Am 10. standen wir in aller Frühe auf, als es noch stockdunkel, rauh und kalt war. Die Sterne glänzen hell an dem stahlblauen, kalten Himmel, die Berge mit ihren Schneemassen zeichnen sich in schwachen Umrissen ab. Völlige Ruhe herrscht, einige Fackeln auf dem Balkon flackern nicht einmal, der Rauch meiner Zigarre steigt lotrecht in die Luft. Im Handumdrehen sind wir reisefertig; 63 Träger und Wegemacher gehen in langem Gänsemarsch voran, dann werden einige Pferde, die den Proviant der Leute tragen, geführt, und hinterdrein reiten wir, von dem Naib-i-täfildar von Ganderbal und seinem nächsten Untergebenen begleitet. Allmählich wird es heller; die weißen Schneefelder treten immer schärfer hervor, und die Tannen stechen dunkel gegen sie ab. Dann und wann purzelt einer in den Schnee; Schritt für Schritt geht es vorwärts und aufwärts durch immer tiefer werdende Schneewehen. Noch war die Kruste der Schneefelder stark genug, um die Fußgänger zu tragen, doch schon am Vormittag brachen diese ein. Da, wo die Pferde keinen Grund fanden, sondern wie Delphine im Schnee hüpften, gingen wir zu Fuß. In Baltal kam uns Abdullah mit 23 sicheren Leuten entgegen.

Am folgenden Tag gingen wir durch den Hohlweg hinauf, der jetzt gar nicht wiederzuerkennen war. Die Massen von Blöcken, die in der Schlucht umherliegen, waren vollständig verschwunden unter herabgestürzten Lawinen, die, wie man mir sagte, den engen Gang mit einer 150 Meter hohen Schneeschicht angefüllt hatten. Solange es Winter ist, kann man oben auf den abgestürzten Schneemassen gehen, im Sommer aber ist dieser Weg unpassierbar. Ich und Schagdur wurden nach dem Passe hinaufgezogen und geschoben. Ein unangenehmer Wind strich wie ein Wasserfall durch den Hohlweg herunter und wirbelte Wolken von feinem Schnee auf ([Abb. 322]). Nachdem wir die gefährlichen Stellen glücklich passiert hatten, konnten wir uns gänzlich unbesorgt fühlen; aber hier war der tiefe Schnee nicht so festgepackt wie im Hohlwege. Nach jedem Schneefall wird ein Pfad ausgetreten, der aus einer unzähligen Anzahl tiefer Gruben besteht. Kann man balancieren, ohne auszugleiten, so ist es am vorteilhaftesten, auf den zwischen ihnen liegenden Erhöhungen zu gehen, gewöhnlich aber nimmt man gern mit den Gruben vorlieb.

Vier Tage lang trabten wir auf diese Weise über den Paß und seine beiderseitigen Umgebungen. Schließlich konnten wir Yake benutzen und zuletzt uns wieder der Pferde bedienen. In Kargil schneiten wir ein und mußten dort drei Tage bleiben. Man versuchte, uns durch Tänzerinnen und rauschende Musik zu erfreuen. Am 25. März trafen wir wieder in Leh ein, wo wir alles gut und gesund vorfanden. Von Sirkin und Ördek wußte man nichts, aber alle anderen, die an Weihnachten ihren Abschied erhalten hatten, waren wiedergekommen, weil, wie sie sagten, die Pässe verschneit waren. Die beiden erstgenannten gelangten jedoch schließlich gesund und glücklich nach Kaschgar.

Es war meine Absicht, nur ein paar Tage auszuruhen und dann über den Kara-korum-Paß nach Norden zu eilen. Doch böse Mächte hielten uns in Leh zurück. Schagdur bekam einen sehr schweren Rückfall; Dr. Shawe hielt es für Typhus. Der Kranke würde noch ein paar Monate unter keinen Umständen reisen dürfen. Er war entsetzlich abgemagert und matt und phantasierte mehrere Nächte lang. Wir wurden infolgedessen von einem Tage zum andern aufgehalten; daß wir ihn nicht mitnehmen konnten, war klar, aber ich wollte nicht eher reisen, als bis Dr. Shawe ihn außer Gefahr hielt. Einige Tage hindurch hatten wir beinahe die Hoffnung aufgegeben, daß er überhaupt genesen würde. Doch Anfang April fing er an, sich zu erholen; die Krisis war vorüber, und um vollständig wiederhergestellt zu werden, bedurfte er nur noch einige Monate der Ruhe und Pflege in dem Missionskrankenhause, wo Dr. Shawe ihn unter seiner persönlichen Aufsicht hatte. Alles wurde für den Kranken so gut wie möglich eingerichtet. Li Loje erhielt Befehl, bei ihm zu bleiben und sein Leibdiener zu sein; führe er seinen Auftrag gut aus, so solle er in Kaschgar eine Extrabelohnung erhalten. Im Sommer sollten die beiden sich einer nach Jarkent ziehenden Handelskarawane anschließen und sich von dort nach Kaschgar begeben. Schagdur erhielt 200 Rupien zur Bestreitung der Kosten.

Es tat mir bitter weh, Schagdur zu verlassen, als wir am 5. April 1902 aufbrachen. Die Sonne schien so freundlich und warm in sein Zimmer hinein, als ich ihn zum letztenmal sah. Er war allerdings betrübt, daß er uns nicht bis ans Ende der Reise begleiten konnte, aber er sah ein, daß er sich jetzt ruhig verhalten müsse, bis er ganz wiederhergestellt sei. Ich beruhigte ihn und versuchte, ihm alles in hellem Lichte zu zeigen, auch gab ich ihm das Versprechen, ihn, soweit es von mir abhinge, auf meiner nächsten Reise ebenfalls mitzunehmen. Diese Hoffnung hatte ihn stets erfreut; er träumte davon wie von der größten Ehre und Freude, die ihm im Leben zuteil werden könne. Schließlich drückte ich ihm die Hand zum Abschied und befahl ihn in Gottes Schutz; da brach seine Fassung zusammen, er wandte sich ab und weinte. Ich eilte hinaus, um ihn nicht sehen zu lassen, daß auch meine Augen feucht glänzten und wie tief und schmerzlich mir diese lange Trennung zu Herzen ging. Auch von den Familien Ribbach, Hettasch und von Dr. Shawe schied ich mit aufrichtigem Bedauern. Sie hatten mir in so vieler Weise genützt und geholfen, und ich hatte in ihrer Missionsstation das Ideal einer solchen Anstalt kennengelernt.

Leicht war es auch nicht, unseren alten, treuen Veteranen Lebewohl zu sagen, den letzten neun Kamelen, die allein noch imstande gewesen waren, Leh zu erreichen, und die sich während der drei Wintermonate so von ihren Anstrengungen erholt hatten, daß sie jetzt dick, fett und vergnügt vor ihren Krippen standen. Aber es mußte sein; sie konnten im Winter nicht über den Kara-korum gehen. Ich verkaufte sie für einen Spottpreis an einen Kaufmann aus Jarkent, wohin sie im nächsten Sommer gebracht werden sollten.

329. Aus der Klosterküche in Hemis. ([S. 367].)

330. Trompetende Lamas. ([S. 367].)