Ich werde nicht versuchen, die hinreißende Landschaft zu beschreiben, die wir in den beiden letzten Tagen durchritten: dunkelgrüne Wälder, malerische Dörfer, schäumende Flüsse, pittoreske Brücken, ein Hintergrund von blendenden Schneebergen und über dem Ganzen ein türkisblauer Himmel. Die Beschreibungen, die ich von Kaschmirs schönen Tälern gelesen habe, erschienen mir matt, als ich sie mit der Wirklichkeit vergleichen konnte.

In Srinagar wurde ich mit echt englischer Gastfreundschaft von Captain E. Le Mesurier und seiner liebenswürdigen Gattin aufgenommen und verbrachte bei ihnen zwei unvergeßliche Tage. Am 14. Januar stand die erste Tonga, ein zweiräderiger Wagen, auf dem Hofe bereit. In Srinagar waren wir in 1600 Meter Höhe; jetzt sollten wir über zwei kleinere Pässe immer tiefere Gegenden und schließlich Indiens sommerheiße Ebenen erreichen. Der Weg führt zuerst durch das Jelumtal, dann über den Murreepaß und darauf nach Rawal-pindi. Er ist ein Meisterstück der Wegebaukunst.

Es ist ein raffiniertes, beinahe wildes Vergnügen, diese tausend Krümmungen in schwindelnder Fahrt zurückzulegen. Die Tonga wird von zwei mittelgroßen Rädern getragen und ist mit Dach und Seitenvorhängen versehen. In der Mitte sind zwei Sitze mit gemeinsamer Rücklehne. Auf dem vorderen saßen der Kutscher und ich, auf dem hinteren Schagdur mit dem Gepäck. Die starke, ein wenig aufwärtsgebogene Deichsel trägt an ihrem äußersten Ende ein Querholz, das mit Riemen an den Sattelkissen der Pferde befestigt wird. Dank dieser praktischen Einrichtung geht der Pferdewechsel in zwei, drei Minuten vor sich. Die Entfernung zwischen zwei Stationen beträgt selten mehr als eine halbe Stunde. Ein paar Minuten vor der Station bläst der Kutscher auf seinem Horn ein kurzes, angenehm klingendes Signal, und wenn wir dann vor das Haus sprengen, steht das neue Pferdepaar schon bereit. Das Querholz wird den schnaubenden, dampfenden Pferden abgenommen, die neuen werden unter die Enden der Querdeichsel gestellt, die Riemen werden geschnürt, und dann eilen die lebhaften, halbwilden Tiere davon. Sie stürmen mit so wahnsinniger Geschwindigkeit vorwärts, daß man unwillkürlich das Gefühl hat, es könne jeden Augenblick eine Katastrophe eintreten. Gewöhnlich muß der Kutscher sich viel mehr bemühen, die Pferde zurückzuhalten, als daß er nötig hätte, sie anzutreiben, und ich bin mir nicht immer darüber klar, ob sie durchgehen oder ob alles Absicht ist. Solange wir von Srinagar nach Baramullah durch offene Felder fuhren, war es nicht gefährlich, doch als sich der Weg nachher auf den Gehängen des Jelumtales hinschlängelte, hatte man Gelegenheit, schwindelig zu werden, wenn man dazu neigt. Die Pferde rasen vorwärts; rechts von uns geht es senkrecht nach dem in der Tiefe rauschenden Flusse hinunter, nur eine zwei Fuß hohe Brustwehr trennt uns von dem jähen Abgrund; vor uns scheint der Weg auf einmal ein Ende zu nehmen, doch dies kommt davon, daß er in scharfem Winkel nach links abbiegt. Man meint, der Kutscher müsse verrückt sein, daß er die Pferde nicht zügelt und langsamer fährt; die wilde Jagd geht gerade nach dem Abgrunde hin, und wenn auch die Pferde allenfalls noch um die Ecke zu schwenken vermögen, so muß doch der Wagen umkippen und über die niedrige Brustwehr geschleudert werden. Im letzten Augenblick vermindert sich indessen die Geschwindigkeit, es geht ganz glatt um die Ecke, und man ist erstaunt, daß man lebendig an ihr hat vorbeikommen können. Vor solchen Ecken ertönen stets die hellen Klänge des Jagdhorns als Warnungssignal, falls von der anderen Seite eine Tonga mit ebenso wütender Fahrt auf die Ecke losstürmen sollte.

In der Nähe des Murreepasses war der Nadelholzwald dicht, wodurch das Großartige dieser Fahrt, die unter seinem prachtvollen, schattigen Gewölbe hinstürmte, noch erhöht wurde. Vom Passe ahnen wir im Süden die Ebenen des Pendschab; mit gleicher schwindelnder Fahrt eilten wir nach immer tieferen Gegenden hinab, immer dichter werden die Luftschichten, immer linder die milden Windhauche, die bei Sonnenuntergang die Hügel umspielen. Es war schon dunkel, als das letzte Pferdepaar unsere Tonga durch die langen, geraden Straßen von Rawal-pindi führte. Wir fuhren direkt nach der Eisenbahnstation, denn es fehlte nur noch eine Stunde bis zum Abgang des Zuges. Es klingt seltsam, wenn man wieder die schrillen Pfiffe der Lokomotive hört, nachdem man jahrelang an den Frieden und die Stille der Einöden gewöhnt gewesen ist!

In Lahore blieb ich drei Tage — inkognito, denn ich hatte in meinem ganzen Gepäck nicht einmal einen Strumpf, mit dem ich mich vor den Leuten hätte sehen lassen können. Hier kleidete ich mich vom Scheitel bis zur Sohle neu ein und war im Handumdrehen wieder ein vollkommener, wenn auch ein wenig wettergebräunter, sonnverbrannter Gentleman! Jetzt war kein Inkognito mehr nötig; den letzten Abend war ich zu einem glänzenden Diner bei Sir W. Mackworth Young, dem Vizegouverneur des Pendschab, und mir war zumute, als sei ich mein ganzes Leben lang nie etwas anderes gewesen als ein Salonlöwe!

322. Schneesturm auf dem Passe Sodschi-la. ([S. 363].)

323. Tempelhof in Hemis. ([S. 365].)