Wohl hatte ich während meiner neunjährigen Wanderungen in Asien mancherlei erlebt, aber noch keinen solchen Kontrast, wie ich ihn jetzt durchmachte. Zweieinhalb Jahre lang hatte ich, von der Welt abgeschnitten, in den Wüsten und Gebirgen des innersten Asiens gelebt und Strapazen und Entbehrungen jeglicher Art ertragen müssen, und jetzt befand ich mich inmitten der verfeinertsten Zivilisation, die man sich denken kann. Nach Jahren der Einsamkeit wurden jetzt bei jedem Schritt neue Bekanntschaften gemacht. Eben noch wanderte ich bei 30 Grad Kälte über 5000 Meter hohe Gebirge, wo nur das Archari und der wilde Yak ihre Nahrung finden, und jetzt wandelte ich in lauter Wärme und Licht unter den Palmen an der Küste des Indischen Ozeans. Eben noch hatten wir die schmutzigen, rauchigen Zelte der Tibeter besucht, jetzt entzückten mich in englischen Salons der Duft schwellender Rosen, liebenswürdige Damen und Musik. Die Tibeter hatten mich wie ein verdächtiges, gefährliches Individuum behandelt, in Indien ertrank ich beinahe in Gastfreundschaft; jedesmal, wenn ich einen Ort verließ, mußte ich mich aus freundlichen Armen losreißen, um am nächsten wieder mit offenen Armen aufgenommen zu werden. Überall fühlte ich mich „at home“, und es wurde mir stets schwer, meine neuen Freunde zu verlassen; dieses ewige Abreisen und Abschiednehmen breitete einen Wehmutsschleier über eine sonst so angenehme, erinnerungsreiche Reise.

Die indische Presse hatte mir so viel liebenswürdige Aufmerksamkeit geschenkt, daß ich mit Einladungen buchstäblich überhäuft wurde — nach Dardschiling, Ceylon, Mysore, Peschawar, zu meinem alten Freunde von Kaschgar (1890) Major Younghusband, nach schwedischen Missionsstationen usw. Doch ich durfte meine Karawane und die Kosaken, die mich in Leh erwarteten, nicht vergessen. Einigen Einladungen konnte ich allerdings nicht widerstehen, und mein Aufenthalt in Indien wurde dadurch etwas verlängert. Leider war mein prächtiger treuer Kosak Schagdur am Fieber erkrankt und während des ganzen Aufenthalts in Kalkutta sehr schwach. Er lag im Parke in einem geräumigen, eleganten Zelte — mit Bretterfußboden, Badezimmer und elektrischem Licht — und wurde vom Leibarzt des Vizekönigs, Oberst Fenn, selbst und dem Assistenzarzte Emir Baksch behandelt. In ihrer Pflege mußte ich Schagdur zurücklassen, als ich südwärts reiste. Wir wollten uns in Rawal-pindi wiedertreffen.

Nach herzlichem Abschied von Lord und Lady Curzon verließ ich am 5. Februar Kalkutta und reiste nach Secundrabad bei Hyderabad. Ich hatte eine Einladung meines vortrefflichen ritterlichen Freundes von der Pamirgrenzkommission im Jahre 1895, Oberst McSwiney, angenommen. Er war jetzt nach dem Militärlager Belarum im Gebiet des Nizam, wo ungefähr 8000 Mann englische Truppen stehen, versetzt worden. Es waren drei angenehme Tage, die ich in McSwineys Hause verlebte.

In Bombay war ich eingeladen worden, bei dem Gouverneur Lord Northcote und seiner Gattin zu wohnen. Auch die vier in ihrem Heim verbrachten Tage gehören zu meinen angenehmsten Erinnerungen. Meine Wohnung lag auf der äußersten Spitze von Malabar Point; ringsumher hatte ich den unendlichen Ozean. Es war mir, als sei ich an Bord eines Schiffes — ein seltsames Bild für den, der jahrelang im Inneren des großen Asien gelebt hat. Ich wurde nicht müde, dem rauschenden Sange der Wellen am Fuße des felsigen Vorgebirges zuzuhören. Wie gern hätte ich mich von ihnen über die Meere nach meiner alten Heimat tragen lassen, statt, wie jetzt, noch einmal durch den Kontinent zu ziehen und nach den schweigenden, unwirtlichen Gebirgen in Westtibet zurückzukehren! Die Postdampfer fuhren von Zeit zu Zeit unmittelbar unter dem Vorgebirge vorbei; sie gingen direkt nach Europa, und auf ihrem Deck konnte ich geraden Weges dorthin gelangen. Ich hatte von Asien genug und es graute mir davor, wieder quer durch die alte Welt ziehen zu müssen — auf dem Landwege von Bombay nach Petersburg und Stockholm! Es erforderte eine gute Portion Energie, um der Versuchung nicht nachzugeben. Aber ich konnte die Kosaken und die Karawane nicht verlassen und das Resultat meiner Reise nicht allen Winden preisgeben, sondern mußte alles in Sicherheit bringen, ehe ich mich ruhig fühlen durfte. Ich nahm also Abschied von Lord und Lady Northcote und kehrte nach Dehli zurück.

Die Reise nach Rawal-pindi machte ich mit nur zwei kurzen Unterbrechungen. In Dschaipur holte mich die Equipage des Maharadscha ab, und ich machte auf einem seiner prachtvoll geschmückten Elefanten einen herrlichen Ausflug nach den Ruinen von Amber. In Dschaipur sind alle Häuser rosenrot, alle Einwohner rot oder rosa gekleidet, — man muß an das Morgenrot in einem Rosengarten denken.

325. Doggtsang Raspa. ([S. 366].)

326. Lama in Maske. ([S. 367].)