Der Greis erzählte, daß Hemi-gompa, wie er sein Kloster nannte, vor 300 Jahren von Doggtsang Raspa erbaut worden sei, einem Lama, der wie der Dalai-Lama durch alle Zeiten weiterlebe. Der jetzige Doggtsang Raspa sei 19 Jahre alt und lebe seit drei Jahren als Eremit ganz allein in einem kleinen „Gompa“ im Gebirge, nicht sehr hoch oben in der Talschlucht, wo die Gegend Gotsang heiße. Er müsse dort noch drei Jahre leben. Sechs Jahre lang dürfe er keinen Menschen sehen und sein Gefängnis überhaupt nicht verlassen. Er müsse die Zeit mit dem Studium der heiligen Schriften und mit Meditation zubringen. In der Nachbarschaft wohne ein dienender Lama, der ihm Nahrung bringe. Diese werde ihm täglich in eine runde Maueröffnung hineingeschoben, aber die Blicke der beiden Männer dürfen sich dabei nie begegnen, und sie dürfen nie miteinander reden; falls es sich um eine besonders wichtige Angelegenheit handle, dürfe ein beschriebener Zettel in die Maueröffnung gelegt werden. Wasser liefere eine kleine Quellader neben dem Tempel. Ich fragte, was er denn anfange, wenn er erkranke, und erhielt die Antwort, er sei so heilig, daß er überhaupt nicht krank werde, und überdies kenne er die Heilmittel für alle Krankheiten der Welt. Alle Doggtsang Raspa hätten sich dieser Läuterung unterzogen. Wenn die sechs Jahre zu Ende seien, komme der Doggtsang Raspa nach Hemis herunter, und wenn er sterbe, gehe sein Geist in einen neuen Doggtsang Raspa über. Es muß schauerlich sein, sechs lange Winter ganz allein in dem stillen Tale zu verleben.
Dreihundert Lamas gehören zum Kloster; den Winter bringen die meisten in anderen Gompa und in Leh zu ([Abb. 330], [331], [332], [333], [334]). Das Kloster, welches reich ist und viel anbaufähiges Land besitzt, sorgt für ihren Unterhalt. Ein russischer Reisender, der vor einigen Jahren die Welt durch die behauptete „Entdeckung“ eines Manuskriptes über Jesu Leben, das er in Hemis gefunden haben wollte, in Erstaunen setzte, wurde schon damals so gründlich entlarvt, daß ich mich bei ihm nicht weiter aufzuhalten brauche.
Als ich am folgenden Nachmittag den Tempel verließ, erhielt ich allerlei Proviant und ein Schaf, wofür ich unter keiner Bedingung bezahlen durfte. Der Prior begleitete uns zu Pferd bis an die Indusbrücke; in Taggar vereinigten wir uns wieder mit den Unsrigen. —
Die Rückreise durch Asien und Europa könnte Stoff zu noch einer Reisebeschreibung geben, aber ich muß jetzt den Bericht über meine Schicksale schließen; nur ein paar Episoden darf ich nicht übergehen.
Nachdem wir durch das Schejoktal ([Abb. 335]) auf Yaken den Kara-korum-Paß (5658 Meter) ([Abb. 336], [337]) erreicht hatten und auf Pferden weitergeritten waren, den Sugett-dawan und den Sandschupaß überschritten hatten und, um uns auszuruhen, ein paar Tage in Kargalik und Jarkent geblieben waren, langten wir am 14. Mai 1902 endlich in Kaschgar an.
Der Frühling prangte in seiner ganzen Schönheit, als ich mit meinem alten Freunde Generalkonsul Petrowskij wieder in wohlbekannten Laubgängen wandelte, ihm von meinen Erfahrungen und Erinnerungen aus dem Herzen von Asien erzählte und ihm für die unschätzbaren Dienste dankte, die er mir während der vergangenen Jahre bei so vielen Gelegenheiten geleistet hatte. Auch Macartney und Pater Hendriks zeigten lebhaftes Interesse für meine Erfahrungen, und ich freute mich ebenso sehr, sie wieder zu sehen, wie die Bekanntschaft der neuangekommenen Missionare Andersson und Bäcklund zu machen, die sich der schwedischen Missionsstation ernstlich annahmen und Grund hatten, mit den Früchten ihrer mühevollen, menschenfreundlichen Arbeit zufrieden zu sein.
Aber ich hatte keine Zeit, mich dort länger aufzuhalten, ich mußte ihnen bald die Hand zum Abschied drücken und westwärts über die Berge eilen. Kutschuk und Chodai Kullu kehrten wieder nach ihren Hütten am Lop zurück und erhielten reichen Lohn für ihre treugeleisteten Dienste.
In Osch verließ ich den alten redlichen Turdu Bai und empfahl ihn aufs wärmste an Oberst Saizeff, in dessen Hause ich wieder einmal eine freundliche Freistatt fand.
Sehr schwer wurde es mir, von Malenki und Maltschik zu scheiden. Ich küßte sie auf die Schnauze und streichelte sie, die angebunden auf dem Hofe standen, als wir in Andischan nach dem Bahnhofe fuhren. Sie sahen mir mit nachdenklichen, fragenden Blicken nach, als hätten sie verstanden, daß ich sie in diesem Augenblick für immer verließ.