, um Proviant zu kaufen, sofort aber waren die Späher ihnen zuvorgekommen und hatten jeglichen Handel untersagt. Die Kosaken waren einer Karawane von 200 Schafen mit Salzlasten begegnet und hatten auch mit den Besitzern verhandelt. Sogleich war der Anführer erschienen und hatte in gebieterischem Ton mit seinen Landsleuten gesprochen, was zur Folge hatte, daß diese durchaus nicht zu bewegen gewesen waren, etwas zu verkaufen. Die Kosaken, die von Natur hitziger waren als ich, ließen darauf den Tibetern durch den Lama sagen, daß sie sich, wenn sie uns nur folgten, um uns am Kaufen von Lebensmitteln zu verhindern, künftig gefälligst außer Schußweite halten möchten, denn sonst würden sie augenblicklich niedergeschossen werden. Da verschwanden sie denn auch spurlos für den Rest des Tages. Dank diesem Manöver konnte die Karawane ungehindert nach den drei Zelten gelangen, wo sie freundlich von den zwölf Bewohnern empfangen wurde, welche sehr entgegenkommend waren und gern ein Schaf, Milch, Butter und Fett verkauften. Sie hatten noch keinen Befehl von dem hartherzigen Häuptlinge erhalten, der uns aus dem Lande hinaushungern zu können glaubte. Als sie uns nachher besuchten, wurden sie mit Tee, Brot und Tabak bewirtet, erhielten kleine Geschenke, wie einige Messer, einen Kompaß und ein paar Stücke Zeug, und sie waren über die Maßen entzückt. Ihre Gegend nannten sie Schannig-nagbo (die schwarze Mütze).
Während des Rasttages herrschte heftiger Wind, Gewitter und Hagel. Ich hielt es für klug, nun, da sich die Gelegenheit bot, noch einige Schafe zu kaufen und den Proviant zu vermehren. Dies geschah noch im letzten Augenblick, denn schon um 9 Uhr langte eine Reiterschar von etwas über 50 Mann an; sie schlugen ein paar Kilometer von uns zwei Zelte mit blauweißen Dächern auf. Erst gegen 1 Uhr ließen sie etwas von sich hören und unterhandelten auf neutralem Gebiete zwischen beiden Lagern mit dem Lama. Auf ihre Botschaft ließ ich antworten, daß ich, wenn es ihrem vornehmsten Anführer nicht beliebe, sich persönlich bei mir einzustellen, überhaupt nicht mit ihnen unterhandeln würde. Er kam auch, von zehn mit Säbeln bewaffneten Leuten begleitet. Nur mit Schwierigkeit konnten wir sie dazu bewegen, in das Küchenzelt einzutreten, wo auf einem Sessel Tee, Brot und Tabak aufgetragen waren, doch sie rührten die Bewirtung nicht an, — sie dachten wohl, daß sie von Menschen, die ohne Erlaubnis im Lande umherzogen, schicklicherweise nichts annehmen dürften.
273. Die Gouverneure Hladsche Tsering und Junduk Tsering. ([S. 279].)
274. Hladsche Tsering und Junduk Tsering. ([S. 279].)
275. Blick nach Westen am Strande des Tschargut-tso. ([S. 289].)