327. Der Prior von Hemis. ([S. 365].)

328. Lama in Festkleidung. ([S. 367].)

Der Maharadscha von Kapurtala hatte mich telegraphisch nach seinem Schlosse in Kartarpur eingeladen, wo ich zwei schöne Tage verlebte und in Gesellschaft Seiner Hoheit Ausflüge zu Wagen, Boot und Elefant machte. Ganz im selben Stile feierte er meinen Geburtstag auf seinem Schlosse mit Tafelmusik und schäumendem Champagner. Der Aufenthalt in Kartarpur erinnerte lebhaft an Tausendundeine Nacht.

In Rawal-pindi fand ich meinen armen Schagdur wieder, der infolge seiner Krankheit nicht soviel Vergnügen von der Indienreise gehabt, wie ich gehofft hatte. Oberst Fenn war so freundlich gewesen, ihn mit einem eingeborenen Assistenzarzte von Kalkutta nach Rawal-pindi zu schicken, wo Hauptmann Waller und Major Medley, der bekannte Asienreisende, ihn mit großer Freundlichkeit aufnahmen und ihm alle die Pflege, deren er bedurfte, zuteil werden ließen. Schagdur war entzückt von Medley, der sich mit ihm täglich lange russisch unterhalten hatte. Der Arzt, Major Marshall, der ihn behandelte, riet mir, ihn so schnell wie möglich ins Gebirge zu bringen. Bei meiner Ankunft war dies jedoch unmöglich, denn er war so schwach, daß er sich nicht auf der Tonga festhalten konnte. Ich mußte daher geduldig warten. Ich selbst hatte es sehr gut; die Offiziere wetteiferten förmlich, mir Gastfreundschaft zu erzeigen. Leider wurde mir nicht die Freude zuteil, Herrn Dr. Stein, der sein Hauptquartier in Rawal-pindi hat, zu treffen. Er war kürzlich von seiner erfolgreichen, bedeutungsvollen Forschungsreise in Ostturkestan zurückgekehrt. Ich konnte aber seine Bekanntschaft wenigstens brieflich machen und traf ihn später, ehe noch das Jahr 1902 zu Ende gegangen war, persönlich in London.

Endlich war Schagdur soweit hergestellt, daß wir aufbrechen konnten. Wir fuhren auf dieselbe Weise wie vor zwei Monaten nach Srinagar.

Dank der großartigen Gastfreundschaft des Herrn Le Mesurier und seiner Gattin konnte Schagdur hier in der frischen, kühlen Luft von Kaschmir, die ihm bald seine Gesundheit wiederschenkte, noch fünf Tage ausruhen. Hauptmann und Frau Le Mesurier waren neben Dr. Shawe die ersten und die letzten Engländer, die ich während dieses hastigen, aber langen Abstechers nach Indien traf. Der erste Eindruck, den ich von der herrschenden Rasse in Indien erhielt, war daher warm und sympathisch, und als ich sie wieder verlassen sollte, nahm ich mit aufrichtigem Bedauern Abschied. Sie waren grenzenlos freundlich und liebenswürdig gegen mich und meinen Kosaken gewesen. Der Hauptmann, der „Joint Commissioner“ für Ladak ist, telegraphierte nach allen Stationen auf dem Wege nach Leh, damit alles zu unserer Reise in Ordnung wäre, und ordnete an, daß auf dem Sodschi-la besondere Vorsichtsmaßregeln getroffen würden.

Neunundzwanzigstes Kapitel.
Über das Kloster Hemis heimwärts.

Am 6. März ging es wieder nach Leh hinauf. Ich mietete zwei Tragstühle mit je acht Trägern und benutzte den meinen, solange es möglich war; aber Schagdur hatte, obwohl Rekonvaleszent, einen ausgesprochenen Widerwillen gegen dieses Beförderungsmittel und zog es vor zu reiten.

In Sonamarg erhielt ich Warnungstelegramme von Le Mesurier, dem Wesir Wesarat, aus Kargil und aus Leh, ja nicht über den Sodschi-la zu gehen, da jetzt sehr viel Schnee gefallen sei. Le Mesurier war so liebenswürdig, mich zu bitten, nach Srinagar zurückzukehren. Doch ich mußte um jeden Preis über den Paß. Er ist von der indischen Seite viel schwieriger, da man die unheimlichen Abhänge zu Fuß erklimmen muß. Jetzt konnten wir auch nicht, wie auf der Hinreise, den Sommerweg benutzen, sondern mußten in der tiefen Kluft gehen, in welche die Lawinen jeden Winter von den Felswänden stürzen und wo alljährlich so viele Unglückliche begraben werden. Große Vorsicht ist stets nötig; man muß sich frühmorgens auf den Weg machen, wenn die Schneemassen noch gefroren sind; nachmittags stürzen sie, von der Sonne aufgeweicht, herunter. Bei Schneewetter darf man unter keiner Bedingung nach dem Passe hinaufgehen, denn dann hat man große Aussicht, unter den Lawinen begraben zu werden. An den gefährlichsten Stellen dieses Hohlweges muß man möglichst schnell vorbeieilen.