Wir zogen also längs des nördlichen Ufers weiter; es wurde eine Wanderung in den schönsten Schlangenlinien. Ein gerade nach Osten gehender Weg führte über die Hügel, aber die Tibeter hielten sich hinter uns und hüteten sich wohl, ihn uns zu zeigen. Wir gingen also am Strande entlang und nahmen so alle Buchten, Landzungen und Halbinseln mit, ohne zu wissen, nach welcher Seite der See ausbog. Wenn wir infolgedessen auch viele unnötige Schritte machten, so erhielt ich doch wenigstens eine getreue Karte des launenhaften Sees, und eine herrlichere Landschaft als diese hatten wir in Tibet noch nicht gesehen. Nach allen Seiten hin öffneten sich großartige Perspektiven in Buchten und Fjorde hinein, die zwischen malerischen, dekorativen kleinen Bergketten mit steil nach dem See abfallenden Abhängen tief in das Land einschnitten. Hier und dort tauchten kleine Inseln auf, gewölbt wie Delphinrücken. Alte Uferlinien waren hier nicht zu sehen, und das süße Wasser sprach dafür, daß der See, der Nakktsong-tso heißt, Abfluß nach einem weiter südlich liegenden Salzsee hat.

Nachdem wir einige Stunden in allen möglichen Richtungen gewandert waren, überraschten wir die Tibeter, die ihre Zelte am Ufer aufgeschlagen hatten und ihre gewöhnliche Teerast hielten. Sie hatten dadurch Zeit gewonnen, daß sie einen Richtweg hinter den Uferfelsen benutzt hatten. Wir zogen an ihnen vorbei, bis der See definitiv nach Südosten abzubiegen schien. Hier traten die Berge vom Ufer zurück, das eben und mit festem Kiese bedeckt war und den Kamelen ein vortreffliches Terrain bot. Am östlichen Ende des Sees lagerten wir bei einem Zeltdorfe. Die Späher waren uns auch diesmal zuvorgekommen und hatten schon ihre Zelte aufgeschlagen.

Kalpet hatte oft gesprochen und besonders Rosi Mollah, seinen Kerijaer Landsmann, gerufen; er hatte um Wasser gebeten und darum, daß seine Lage auf dem Kamele verändert werden möchte, wenn er sich auf einer Seite müde gelegen hatte; manchmal rief er laut und deutlich, das Kamel gehe zu schnell. Als er jedoch in der Nähe des Lagers längere Zeit still gewesen war, hielt die Ambulanz, welche die Nachhut der Karawane bildete, und Mollah horchte. Er holte mich sofort, und es war nicht schwer zu konstatieren, daß mein armer Diener verschieden war. Sein Ausdruck war ruhig und verklärt, aber die Augen hatten ihren Glanz verloren. Er war schon kalt, obwohl es kaum eine Stunde her war, seit er zuletzt um Wasser gebeten hatte. Mollah drückte ihm für immer die Augen zu, und dann setzte die jetzt in einen Leichenzug verwandelte Karawane ihren Weg fort. Die Muselmänner hatten, wie gewöhnlich, gesungen, um sich den Marsch weniger langweilig zu machen; jetzt aber wurde es still wie in einem Grabe, und nur die Tritte der Tiere auf dem Sande und Kiese des Ufers und das keuchende Atmen der Kamele unterbrachen das Schweigen. Wir standen wieder vor dem furchtbaren, erbarmungslosen Ernste des Todes, und wieder führten wir einen Toten auf einem lebendigen Katafalke mit uns ([Abb. 270]).

Als wir an den Zelten der Tibeter vorbeizogen, kamen diese uns entgegen, um uns zu sagen, daß es bis zur nächsten Stelle mit Weide noch weit sei. Ich teilte ihnen mit, daß wir einen Toten bei uns hätten, der begraben werden müsse, was sie sehr ruhig anhörten, uns dann aber einen Platz anwiesen, wo dies am besten geschehen könne.

Sobald das Lager fertig war, sprach ich mit Mollah und Turdu Bai über die Beerdigung; sie schlugen vor, sie bis zum nächsten Morgen aufzuschieben und dann mit den üblichen Zeremonien vorzunehmen. Die Leiche wurde für die Nacht in das eine weiße Zelt gelegt und sollte von einem Wächter vor den Hunden geschützt werden.

Kalpets Beerdigungstag, der 12. September, brach strahlend hell und klar an; nur dann und wann segelte in der frischen Seebrise, welche die Wellen ans Ufer rauschen ließ, ein kreideweißes Wölkchen über den Himmel. Das Grab war schon fertig, und im Todeszelte waren Hamra Kul, Mollah Schah und Turdu Bai damit beschäftigt, die Leiche in ein Laken zu hüllen, nachdem sie vorschriftsmäßig gewaschen worden war. Dabei hatten sie sich das Gesicht außer den Augen mit weißen Binden umwunden, um nicht die Leichenluft einatmen zu müssen. Vor dem Zelte saß Rosi Mollah und las laut aus einem Gebetbuche. Das Grab war nicht viel mehr als einen Meter tief, und seine eine Längsseite bildete eine Höhlung, in welche die Leiche hineingeschoben werden sollte. Hierher lenkte der Leichenzug seine Schritte. In eine weiße Filzdecke gewickelt, lag der Tote lang, mager und kalt auf einer Kamelleiter und wurde von Mollah Schah, Islam, Li Loje, Chodai Kullu, Ördek, Hamra Kul und Kutschuk getragen ([Abb. 269]). Die improvisierte Bahre wurde auf den Rand des Grabes gestellt und Kalpet dann vorsichtig in seine letzte Ruhestätte hinabgelassen ([Abb. 271]), wobei Mollah Schah und der Mollah mit hinabstiegen, um ihn unter den Vorsprung, der sich über der Aushöhlung in der Seite des Grabes wölbte, zu legen. Der Mollah setzte sich dann und hielt folgende Rede an den Verstorbenen:

„Du bist ein rechtschaffener, rechtgläubiger Muselmann gewesen, du hast niemals einem von uns etwas zuleide getan, du läßt eine Lücke zurück, und wir beweinen dein Hinscheiden, du hast dem Tura gut und redlich gedient.“

Nachdem die beiden Männer aus dem Grabe gestiegen waren, wurde die Kamelleiter quer über die Öffnung gelegt und das Ganze mit einem Filzteppiche bedeckt, dessen Kanten mit Erdschollen beschwert wurden; darauf wurde der Grabhügel über dem Teppiche aufgeworfen, welch letzterer dieses Gewicht natürlich nicht sehr lange würde aushalten können, — es bedurfte nur eines Regens oder des Darüberlaufens umherstreifender Yake, um das Ganze zum Einstürzen zu bringen. Als der Hügel fertig und am Kopfende mit einem ebenso vergänglichen Denkmale aus Erdschollen und einigen dar aufgestellten Steinen verziert war, warfen sich die Muselmänner um das Grab herum auf die Knie, hielten sich die Handflächen vor das Gesicht und murmelten leise Gebete, die nur dann und wann von den Gebetformeln des Mollah unterbrochen wurden.

Und dann war der feierliche Akt vorbei und Kalpet der Erde wiedergegeben. Wir kehren, wie aus einer Kirche, aus einer Sonntagsstimmung in der Wildnis, zu den Sorgen des Alltagslebens zurück. Wir packen unsere Habseligkeiten ein, brechen unsere Zelte ab, beladen unsere geduldigen Kamele, steigen zu Pferd und ziehen von diesem dritten Todeslager fort. Alles erscheint so eitel und zwecklos, wenn man eben am Rande eines Grabes gestanden hat, wo man sich von dem erhabenen Ernste des Lebens und des Todes durchdrungen gefühlt und das Stundenglas ablaufen gesehen hat. Und dann kommt man zu den unbedeutenden kleinen Sorgen eines neuen Tages zurück und setzt seine endlose Wanderung über die Gebirge ohne Rast und Ruhe fort! Auf der Karte steht neben diesem Lagerplatz ein schwarzes Kreuz. Heute ist das Grab sicherlich schon verschwunden. Die Nomaden treiben ihre Herden darüber hin, und ringsumher in den Bergen heulen in den Winternächten die Wölfe. Und sollte das Grab wirklich noch nicht verschwunden sein, so weiß doch keiner, wer der Tote war. Der Rechtgläubige ruht in heidnischer Erde, aber seine Ruhestätte ist doch mit Gebeten aus dem Koran geweiht worden.

Nach der Beerdigung kam Rosi Mollah mit folgendem Anliegen zu mir: „Ehe wir uns nach Beendigung dieser Reise trennen, gebt mir, bitte, ein schriftliches Zeugnis, daß Kalpet eines natürlichen, ehrlichen Todes gestorben ist, damit seine Brüder in Kerija nicht glauben, er sei von mir oder irgendeinem anderen von uns totgeschlagen worden.“ Dies versprach ich, und es geschah auch, worauf das Zeugnis nebst Kalpets Lohn an seine Brüder geschickt wurde.