In einem breiten Tale sahen wir 57 frische Kamelspuren. Sie sammelten sich fächerförmig von allen Seiten und vereinigten sich zu einer Heerstraße, die ohne Zweifel nach einer Quelle führte. Nachher sahen wir noch 30 Spuren, die alle nach der großen Heerstraße gingen. Wir machten einen Augenblick Halt und hielten Kriegsrat. Gewiß war es, daß es hier nach einer Quelle ging, aber wie weit war es dorthin? Vielleicht mehrere lange Tagemärsche. Würde es nicht besser sein, nach Altimisch-bulak, das wir wenigstens kannten, zu ziehen? Wir folgten diesen Spuren nicht, so verlockend sie auch waren. Ganz kürzlich waren sie wie helle Stempel in den Boden gedrückt worden, aber merkwürdigerweise ließen sich die Kamele selbst nicht sehen. Bis in die unendliche Ferne lag das Land leer und schweigend da. Es war, als ob unsichtbare Geister diese Spuren hervorgerufen hätten. Ganze Karawanen von wilden Kamelen waren hier kürzlich gezogen, aber kein Tier war zu erblicken. Die Spuren führten nach Norden, vielleicht nach der Pawan-bulak, einer Quelle, von der Abdu Rehim, wie er mir im vorigen Jahre mitgeteilt hatte, gehört, die er aber nicht besucht hatte.

17. Februar. Unsere Lage fängt an, recht bedenklich zu werden. Die Kamele haben seit zehn Tagen außer einigen Mundvoll Schnee, die wir vor einer Woche fanden, nichts zum Löschen ihres Durstes bekommen. Ihre Kräfte können nicht bis in alle Ewigkeit ausdauern.

Während unseres heutigen Marsches ließen wir die kleinen Ketten, die wir auf dem Zuge nach Norden überschritten hatten, der Reihe nach hinter uns zurück. Sie laufen eine nach der anderen im Westen aus und verschwinden dort spurlos; sie stehen also nicht einmal in fortlaufender Verbindung mit dem Kurruk-tag, obgleich sie zu demselben orographischen System gehören. Fern im Westen sahen wir die Ketten des Kurruk-tag; sie waren höher und größer als die bisher von uns überschrittenen. Da wir in ihrer Nähe größere Aussicht hatten Wasser zu finden als in der Wüste, richteten wir den Kurs dorthin und zogen nach Westen.

Nachdem ich die äußersten Vorsprünge des Gebirges hinter mir gelassen hatte, gelangte ich auf ganz ebenen salzhaltigen Boden hinunter, der jedoch auch Höcker in Gestalt von höchstens 2 Meter hohen Rücken und Anschwellungen hatte. Die Wüste erstreckt sich im Südwesten bis ins Unendliche, und auch im Nordosten wird ihr Horizont durch keine Berge verdunkelt.

Nachdem ich fünf Stunden zu Fuß gegangen war, wartete ich auf die Karawane. Das Terrain wurde nachher schlechter als die Sandwüste. Es waren dieselben Jardang oder Lehmrücken, die wir von der Lopwüste her kannten; hier aber waren sie bis zu 6 Meter hoch und 10 Meter breit. Sie haben eine nordsüdliche Richtung und liegen in unzähligen Reihen. Gäbe es nicht hie und da kleine Unterbrechungen durch Lücken, so wäre das Terrain vollkommen unpassierbar, denn ihre Seiten sind senkrecht. Wir müssen halbe, ja ganze Kilometer zwischen ihnen zurücklegen, ehe die nächste Lücke uns erlaubt, einige zehn Meter in unserer Richtung zu gehen. Hier nützt alle Geduld nichts; solch ein Terrain kann den Menschen zur Verzweiflung bringen.

Schließlich gelang es mir aber doch, uns aus diesem zeitraubenden Labyrinth hinauszulotsen. Bei dem zwischen einigen Hügeln aufgeschlagenen Lager war das organische Leben nicht einmal durch eine vom Winde verschlagene Tamariskennadel vertreten.

Todmüde krieche ich in meine Filzdecken und Pelze, habe aber noch lange nicht ausgeschlafen, wenn der Kosak mich weckt. Schon bei Tagesgrauen herrschte halber Nordsturm, der am Nachmittag in einen ohne Rast und Ruh heulenden und pfeifenden Buran erster Ordnung ausartete, und zwar in einen, der dicht am Erdboden hinfegt, Staub, Sand und kleine Steine mitweht und uns eiskalt gerade in die Seite schlägt. Wie man auch geht, immer wird man steif vor Kälte; die Hände schwellen auf und verlieren das Gefühl. Dies ist eine neue Unannehmlichkeit, die sich zu der Besorgnis um die Kamele und der Sehnsucht nach Wasser gesellt. Die Drangsale sammeln sich bösen Geistern gleich um unsere Karawane. Das Terrain ist abscheulich, unzählige Hügel müssen rechtwinklig gekreuzt werden.

Ich ging voraus und schleppte die Meinen 40 Kilometer weit mit. Unser Feuerungsvorrat war längst zu Ende, und kein Span war zu entdecken. Nichts weiter als Steine, Kies und Sand in dieser tückischen Mausefalle, die uns festhalten will und vor deren teuflischen Absichten wir unser Leben retten müssen. Die Kette, auf die mein Kurs gerichtet ist und an deren Fuße wir eine Quelle zu finden hofften, scheint zurückzurücken und vor uns zu fliehen. Sie verschwand jetzt vollständig im Nebel der Staubwolken; gegen Abend erschien sie daher unerreichbarer denn je. Die Kamele bewahrten trotz dieses forcierten Marsches ihre aufrechte, königliche Haltung und, obwohl sie keinen Stengel zu fressen, keinen Tropfen Wasser zu trinken bekamen, gingen sie doch mit hocherhobenem Kopfe und großen, nie unsicheren Schritten vorwärts.

Wir lagerten in der Dämmerung in einem offenen Tale, das keinen Schutz vor dem Sturm gewährte. Die Jurte bekam drei Überzüge von Filzdecken, aber der Ofen ließ sich aus Mangel an Brennholz nicht benutzen. Das bißchen Wärme, welches ich selbst, mein treuer Reisekamerad Jolldasch und das flackernde Licht verbreiten, wehen die Windstöße fort. Ein Sandwall wird rings um den unteren Jurtenrand aufgeworfen, aber trotzdem ist es drinnen so kalt wie in einem Keller. Von dem Eise sind nur noch einige Stücke übrig. Meine armen Begleiter begnügten sich mit einem Souper von einigen Stückchen Eis und Brot und krochen dann so schnell wie möglich unter ihre Filzteppiche; eine Holzlatte, die geopfert wurde, reichte nur zum Wärmen meines Tees.

Während draußen der Sturm die ganze Nacht tobte, schlief ich gut und ruhig in meinen Pelzen, fand es aber am Morgen des 19. Februars recht kalt, als ich ohne das gewöhnliche Morgenfeuer aufstehen mußte. Sobald ich nach einem Becher Tee und einem Stück Brot fertig war, eilte ich zu Fuß voraus. Wasser, Wasser! Das war der einzige Gedanke, der alle beherrschte; wir mußten um jeden Preis eine Quelle finden, denn die Kamele hatten seit zwölf Tagen nichts getrunken. Unsere Lage war wirklich kritisch; fanden wir kein Wasser, so würden die Kamele eines nach dem anderen sterben, gerade wie in der Wüste Takla-makan. Hier hatten wir jedoch den Vorteil, daß die Luft kalt und der Boden hart und eben war und uns erlaubte, die Gegenden in langen Tagemärschen zu durchmessen.