Durch das natürliche, imposante Felsentor, das durch eine Unterbrechung der im Süden des Jaggju-rappga-Tales liegenden Kette gebildet wird, ziehen wir nach Südosten. Über den Klüften und Vorsprüngen zur Rechten kreist ein Königsadler, wahrscheinlich derselbe, den wir gestern den Wildenten hatten auflauern sehen. Die Felstauben, die zierlich und elegant auf dem Boden trippelten, schienen vor dem Adler nicht den geringsten Respekt zu haben. Kulane und Orongoantilopen zeigen sich überall; sie, wie die Fische, scheinen gewohnt zu sein, daß sie von den Menschen in Frieden gelassen werden. Auf Delikatessen verstehen sich die Tibeter nicht. „Ebenso gut, wie man Fische ißt“, sagen sie, „könnte man ja Schlangen und Eidechsen verzehren; das ist genau dasselbe.“
Die Bergkette zieht sich wie eine Halbinsel in den See hinein. Auf ihrer Südseite reiten wir durch einen bedeutenden Fluß namens Alla-sangpo, und zu unserer Linken dehnt sich wieder der marineblaue Spiegel des Selling-tso aus. Hier und dort steht am Ufer ein Zelt. Im Südwesten zeigt sich bisweilen eine verwirrende Welt von Bergen, meistens aber verhüllen Regengüsse und Hagelschauer die Landschaft, so daß Dämmerung herrscht und ich ausschließlich nach dem Kompaß marschieren muß. Der Erdboden war ein einziger Sumpf. Die Tibeter ritten einen anderen Weg, und wir zogen es schließlich vor, ihnen zu folgen; doch jetzt machten sie Halt und meinten, daß wir uns selbst helfen könnten! Am Ufer zeigten sich Massen von Wildgänsen, die noch rechtzeitig vor unseren Gewehren flüchteten. Einen Augenblick klärte es sich über dem ausgedehnten See auf, und wir konnten leicht mehrere Stellen wiedererkennen, die wir am anderen Ufer passiert hatten, besonders die kleine Bergkette auf der Halbinsel, auf der wir hatten umkehren müssen.
Links lassen wir auch an unserem Ufer eine derartige kleinere Kette hinter uns zurück. Wir beabsichtigten gerade, zu einer Schwelle in Südsüdosten hinaufzuziehen, als Kutschuk und Chodai Kullu heransprengten und atemlos verkündeten, daß es Kalpet sehr schlecht gehe. Ich eilte dorthin und fand ihn mehr tot als lebendig inmitten der anderen auf einer Decke am Boden liegen. Er bat um Wasser; da es dieses in der Nähe nicht gab, durfte er so viel Milch trinken, als er konnte. Seine Augen hatten einen strahlenden, intensiven, aber glasigen Ausdruck; seine Gesichtsfarbe war gelb, die Lippen weiß.
An einem großen Tümpel mit Regenwasser lagerten wir bei strömendem Regen. Eines der Zelte wurde als Lazarett eingerichtet, und hier fand Kalpet Schutz vor der Witterung. Er lag ganz still und schien keine Schmerzen zu fühlen. Eine leichte Dosis Morphium verhalf ihm zum Schlaf. Der alte Muhammed Tokta, der auch ins Lazarett gebracht wurde, hatte eine schauerliche Krankheit. Sein ganzer Leib war geschwollen und sein Gesicht eine einzige Geschwulst; es war nicht gut für ihn, seinen Unglücksgefährten mit dem Tode ringen zu sehen.
Auch heute Abend kam unser Bombo auf Besuch, und als wir ihn baten, uns Milch aus dem nächsten Zeltdorfe zu besorgen, sagte er, daß die Pocken dort grassierten; falls wir dorthin gehen wollten, könnten wir es tun; er seinerseits danke dafür. Er brachte drei neue Gesichter mit, darunter einen alten, sehr netten Lama. Sie erklärten, direkt von den Gesandten zu kommen, die der Dalai-Lama ausgeschickt habe, um uns zu verhindern, nach Lhasa zu gehen. Dann folgten die gewöhnlichen Unterhandlungen und Bitten, daß wir doch um Himmels willen bleiben möchten, wo wir seien, damit wir nicht nur uns, sondern auch sie nicht ins Unglück stürzten. Die Gesandten von Lhasa seien nicht mehr weit und würden in zwei Tagen hier eintreffen. Ich blieb unbeweglich und sagte ihnen, es sei eine Schande, friedliche Gäste auf diese Weise zu behandeln und uns mit Hunderten von bis an die Zähne bewaffneten Spionen zu umgeben. Wir beabsichtigten nicht, Krieg zu führen, und hätten alles, was wir gekauft, ehrlich bezahlt. Über unsere Pläne würde ich nicht eher Auskunft geben, als bis die Gesandten angelangt seien. Sie waren verblüfft und sahen sehr sorgenvoll aus.
Um 7 Uhr erhob sich ein so heftiger Sturm, daß das ganze Lager fortzufliegen drohte und die Zelte von der Wucht des Hagels und Regens beinahe zu Boden gedrückt wurden. Nach einem letzten Besuche im Lazarettzelte ([Abb. 267]), wo Kalpet ruhig schlief und Muhammed Tokta über sein Herz klagte, gingen wir zur Ruhe, um die Sorgen des Tages in den Armen des Schlafes zu vergessen.
Sobald ich am 11. September aufgestanden war, besuchte ich die Kranken. Muhammed Tokta war unverändert; er war bei klarem Bewußtsein und scherzte sogar, hatte aber gemerkt, daß er allmählich das Gefühl in den Fingern verlor. Schlimmer war es mit Kalpet. Er rang mühsam nach Atem, seine Wangen waren eingefallen, aber die Augen hatten ihren Glanz beibehalten. Es schien mit ihm zu Ende zu gehen, aber er sprach vernünftig und sagte, er habe eine „kattik kessel“ (schwere Krankheit) und sei noch kränker davon geworden, daß einer seiner Kameraden ihn vor einigen Tagen geschlagen habe. In Wirklichkeit war es damit, wie sich herausstellte, nicht so schlimm gewesen, aber die Erinnerung daran erfüllte den Sterbenden ganz und gar, und er wußte von nichts anderem zu reden. Der arme Kerl, der dies auf seinem Gewissen hatte, würde jetzt viel darum gegeben haben, wenn er die Sache hätte ungeschehen machen können.
Allmählich schwand das Bewußtsein; er sprach nicht mehr, war total geistesabwesend und starrte in unbekannte Fernen, vielleicht nach dem Paradiese, das der Prophet ihm versprochen hatte. Ich wollte den Tag über hierbleiben, aber die Gegend war so erbärmlich, daß alle für das Übersiedeln nach einem besseren Platze stimmten. Kalpet wurde daher bequem und weich auf sein Kamel gebettet ([Abb. 268]), und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Wir alle fühlten, daß heute der Tod mit der Karawane zog, und die Stimmung war daher gedrückt und düster.
Es ging nach Südosten. Von der ersten kleinen Paßschwelle sahen wir wieder einen außerordentlich schönen, von niedrigen Bergketten eingefaßten See mit bizarren Ufern vor uns liegen. Das Wasser war kristallhell; daß es diesmal nicht wieder der Selling-tso sein konnte, merkte man bald, denn hier sah man sowohl Wasserpflanzen als auch Fische, und das Wasser war so süß, wie das eines Flusses.
Das linke Seeufer sah bedenklich aus, denn steile Felsen fielen hier jäh ins Wasser hinunter, und ich hielt es daher für das Klügste, Sirkin und Schagdur auf Rekognoszierung auszuschicken. Inzwischen überfiel uns ein gewaltiger Hagelsturm, und Kalpet wurde mit einem Filzteppiche zugedeckt. Die drei neu angekommenen Tibeter ritten an mich heran, um mir zu erklären, daß es auf dem Westufer keinen Durchgang gebe, doch führe auf dem Nordufer ein Weg nach Osten, den wir benutzen könnten, wenn wir durchaus weiter wollten. Ich ahnte sofort, daß etwas dahinter liegen müsse; es blieb mir aber keine Wahl, um so mehr, als nachher die Kosaken die Aussage der Tibeter bestätigten.