Die Karawanenglocken kommen immer näher. Die Weide war an dieser Stelle gut, und die Kamele sollten noch einmal eine stärkende Mahlzeit haben. Der Brunnen gab leidliches Wasser, und aus der Winterkälte machten wir uns wenig; sie wurde durch prächtige Feuer gemildert.
Ein passendes Tal lockte uns in seine Mündung hinein, und einen ganzen Tag ritten wir durch seine Rinne nach Norden. Der Boden hebt sich außerordentlich langsam, für das Auge geradezu unmerklich. Nach vorhandenen Karten von Innerasien müßte hier eine gewaltige Bergkette liegen, aber die Anhöhen, die wir jetzt auf allen Seiten sahen, waren so unbedeutend, daß sie kaum den Namen Berge verdienten. In einer kleinen Schlucht fand ich Stücke eines uralten Eisentopfes von sphärischer Form und einen Dreifuß, der unten einen Ring hatte. Offenbar waren hier in früheren Zeiten Chinesen oder Mongolen vorbeigekommen. Waren wir hier vielleicht wieder auf die Fortsetzung des Weges, den wir im Astin-tag gesehen hatten, gestoßen, oder war dies ein alter Weg nach Chami?
Daß wir uns in einer Gegend befanden, wo einstmals menschliche Verbindungsstraßen gelegen haben mußten, wurde uns während der folgenden Tagereise völlig klar. In dem breiten, offenen Tale, dem wir nach Norden folgten, zeigten sich nämlich oft Steinmale und Steinhaufen. Da, wo das Tal in flaches, wellenförmiges Terrain auslief, teilte sich der alte Weg. Eine Reihe von Steinmalen erstreckte sich nach Westsüdwesten, eine zweite nach Nordwesten. Der erste dieser beiden Wege hat wahrscheinlich nach den Ruinen geführt, die wir früher am Nordufer des Lop-nor gefunden hatten. Der zweite, den wir einschlugen und der nach Turfan zu gehen schien, führte uns auf einen niedrigen, rötlichschimmernden Kamm von ganz verwittertem Granit. Fern im Norden wurde die Aussicht durch eine etwas höhere Kette versperrt. Die Landschaft ist seltsam, öde, verlassen und stumm. Wie die Menschenspuren uralt sind, ihre Bedeutung verloren haben und nur noch in den Steinmalen als Erinnerungen aus vergangenen Zeiten dastehen, so sind auch die Bergketten hier auf dem Wege, vom Erdboden vertilgt worden. Wenn man an Tibet gewöhnt ist, kann man sich beinahe nicht entschließen, diese kleinen Landrücken Berge zu nennen. Sie sind zerfallende Ruinen von einstmals hohen Bergketten, welche jetzt durch die Einwirkung der in der Atmosphäre wirkenden Kräfte Stück für Stück zerstört werden. Doch denselben von Osten nach Westen gerichteten Parallelismus wie in Tibet finden wir auch hier wieder.
In einer geschützten Spalte auf der Nordseite des Kammes fanden wir eine liegengebliebene Schneewehe, die den Kamelen sehr zupasse kam. Vielleicht hat dieser Schnee sie vor dem Verdursten gerettet, denn zum Wasser hatten wir noch sehr weit.
Drittes Kapitel.
Durch unbekanntes Land auf der Suche nach Wasser.
Die ersten Anzeichen des Frühlings machten sich jetzt bemerklich, und die Winde waren nicht mehr ganz so schneidend kalt wie bisher. Die Minimaltemperatur stieg freilich selten über −20 Grad; aber unser langer Winter näherte sich doch seinem Ende. Im Juli des vorigen Jahres hatte er begonnen und ununterbrochen fortgedauert.
Am 11. Februar überschritten wir eine Bergkette von unbedeutender relativer Höhe. Wilde Kamele haben hier außerordentlich zahlreiche Spuren hinterlassen. Sie schienen oft nach der obenerwähnten Schneewehe, der keine weiteren folgten, zu gehen. Wahrscheinlich hat die Erfahrung die Tiere gelehrt, daß die geringe Schneemenge, die hier gelegentlich fällt, an jener Stelle die größte Aussicht hat, liegenzubleiben.
Am 12. gingen wir in einer fabelhaft öden Gegend, die nur selten durch eine Kamelspur belebt wurde, nach Nordnordosten. In der Ferne sieht man auf allen Seiten einzelne, niedrige Hügel, aber ziemlich lange Zeit ist es unmöglich festzustellen, in welcher Richtung der Boden fällt. Es gibt hier allerdings flache, gewundene Bachbetten, aber sie sind trocken wie Zunder, und oft hat es den Anschein, als müßten Jahrzehnte vergangen sein, seit sie zuletzt Wasser geführt haben. Der Blick reicht unendlich weit nach allen Seiten hin. Da keine Veränderung eintrat und keine Hoffnung vorhanden schien, daß wir hier Quellen oder Schnee finden könnten, schwenkten wir nach Nordwesten und Westen ab.
Die beiden folgenden Tagemärsche gingen nach Südwesten. Ich hielt mit dem Kurse immerfort auf Altimisch-bulak zu, da wir ja einen Bogen nach Nordosten gemacht hatten. Unsere Lage war kritisch; der noch vorhandene Eisvorrat reichte freilich für uns und die Pferde noch mehrere Tage, aber die Kamele konnten keinen Tropfen mehr bekommen, und unser ganzes Streben war darauf gerichtet, diese unermüdlichen Veteranen um jeden Preis zu retten. Die Spuren der wilden Kamele wurden nunmehr stets auf der Karte verzeichnet. Ich glaubte, daß man aus ihren Richtungen Schlüsse auf die Lage von Quellen und Weideplätzen würde ziehen können. Die Spuren gingen meistens nach Nordwesten oder Südosten. Im Südosten dehnen sich die Kamischsteppen am Astin-joll aus, die wir schon durchquert hatten, und im Nordwesten gab es wahrscheinlich Quellen, die nur den Kamelen bekannt waren. Ich ging meistens zu Fuß und ruhte mich nur zeitweise im Sattel aus. Wenn es wirklich darauf ankam, eine Situation zu retten, hatte ich keine Ruhe zum Reiten. Die Kamele sind unerschütterlich ruhig und geduldig; nachts liegen sie geknebelt, keinen Grashalm bietet ihnen diese wüste Gegend, aber noch haben wir Vorrat von der Gerste der Mongolen.
Am 16. Februar sah ich ein, daß wir, wenn wir eine Katastrophe vermeiden wollten, direkt nach Süden gehen und versuchen müßten, den Wüstenweg mit seinen salzigen Brunnen wieder zu erreichen. Vergeblich spähten wir nach einer liegengebliebenen Schneewehe umher. Wir mußten nach dem flachen Lande hinunter, wo wir wenigstens versuchen konnten, einen Brunnen zu graben. Ich erstieg einen Paß in einer unbedeutenden Kette. Die Aussicht war nichts weniger als ermutigend, denn auf allen Seiten zeigten sich kleine Landrücken; es war dieselbe Mondlandschaft wie immer, dieselben trockenen Hügel ohne eine Spur von Gras, aus dem man auf eine gewisse Feuchtigkeit des Bodens hätte schließen können.