331. Posaunenblasende Lamas. ([S. 367].)
War es ein großer Kontrast gewesen, von einem tibetischen Winter in 5000 Meter Höhe in den Sommer Indiens am Meer zu gehen, so war der Übergang nicht weniger schroff, als er jetzt in umgekehrter Weise stattfand. Eigentlich war es wunderbar, daß ich von jeder Spur von Fieber verschont blieb, aber ich war dafür sehr müde und sehnte mich nach meiner friedlichen Studierstube in Stockholm. Ich beschloß daher, mich jetzt, solange es anging, d. h. bis an den Fuß des Tschang-la-Passes, wieder des Tragstuhls zu bedienen. Von vier starken Männern getragen, schaukelte ich von Leh ab. Der Palast der früheren Könige auf seinem Felsen und die kleine malerische Stadt verschwanden bald hinter den Hügeln, als sich die Männer, einen charakteristischen Wechselgesang singend, mit raschen Schritten dem Indus näherten. Der Führer singt eine kurze Strophe, und die anderen fallen mit einem eintönigen, einschläfernden Kehrreime ein, aber der Gesang treibt sie und hilft ihnen, im Takt zu gehen.
Am 6. gingen wir am linken Indusufer aufwärts. Als Begleiter hatte ich nur den Lama und Kutschuk; die Karawane mit ihren gemieteten Pferden marschierte auf der großen Heerstraße nach dem Tschang-la und folgte dem rechten Flußufer.
Schließlich verlassen wir den Indus, ziehen nach Süden und Südwesten den Geröllkegel der südlichen Bergkette hinauf und treten in die Mündung des Hemistales ein. Wir passieren eine Menge malerisch ornamentierter Tschorten und ganze Reihen von runden und länglichen Steinkisten. Das Tal wird immer enger und die Richtung beinahe westlich; zwischen den grauen Felswänden wirken einzelne Pappelgruppen sehr hübsch, und im Hintergrund zeigt sich das schneebedeckte Hochgebirge.
Jetzt wird der berühmte Tempel Hemis unseren Blicken sichtbar; er ist am besten mit einer Masse zusammengedrängter amphitheatralisch gebauter Häuser, die wie Schwalbennester an dem Abhange kleben, zu vergleichen. Durch Höfe, Gänge und über gewundene Steige mit Geländern gelangen wir an eine kleine Pforte in der Mauer; hier heißt uns der Prior von Hemis freundlich willkommen. Es war ein alter Mann mit dünnem, grauem Bart und großer, dicker Nase ([Abb. 327]); sein Lächeln war ebenso heiter wie gütig. Sein Name und Titel war Ngawand Tschö Tsang, Hemi Tschaggtsot.
Nun beginnt die Runde in diesem Klosterlabyrinth von dunkeln Löchern und Kammern, Höfen und Gängen, Korridoren und steilen, engen Steintreppen, die von einer Tempelterrasse zur anderen führen ([Abb. 323]). Es wäre schwer, eine auch nur annähernd orientierende Beschreibung von dem eigentümlichen Gebäudekomplex zu geben. Eine bestimmte Ordnung herrscht in der Architektur nicht; die verschiedenen würfelförmigen Häuser scheinen nach und nach überall, wo nur der kleinste Platz dazu war, hingebaut worden zu sein. Man wird aufgefordert, durch eine Pforte zu treten, und es geht einen schmalen Weg bergauf, der, zwischen Mauern eingeschlossen und mit Steinplatten gepflastert, um eine Ecke biegt und sich in einen wagerechten dunkeln Gang verliert, der seinerseits auf eine Reihe kleiner Höfe ausmündet. Man steigt eine sehr steile Treppe hinauf, wirft einen Blick in einen Tempelsaal hinein, wo die vergoldeten Götterbilder matt im Halbdunkel glänzen; man wird auf eine Terrasse hinausgeführt, ist von der herrlichen Aussicht hingerissen und meint, es sei ein Wunder, daß noch kein Bergrutsch von der hinter dem Tempel liegenden Felswand die ganze Tempelstadt in Trümmer gelegt hat, dann wird man wieder eine Treppe hinaufgeführt, durch neue Gänge und Winkel bis in die Unendlichkeit, bis einem der Kopf schwindelt. Man muß sich wie in einem Irrgarten oder einer verzauberten Höhle verlieren. Es war leichter, sich im Government House zu Kalkutta zurechtzufinden, obgleich es einige Zeit dauerte, bis ich dort Bescheid wußte. Hier in Hemis aber können sich nur Mönche auskennen.
In dem ersten Saale, der mir gezeigt wurde und dessen Decke malerische Säulen trugen, thronte der Gott Dollma, mit großen, stechenden Augen. Vor dem Gotte, der 300 Jahre alt sein soll, standen auf Tischen ganze Batterien von Messingschalen mit Wasser, Reis, Gerste, Mehl, Fett und Butter. Von dem zweiten Saale machte ich in aller Hast eine Zeichnung, die hier wiedergegeben ist. Er soll der vornehmste in Hemis sein; zwei Lamas knieten vor Doggtsang Raspas vergoldetem, mit einem Mantel bekleideten Bilde ([Abb. 324], [325]). Rechts von ihm sitzt der Lama Jalsras, links Sandschas Schaggdscha Toba. Die Tempelsäle, sieben an der Zahl, heißen „Dengkang“ (mongolisch Doggung) und die Kammern, wo die Mönche ihre „Nom“ (heiligen Schriften) studieren, werden „Tsokkang“ (mongolisch Sume) genannt.
In einem gewaltigen, becherförmigen Messinggefäß, „Lotschott“, brennt in einer Vertiefung in gelbem Fett eine kleine Flamme, die ein Jahr lang nicht erlischt. Fahnenähnliche, religiöse Gemälde schmücken oft in mehreren Schichten die Wände, und von den Decken hängen „Tschutschepp“ genannte Draperien; an den Säulen flattern lange, in drei Zungen auslaufende, als „Pann“ bezeichnete Bänder, und über den Götterbildern schweben sonnenschirmartige Thronhimmel. Trommeln, Glocken, Götter, Messingbecken und lange Blashörner gehören zur Ausstattung; man wandelt gleichsam in einem Museum umher, das man aus dieser im Gebirge versteckten Krypte entführen und mit nach Hause nehmen möchte. Die Büchergestelle biegen sich unter Bänden der „Nom“. In gleicher Weise sind die übrigen Säle mit Götterbildern und „Tschurden“ von Silber mit Rubinen, Türkisen und Gold bevölkert. Durch eine Falltür im Fußboden des einen Saales konnte man in das „Bakkang“, das Zeughaus oder die Rüstkammer, hinabsteigen, wo alle Gewänder, Masken, Hüte, Speere, Trommeln, Posaunen und Blashörner, die man zu den Anfang Juli stattfindenden Festtänzen brauchte, aufbewahrt wurden. Einige Lamas kleideten sich in ihre Festgewänder und standen mir freundlich Modell, während ich sie abzeichnete ([Abb. 326], [328]). Während des Sommerfestes wird das „Tabbtsang“ oder Küchenhaus benutzt, wo fünf kolossale und mehrere kleine Kessel in einen Herd eingemauert sind ([Abb. 329]).
Es wimmelte während der Runde um uns her von rotgekleideten Lamas, aber der Prior zeigte uns alles selbst und benahm sich dabei mit imponierender Würde. Sodann führte er uns nach unseren Gastzimmern in einem kleinen, eleganten und behaglichen Pavillon unterhalb des Klosters. Abends besuchte ich ihn in seiner Zelle und wurde zu diesem Zweck von einigen dienenden Brüdern abgeholt. Bei dem Scheine der gelbroten Flammen der Fackeln glichen die engen Korridore und Grotten jetzt noch mehr Krypten und Höhlen in einem Berge.