324. Portal von Doggtsang Raspas Tempelsaal. ([S. 366].)
Was soll ich von Lahore, Dehli, Agra, Lucknow und Benares sagen? Nichts! Ich überlasse es denjenigen, die zum Studium dieser märchenhaft wunderbaren Städte Zeit gehabt haben, über jede von ihnen Bände voll zu schreiben. Ich passierte sie wie ein Zugvogel und blieb in jeder nur einen oder ein paar Tage. Ich flog wie eine Wildente über den Tadsch Mahal, fand aber auf der Durchreise noch Zeit, diese Grabmoschee Schah Dschahans als das schönste Kunstwerk, das ich je erblickt habe, anzustaunen und zu bewundern. Alles, was ich in Konstantinopel, Ispahan, Mesched und Samarkand gesehen habe, verschwindet und verbleicht dagegen. Es ist ein Sommertraum in weißem Marmor, eine Luftspiegelung von versteinerten Wolken. Und Benares! Nie vergesse ich die Bootfahrten, die ich längs seiner Kais und Treppen machte, jener Treppen, wo Tausende von Pilgern jeden Morgen bei Sonnenaufgang baden, um Gesundheit und Kräfte wiederzugewinnen, und die Brahminen, die dem Flusse huldigen und hier ihre Gebete verrichten, und die Greise, die hierherreisen, um an dem heiligen Ganges zu sterben. Nichts läßt sich mit einer Ruderfahrt im Mondschein auf dem Ganges vergleichen; tausend Phantasien und Träume aus der Märchenwelt von Benares bestürmen den Fremdling in der Stille der Nacht.
Schagdurs immer größer werdendes Staunen war für mich eine Quelle großen Vergnügens. Einem burjatischen Kosaken aus Sibirien muß alles, was er in den alten Residenzen des Großmoguls, unter Palmen, in Pagoden, sowie in den von einer bunten, lärmenden Menschenmenge erfüllten Basaren erblickt, im höchsten Grade imponieren. Er befragte mich über alles, was er sah, teilte mir seine Gedanken und Beobachtungen mit und konnte keine Worte finden, um sein Erstaunen und seine Bewunderung auszudrücken. Als wir in Lucknow einem Zuge Elefanten begegneten, wollte er kaum seinen Augen trauen und fragte mich, ob diese Kolosse wirklich lebendige Tiere oder nicht vielmehr eine besonders konstruierte Art von Lokomotiven seien. Um ihn zu überzeugen, ließ ich eines der Tiere stehenbleiben, kaufte in einer Basarbude in der Nachbarschaft ein Bündel Zuckerrohr und fütterte das Vieh. Als dieses erst jedes Rohr mit dem Rüssel reinigte und die weniger gutschmeckenden Teile abbrach, um dann den Rest mit virtuosenhafter Eleganz zu verzehren, sah Schagdur ein, daß der Elefant ein wirkliches, lebendiges Tier war.
Am 25. Januar kam ich frühmorgens in Kalkutta an und wurde in einer vizeköniglichen Equipage mit vier Lakaien in rotgoldener Uniform und hohen weißen Turbanen vom Bahnhof abgeholt. Ein zweites Gefährt beförderte Schagdur und das Gepäck. Wir fuhren direkt nach dem Government House, wo mir meine Wohnung angewiesen wurde. Niemals habe ich so vornehm residiert wie in der Residenz des Vizekönigs von Indien. Die Salons sind mit wertvollen Kunstgegenständen geschmückt, man geht auf weichen indischen Teppichen, die Wände verschwinden unter großen Ölbildern von Großbritanniens Monarchen, indischen Maharadschas und persischen Schahen, alles prunkt in einem Meere von elektrischem Licht. Mein riesiges Schlafzimmer hatte seinen eigenen Balkon, der unter einer mächtigen Markise in kühlem Schatten schwebte. Berauscht vom Palmendufte des Parkes konnte ich mich an der großartigen Aussicht über Kalkutta erfreuen und den Blick weithin bis an das Dschungel des Hugli schweifen lassen.
Der Tag meiner Ankunft war ein Sonntag, und mir wurde sofort von einem Adjutanten mitgeteilt, daß „His Excellency, the Viceroy“ mich auf Schloß Barrakpore, zwei Stunden flußaufwärts, erwarte. Bei schönem Sommerwetter und einer leichten, erfrischenden Brise fuhr ich nach dem Frühstück mit einer Dampfbarkasse hin und hatte dort die liebenswürdigste Gesellschaft, die man sich nur wünschen kann.
Eingebettet in einen tropisch schönen Park und geschmückt mit englisch vornehmer und geschmackvoller Pracht öffnete Barrakpore den anlangenden Gästen die Tore der Gastfreundschaft. Die Wirte erwarteten uns mit ihren beiden kleinen reizenden Töchtern und ihrem Gefolge in dem kühlen Schatten einer gewaltigen Laube, und Lord Curzon begrüßte mich so liebenswürdig und warm wie ein alter Freund; er stellte mich seiner charmanten Gemahlin vor, der schönsten und sympathischsten Dame, die ich je kennengelernt habe. Beim Lunch brachte er in schäumendem Champagner ein Hoch auf mich aus und gratulierte mir zu den gewonnenen Resultaten und den glücklich überstandenen Mühen. Nachdem wir einige Stunden über geographische Fragen gesprochen hatten, wurde ich von Lady Curzon zu einer Spazierfahrt in die Umgegend aufgefordert, und meine Wirtin führte dabei die Zügel mit ebensoviel Grazie wie Sicherheit.
Die zehn Tage, die ich in Lord und Lady Curzons Hause Gast zu sein die Ehre hatte, gehören zu meinen liebsten und schönsten Erinnerungen. Nicht allein, daß ich täglich mit Freundschaft und Gastfreundschaft überhäuft wurde, nein, ich fand auch in meinem Wirte, der einer der ersten jetzt lebenden Kenner der Geographie Asiens ist, einen Mann, der meine Reise mit dem sachverständigsten und lebhaftesten Interesse erfaßte.
In Europa macht man sich kaum einen Begriff davon, was es heißen will, Vizekönig von Indien zu sein und beinahe souveräne Macht über dreihundert Millionen Untertanen zu besitzen, also fast ebenso viele, wie allen Monarchen Europas zusammengenommen gehorchen. Es ist eine glänzende, eigenartige Stellung, und man bewundert ein Reich, das seinen Söhnen Gelegenheit geben kann, nach solchen Posten zu streben.
Lord Curzon fühlt die auf ihm lastende Verantwortung und faßt seinen Beruf mit tiefem Ernste auf, er opfert ihm alle seine Zeit und Kräfte. Er gönnte sich keine Ruhe, er war wie festgenagelt an seinen Schreibtisch und machte nur bei den Mahlzeiten eine kleine Arbeitspause. Mit Sport und eiteln Vergnügungen verlor er keine Stunde, — als wir einmal zusammen das Theater besuchten, wo der Vizekönig mit der Nationalhymne begrüßt wurde, verschwand er noch vor Schluß des ersten Aktes, um in sein Arbeitskabinett zurückzukehren. Wir nahmen einmal alle Kartenblätter, wohl hundert, die ich von Ladak mitgebracht hatte, durch; jedes Blatt wurde besonders geprüft, und Lord Curzons Urteil konnte mir nur in höchstem Grade schmeichelhaft und erfreulich sein.
Während meines Aufenthalts wurden ein paar Festdiners und große Bälle im Government House gegeben, das in blendender Pracht strahlte; es ging bei dieser Gelegenheit ebenso glänzend her wie an einem europäischen Fürstenhofe. Eines Tags kamen ein deutsches und ein österreichisches Kriegsschiff den Hugli herauf, was Veranlassung zu einem Frühstück für die Offiziere im Government House gab, dem mehrere Feste auf den Schiffen und im deutschen Klub folgten.