Unsere verdutzten Späher zurücklassend, steuern wir nach Südwesten, während das Seeufer nach Süden und Osten umbiegt. Wir gingen über vier alte Uferlinien, die außerordentlich deutlich von mächtigen Kieswällen markiert wurden, deren letzter und höchster sich wohl 50 Meter über den jetzigen Spiegel des Sees erhob. Von dem Walle hatten wir eine prächtige Aussicht über die blaue, klare Wasserfläche des Selling-tso. Dieser scharfsalzige See ist also in energischem Abnehmen begriffen; er schrumpft periodenweise zusammen und hinterläßt die Wälle als unverkennbare Wahrzeichen seiner früheren Ausdehnung.

Das vor uns liegende Terrain ist jetzt ziemlich eben, bis wir einen neuen Wall erreichen, der nach Nordwesten abfällt, wo sich wieder ein See zeigt. Darauf stehen wir am Rande einer außerordentlich eigentümlichen Bodensenkung, einer eiförmigen Arena, in deren Mitte einige Süßwassertümpel liegen. Unmittelbar südlich erhebt sich ein Bergrücken, der sich in westöstlicher Richtung hinzieht und dessen senkrechte Seitenwände einige hundert Meter hoch sind. Wir zogen nach seinem westlichen Ende. Jetzt tauchten auf einem Hügel acht Tibeter auf und beobachteten uns von dort. Als sie bald darauf wieder verschwanden, ahnte ich, daß wir uns auf einer Halbinsel befanden und daß sie glaubten, uns vorläufig wie in einem Sacke gefangen zu haben.

Sirkin und Schagdur wurden daher vorausgeschickt, um zu rekognoszieren, indes wir langsam weiterzogen. An dem Punkte, wo die Felswand jäh in das Wasser fällt, kamen sie uns entgegen und erklärten, es sei noch derselbe See. Wir waren also auf einer Halbinsel gewandert, die ihre felsgekrönte Front nach Süden kehrt. Es war immerhin den Umweg wert, daß ich die Karte auch an diesem Punkte vervollständigen konnte. In schönster Ruhe wandten wir uns um nach Nordnordosten und entfernten uns ein wenig vom Ufer des Selling-tso.

In einer Felsschlucht „fand“ Tscherdon zehn mit Fett gefüllte Schafmagen und nahm vier davon mit. Ganz dicht bei einem am Ufer liegenden kleinen Zeltdorfe lagerten wir. Die Gegend hieß Tang-le; die Bewohner waren nette Leute, weigerten sich aber ganz entschieden, etwas zu verkaufen. Ich zeigte ihnen die Fettmagen und fragte, was sie kosteten. Drei Tsos (die landesübliche Silbermünze in Lhasa, zirka 60 Pfennig) das Stück, antworteten sie; da mir aber der Preis viel zu hoch war, gab ich ihnen ihr Fett wieder und ließ sie gehen, nachdem sie die Bemerkung des Lama, daß, wenn wir nicht so gute Menschen gewesen wären, wie wir nun einmal seien, wir alle zehn Magen einfach hätten behalten können, gleichgültig angehört hatten, ohne ein Wort zu sagen.

Die Tibeter lagerten ein paar Kilometer von uns, außer fünfzehn Mann, die ihr Zeltdorf bei unserem Lager aufschlugen. Im Laufe des Abends führten sie verschiedene Manöver und Kampfspiele aus und schossen nach der Scheibe. Beinahe den ganzen Tag fiel dichter Regen, und ein paarmal fuhren heftige Windstöße mit solcher Gewalt über das Land hin, daß wir Halt machen und warten mußten. Mit Kalpet wurde es immer schlechter, er mußte auf seinem Reitpferde festgebunden werden, um nicht herabzufallen. Tschernoff war sein Krankenpfleger und ritt neben ihm. Am nächsten Morgen bat der Kranke, zurückgelassen zu werden, welche Bitte natürlich nicht gewährt wurde. Statt dessen wurde er so bequem wie möglich zwischen zwei Zeltballen auf ein Kamel gebettet.

Wenn nicht so frischer Wind gegangen wäre, würde ich den Weg über den See eingeschlagen haben, nun aber mußte ich mit der Karawane am Nordufer, das sich ziemlich gerade nach Westen hinzieht, entlangmarschieren. Sobald wir anfingen zu beladen, machten sich auch die Tibeter bereit, und nach einem Marsche von einigen Kilometern ritt unser alter Bombo mit zwölf Mann an uns heran und machte einen letzten verzweifelten Versuch, uns zu bewegen, geraden Weges nach Ladak zu ziehen. Als ich ihm jedoch sagte, ich ginge, wohin es mir passe, und er würde uns keine Furcht einjagen können, wenn er auch zehntausend Mann aufböte, sah er sehr niedergeschlagen aus und teilte mir mit, er werde uns jetzt unserem Schicksal überlassen und nach seinen Zelten im Nordwesten zurückreiten, worauf ich ihm glückliche Reise wünschte. Die Schar verschwand denn auch in jener Richtung, und es war wirklich schön, im Laufe des Tages unbelästigt zu bleiben. Erst gegen Abend tauchten in der Ferne zwei Reiter auf, offenbar Kundschafter, verschwanden aber wieder zwischen den nördlich von unserem Wege liegenden Hügeln.

Auch hier sind alte Uferwälle deutlich ausgeprägt, manchmal kann man auf einem solchen stundenlang wie auf einer Straße reiten. Nach Süden hin erstreckt der See seinen gewaltigen, blau und grün schillernden Spiegel bis in die weite Ferne.

Schließlich biegt das Seeufer nach Südwesten und Südsüdwesten ab. Zwischen einem Gewirr von Schlamminseln war das Wasser süß, hier mußte also ein Fluß münden. In kurzem gelangten wir an sein Ufer, und Schagdur machte bald eine vortreffliche Furt mit hartem Kiesboden ausfindig. Das Wasser war kristallklar, der Fluß mußte also von einem weiter aufwärts im Tale gelegenen See kommen. Beim Rekognoszieren hatte Schagdur einige Wildenten gesehen und vier geschossen, die flußabwärts trieben und von uns aufgefischt wurden. Zwei anderen, die nur verwundet waren, gelang es, an uns vorbei nach der Mündung zu kommen. Tscherdon ritt jedoch kühn mitten in den Fluß hinein und köpfte die eine mit seinem Säbel. Die andere verschwand zwischen den unzähligen Möwen, die sich in dem Mündungsgebiet aufhielten und das Wasser weißgetüpfelt erscheinen ließen. Ihre Anwesenheit schien auf das Vorkommen von Fischen in diesem Flusse hinzudeuten. Der Platz war viel zu einladend, als daß wir daran hätten vorbeigehen können; wir lagerten auf dem Gipfel der rechten Uferterrasse.

„... und jagten dann in wildem Laufe vor, hinter und durch die Zelte, als wollten sie uns niederreiten!“