276. Die Garde der tibetischen Gesandten am Tschargut-tso. ([S. 291].)
277. Im Kampf mit Wogen und Wind auf dem Tschargut-tso. ([S. 294].)
Die Tibeter, die dem Begräbnisse zusahen, erlaubten sich die Bemerkung, daß wir uns viel zu viel Mühe damit machten. „Werft den Toten den Raben und den Wölfen hin!“ sagten sie. Dies tun sie selbst, wie wir bei einer spätern Gelegenheit mit eigenen Augen sahen.
Die Muselmänner verbrannten das Zelt, in welchem Kalpet aufgebahrt gestanden, seine Kleider und seine Stiefel. Bei der heutigen Gelegenheit waren alle üblichen Zeremonien beobachtet worden; als Aldat starb, war er wie er ging und starb begraben worden.
Heiterlächelnd verjagte der Tag die traurige Erinnerung des Morgens, und wieder entrollte die Erde, auf deren Oberfläche wir ein so flüchtiges, unsicheres Dasein führen, vor uns eine ihrer schönsten Landschaften. Auch jetzt gingen wir durch ein Felsentor im Südosten. Links zeigte sich noch einmal ein Teil des Selling-tso. Von einer niedrigen Paßschwelle erblickten wir nach Süden hin eine offene, weite Ebene, die ganz hinten vom Gebirge begrenzt wurde. Die Tibeter waren uns auf den Fersen. Links von uns lagen einige schwarze und zwei blauweiße Zelte, wohin sie sich begaben. Als wir dicht bei diesem Zeltdorfe waren, sprengte eine Reiterschar an mich heran und überbrachte mir die Nachricht, daß zwei hohe Herren aus Lhasa angelangt seien, weshalb sie uns bitten müßten, der Verhandlungen wegen in ihrer Nähe zu lagern. Anfangs weigerte ich mich und sagte, wir hätten mit diesen Leuten nichts zu schaffen, sondern würden weiterziehen. Doch als es nachher um ihr Lager herum von Soldaten zu wimmeln begann und mir gesagt wurde, daß sie mir Botschaft direkt aus Lhasa brächten, hielt ich es für das Klügste, wenigstens zu hören, was sie eigentlich wollten, und bat die Tibeter, ihren hohen Herren zu sagen, daß ich mit ihnen sprechen würde, wenn sie zu mir kämen.
Jetzt zeigten sich zwei ältere Männer in roten Gewändern. Sie saßen zu Pferd. Vier Fußgänger hielten jedes Pferd am Zügel und führten die hohen Herren zu mir, der ich im Sattel sitzen blieb. Sie grüßten höflich und sahen freundlich und gutherzig aus: die Berichte, die sie während der letzten Tage über uns erhalten hatten, waren sicher zu unserem Vorteil ausgefallen. Sie hatten mir, wie sie sagten, so wichtige Mitteilungen zu machen, daß ich unbedingt bei ihnen lagern müsse; nach vielem Wenn und Aber ging ich schließlich darauf ein.
Doch als wir unser Lager aufgeschlagen hatten, verging eine lange Zeit, ohne daß die Gesandten etwas von sich hören ließen. Ich schickte nun den Lama mit dem Bescheid dorthin, daß sie uns gebeten hätten zu bleiben und sich nun gefälligst sputen möchten, wenn sie mir etwas so Wichtiges zu sagen hätten, da wir sonst wieder aufbrechen würden. Dies half. In ihrem Lager wurde es lebendig. Die beiden Gesandten kamen schleunigst aus dem Zelte und ritten zu uns; die Entfernung betrug kaum 150 Schritt. Der Sicherheit halber umgaben sie sich mit einer starken Eskorte, die jedoch nicht mit Feuerwaffen, sondern nur mit Schwertern bewaffnet war. Sie saßen ab und traten mit artigem Gruße in das Küchenzelt ein, das für Audienzen gewöhnlich ausgeräumt und mit einem bunten Chotaner Teppich geschmückt wurde. Auf diesem Teppich nahmen wir Platz, während draußen ein dichter Kreis von Kosaken, Tibetern und Muhammedanern um das Zelt herum stand. Der Lama, mein Dolmetscher, mußte zwischen uns sitzen.
Sie stellten sich als Mitglieder des „Dewaschung“, des Heiligen Rates in Lhasa, vor, denen der Auftrag geworden sei, mich zu verhindern, nach dieser Stadt zu reisen. Sie wußten, daß ich schon auf einem anderen Wege mit nur zwei Begleitern nach Lhasa zu reiten versucht hatte, aber aufgehalten und von Kamba Bombos Leuten über die Grenze gebracht worden sei. Nun hieß es wieder wie damals: „Nach Süden dürft ihr keinen Schritt weiter“, und dieses Thema wurde drei Stunden lang in allen möglichen Variationen wiederholt.