Nun entspann sich die gewöhnliche zwecklose Unterhandlung. Der alte Häuptling, der übrigens ein sehr netter, liebenswürdiger Herr von angenehmem Äußern und aufrichtig in seiner Rede war, bat, als alles nichts half, wir möchten doch wenigstens noch vier Tage hierbleiben, während er Kuriere nach Lhasa senden und die Antwort des Dewaschung oder „Heiligen Rates“ in jener Stadt erwarten wolle. Ich sagte ihm, wir hätten keine Zeit dazu und gedächten morgen südwärts weiterzuziehen.
„Dann folgen wir euch, und wir werden euch schon daran verhindern, nach Lhasa zu gehen; wir erhalten bald Verstärkung.“
„Wenn ihr uns daran verhindern wollt“, antwortete ich, „so müßt ihr schießen, bedenkt aber, daß auch wir Gewehre haben.“
Da schüttelte der alte Mann den Kopf und versicherte, daß sie nie daran gedacht hätten, zu schießen, und fügte hinzu, daß so harte Worte zwischen uns nicht gewechselt zu werden brauchten. Ein paar Geschenke, die ihm angeboten wurden, schlug er aus, fügte aber hinzu:
„Wenn ihr hier vier Tage wartet, werde ich eure Gaben mit Vergnügen annehmen und erwidern, außerdem sollt ihr alles haben, was ihr für die Reise nach Ladak an Proviant und Karawanentieren braucht.“ —
Am Abend kam Kalpet in mein Zelt und beklagte sich schluchzend, daß einer der Leute ihn geschlagen habe. Ich hielt ein Verhör ab und ermahnte alle, freundlich gegen ihn zu sein, und Tschernoff, welcher der Oberaufseher der Karawane war, erhielt noch speziell den Auftrag, ihn zu pflegen. Der Mann tat mir schrecklich leid, denn er war eine Verkörperung der trostlosesten Verlassenheit, und nie werde ich den kummervollen Blick vergessen, der in seinem Auge lag und der sich in unendliche Dankbarkeit verwandelte, als ich seine Partei nahm und ihn mit den geeignetsten Drogen der Arzneikiste behandelte. Als ich ihn später besuchte, aß er mit gutem Appetit Reispudding, und ich glaubte, daß er an vorübergehender Bergkrankheit leide.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Tibetische Truppen versperren uns wieder den Weg.
Einer der Kamelveteranen von Kaschgar, der mehrere unserer Wüstenreisen mitgemacht hatte, war nicht mehr imstande, sich zu erheben, als wir am 7. September vom Lager 75 und den Steppen der „schwarzen Mütze“ fortzogen. Er wurde daher getötet; sein Skelett sollte als Andenken an unseren Besuch liegenbleiben.
Als die Karawane beladen wurde, kam der Bombo und machte einen letzten verzweifelten Versuch, uns zum Bleiben zu bewegen. Ich erklärte ihm rund heraus, daß unser Weg nach Süden führe. Da schwieg er und ging seiner Wege.
Wir folgten nun auf hartem, ebenem, vortrefflichem Boden dem Seeufer nach Westsüdwest. Rechts von unserem Wege erhebt sich ein jäh abfallender Landrücken, an dessen Fuß die Tibeter entlangreiten, — sie sind jetzt 63 Mann stark. An einem Punkte, wo der See nach dieser Richtung hin ein Ende zu haben schien, zeigte die Weide ganz vortreffliches, dichtes, üppiges Gras; daher rasteten wir dort der Tiere wegen eine Weile. Nun kamen die Tibeter ebenfalls herangesprengt, schlugen in unserer Nähe ihre Zelte auf, sattelten ihre Pferde ab und ließen sie grasen. Sie nahmen wohl fest an, daß auch wir hier lagern würden. Bald darauf zeigten ihre Feuer, daß sie zu frühstücken beabsichtigten.