Kaum war das Lager errichtet ([Abb. 266]), so sahen wir schwarze Linien im Nordwesten und Nordosten. Es waren unsere zudringlichen Wachen; von Nordwesten kamen 53, von Nordosten 13, sie hatten jetzt eine nicht geringe Anzahl Packpferde bei sich. Sie waren augenscheinlich nur fortgewesen, um sich zu verproviantieren und sich für einen längeren Feldzug zu rüsten. Sie gingen an derselben Stelle wie wir über den Fluß und jagten dann in wildem Laufe vor, hinter und durch die Zelte, als wollten sie uns niederreiten! (S. bunte Tafel.) Doch, während sie heulten und ihre Lanzen über dem Kopfe schwangen, schienen sie uns nicht zu bemerken; sie streiften uns mit keinem Blicke, sondern ritten nur vorbei wie ein Wirbelwind, wie eine rollende Lawine. Die Schar sah malerisch aus in ihren bunten Gewändern und oft recht schönen Säbeln, ihren an den Gabelenden der Flinten befestigten weißen und roten Fähnchen und den Schwertern in silbernen Scheiden.
Im Südwesten von uns machten sie zu einer längeren Beratung Halt. Drei Männer traten vor, und die anderen sammelten sich in drei verschiedene Gruppen um sie, wie es schien, um zu lernen, wie mit Flinten umgegangen wird, denn diese waren die ganze Zeit über Anschauungsmaterial. Von Zeit zu Zeit stießen alle auf einmal ein seltsames Geheul aus. Dann wurden die Zelte aufgeschlagen, und die Männer ließen sich an ihren Feuern nieder.
Das Lager der Tibeter war auf einer unbedeutenden Anhöhe, die unsere Zelte beherrschte, aufgeschlagen, und die Kosaken hatten beobachtet, daß alle Flinten in eine Reihe mit der Mündung nach unserem Lager gelegt worden waren. Sie meinten, es sehe aus wie eine Schützenlinie und es sei nicht unmöglich, daß wir über Nacht einem mörderischen Feuer ausgesetzt werden sollten. Daher begab ich mich, als es dunkel geworden war, mit dem Lama und Schagdur nach dem Lager der Tibeter und ging in das Zelt des Bombo, wo ich höflich bewillkommnet und mir Tee und Tsamba vorgesetzt wurden. Innerhalb einer Minute war das Zelt vollgepfropft von Tibetern. Ich weigerte mich, an der Mahlzeit teilzunehmen, weil, wie ich sagte, der Bombo nicht angerührt habe, was ihm bei uns angeboten worden sei. „Re, re, re“, rief er („Wahr, wahr, wahr“). Er fragte nach meinem Namen, und ich erwiderte ihm, daß er ihn erfahren solle, wenn er mir sage, wie der Fluß heiße; er hatte aber keine Lust, auf den Tausch einzugehen. Später erfuhren wir jedoch, daß der Fluß Jaggju-rappga hieß. Auf meine Frage, ob es im Flusse Fische gebe, wurde mir geantwortet. „Ja, in großer Menge.“ Ich versprach, den nächsten Tag hierzubleiben, aber nur unter der Bedingung, daß sie mir, um die Wahrheit ihrer Worte zu beweisen, bei Sonnenaufgang einen mittelgroßen Fisch in mein Zelt brächten. Sie versprachen, ihr Bestes zu tun, und erhielten leihweise ein Netz, von dem sie aber gar nicht wußten, wie sie es benutzen sollten.
Am frühen Morgen erschienen vor meinem Zelt einige Tibeter mit dem Netze, in dessen Maschen ein kleiner Fisch gefangen war. Sie waren mit ihrer Beute sehr zufrieden und versicherten, daß sie bei dem Fange beinahe umgekommen seien. Unsere Wachtposten hatten indessen beobachtet, daß einige Tibeter sich mit Tagesgrauen nach der Flußmündung begeben und dort eine Möwe belauert hatten, als sie gerade einen Fisch gefangen hatte. Diese hatten sie durch Steinwürfe gezwungen, ihre Beute an einer leicht erreichbaren Stelle fallen zu lassen. Unserem Versprechen gemäß blieben wir auf alle Fälle hier, um zu fischen.
Tscherdon und alle Muselmänner, außer unseren erfahrenen Lopfischern Kutschuk und Ördek, sollten das Lager bewachen; die drei übrigen Kosaken durften mitkommen. Von einer Masse von Tibetern gefolgt und von einem Kamele, welches das Boot trug, begleitet, ritten wir am rechten Ufer aufwärts, bis wir an eine Biegung gelangten, wo der Fluß zwei kleine Wasserfälle bildet, von denen der obere meterhoch ist, der untere aber nur 30 Zentimeter Fallhöhe hat. Hier donnert und kocht die Wassermasse in fest verkitteten Geröll- und Tonschlammschwellen. Das Bett ist eng und so tief, daß das Wasser blauschwarz aussieht. Unterhalb des unteren Wasserfalles bildet sich ein langsamer Wirbel, in den das Netz vom Ufer aus spiralförmig hinabgesenkt wurde. Dadurch, daß wir in einer Kurve ruderten, mit den Rudern schlugen, schrien und lärmten, jagten wir die Fische in das Netz hinein und fingen jedesmal zwei bis drei von ihnen. Nachdem ich 28 Stück gefangen hatte, ließ ich die anderen weiterfischen. Die Kosaken angelten vom Ufer aus und hatten auch guten Fang. Tschernoff schoß einige Wildenten, die wir mit dem Boote auffingen. Kurz, wir hatten einen entzückenden, erfrischenden Tag und eine angenehme Abwechslung nach den langen, anstrengenden Karawanenmärschen. Daß der Hagel alle Augenblicke auf uns niederprasselte, störte uns wenig; die Tibeter saßen auf der Uferterrasse und glichen, schwarz wie sie waren, einer Reihe Krähen auf einem Dachfirst.
Vom Fischereiplatze trieb ich mit schwindelnder Fahrt nach dem Lager zurück. Eine Schar Wildenten flog eilig vor uns her; wir fuhren weiter bis an die Stelle, wo sich der Fluß in den Selling-tso ergießt, und von dort ging ich nach Hause, während Ördek die Jolle nach dem Lager zurückrudern und stoßen mußte. Der Fluß sollte nämlich gemessen werden, und dabei ergab sich, daß er 34,6 Kubikmeter Wasser in der Sekunde führte.
Dreißig Tibeter mit dem Bombo an der Spitze besuchten mich am Abend. Sie waren so freundlich, mir zwei Schafe und drei Kübel voll prächtiger Milch zu schenken, wahrscheinlich als Belohnung dafür, daß wir, wie sie uns gebeten hatten, einen Tag hiergeblieben waren. Sie durften jetzt den Tönen der Spieldose lauschen und mehrere unserer Sehenswürdigkeiten betrachten, und der Bombo nahm die Geschenke an, die ihm angeboten wurden.
Die Kosaken sahen dem Scheibenschießen der Tibeter zu. Der Abstand betrug nur 40 Meter, und ein kleines Holzbrett an einer Stange diente als Scheibe. Von dreißig Schützen vermochten nur drei das Brett zu treffen — ein mehr als klägliches Resultat. Die Kosaken baten, auch einen Versuch machen zu dürfen, aber darauf wollten sich die Schützen durchaus nicht einlassen; sie fürchteten wohl, übertroffen zu werden.
Als ich am nächsten Morgen geweckt wurde, waren die Lopleute schon eine gute Weile beim Fischen gewesen, und ich wies daher den Entenbraten, der sonst hätte mein Frühstück bilden sollen, zurück.
Der Morgen versprach mehr, als der Tag halten konnte. Er war schön und sonnig, aber kaum waren wir in Gang gekommen, so zogen die schwarzblauen Wolkenwände, die am Horizonte lauerten, herauf und entluden ihren Inhalt. Die Folge davon waren Hagel, Sturm, nasser Schnee und Platzregen, so daß der Boden wieder naß und schlüpfrig wurde. Der Tagemarsch war demnach in mehrerer Beziehung düster. Die Tibeter ermüdeten uns mit ihrem ewigen Quälen, daß wir umkehren sollten, und mit unseren beiden Kranken sah es auch schlecht aus; besonders Kalpets Zustand hatte sich sehr verschlimmert.