320. Se. Exzellenz George Nathanael Lord Curzon, Vizekönig von Indien. ([S. 349].)

321. Ankunft der einzigen überlebenden Kamele in Leh. ([S. 350].)

Wir hatten bis Srinagar, der Hauptstadt und Sommerresidenz des Maharadscha, 400 Kilometer in 16 Stationen zurückzulegen. Auf jeder Station (Bungalow, Pangla) werden die Pferde gewechselt, manchmal noch öfter; man kann daher so schnell reisen, wie man will. Was mich betrifft, so war ich zu müde, um draufloszustürmen, und legte selten mehr als eine Station pro Tag zurück, so daß wir nach elf Tagen in Srinagar ankamen. Zuerst reiten wir nach Niemo hinunter, dann geht es durch die an Apfel- und Aprikosenbäumen reichen Felder und Gärten von Saspul. Der Indus ist zwischen gewaltigen, wohl 500 Meter hohen Terrassen eingeschlossen, der Weg läuft auf dem rechten Ufer, und die Bilder, die sich nacheinander entrollen, sind großartig; es ist ein wahrer Kunstgenuß, die Meisterwerke zu betrachten, die die Erosionskraft des Wassers hervorgebracht hat. Bald fließt der Indus langsam und ruhig und ist dann breit und tief, bald verengt sich das Bett, und der Fluß bildet schäumende Stromschnellen und wälzt sich mit betäubendem Getöse über abgestürzte Steinblöcke. Gelegentlich ist der Fluß auch zugefroren, und die natürlichen Brücken werden dann von den Eingeborenen benutzt. Schwindelnd hoch und schmal schlängelt sich der Pfad an dem launenhaften Relief der Bergseite hin; ja bisweilen ist er so schmal, daß man einem Entgegenkommenden nicht ohne Gefahr ausweichen könnte; unsere Kulis eilen dann bis zur nächsten Biegung und stoßen durchdringende Rufe aus, um den Weg freizuhalten.

Bei Kalatschi lassen wir das Industal rechts von uns liegen. Wir dringen gleichsam in die dunkeln Säle des Gebirges ein. Der Pfad ist oft gefährlich, zieht sich bald auf der einen, bald auf der anderen Talseite hin und geht auf kleinen, schwankenden Holzbrücken über einen Fluß.

Hinter der Brücke von Sampa-nesrak entspringt eine Quellader aus der Felswand, und das von ihr gebildete Eis bedeckte den Weg wie eine flache Glocke. Hier glitt das eine Packpferd aus und wäre den Berg hinuntergerollt, wenn ich es nicht in demselben Moment, als es über den Wegrand rutschte, am Schwanze gepackt und festgehalten hätte, bis die anderen zu Hilfe kamen.

Das Lamakloster Lamajuru hat eine höchst eigentümliche, malerische Lage; es ist auf dem Gipfel einer von tiefen Furchen durchschnittenen Geröllterrasse erbaut; es kann nur eine Frage der Zeit sein, wann es in die Tiefe stürzen wird, wo, wie stets in Tempelnähe, eine unzählige Menge Votivdenkmäler (Tschorten) errichtet sind.

Am 4. Januar hatten wir über die beiden Pässe Fotu-la (4100 Meter) und Namika-la (3965 Meter) zu reiten, ehe wir in dunkler Nacht Dorf und Bungalow Mullbeh erreichten. Unser Einzug in diesen kleinen Ort war ziemlich phantastisch. Eine ganze Reihe von Fackelträgern zog vor uns her, und von ihren brennenden Fackeln sprühten die Funken kometenschweifartig, und die Aprikosenbäume streckten ihre feuerroten Zweige zum pechschwarzen Himmel auf.

In Kargil, wo wir es mit einem neuen liebenswürdigen, freundlichen Täsildar zu tun hatten, war ich erstaunt, von etwa vierzig festlich gekleideten jungen Mädchen bewillkommnet zu werden. Jede trug eine Schüssel mit etwas Eßbarem; es ist dortzulande Brauch, daß der Fremdling jede Schüssel anrührt — und dabei, wenn er will, einige Silberannas in das Essen legt. Durch ein Telegramm erfuhren wir, daß der Paß Sodschi-la jetzt nicht für gefährlich galt. In Leh hatte man mir gesagt, daß er den Winter hindurch beinahe stets unpassierbar sei und ich wahrscheinlich davor würde umkehren müssen. Diesen Winter aber war der Schneeniedergang außergewöhnlich gering, und durch den Telegraphendraht, der über den Paß läuft, konnten wir an mehreren Punkten Auskunft erhalten. Von Kargil nahmen wir einen Ladaki namens Abdullah mit, der die Turki- oder, wie man hier sagt, Jarkendisprache beherrschte und ein außerordentlich zuverlässiger Führer war. In dem Dorfe Dras bekamen wir etwa fünfzig Kulis, die den schmalen, eisbedeckten Weg mit Brechstangen und Spaten verbessern sollten. Das Stationshaus Mattschui liegt ganz in der Nähe des Passes, — ein Segen für diejenigen, die eingeschneit werden. Dies passierte vor einigen Jahren, als das Haus noch nicht erbaut war, dem früheren Wesir Wesarat von Ladak. Er mußte mit einer großen Anzahl Kulis zwei Monate dort bleiben und wäre vor Hunger beinahe umgekommen. Er hatte sich durch Erpressungen verhaßt gemacht, und die Bevölkerung auf beiden Seiten des Passes freute sich darüber, daß er für eine Weile festsaß.

Am 9. Januar gingen wir über den Sodschi-la, den schlimmsten Paß, den ich je kennen gelernt habe, obgleich seine Höhe nur 3500 Meter beträgt, er also 2000 Meter niedriger ist als die tibetischen Pässe, mit denen wir zu tun gehabt haben. In Mattschui ließen wir unsere Pferde zurück und gingen zu Fuß in dem Schnee, der nach der −22 Grad kalten Nacht munter knarrte. Die Ladakis banden uns eine Art weicher Schneeschuhe an die Stiefel, damit wir nicht ausgleiten sollten. So stapften wir in ihren Spuren nach der außerordentlich flachen, beinahe unmerklichen Paßschwelle. Nicht weit hinter dieser geht es jedoch kopfüber einen jähen Abhang in Hunderten von Zickzackbiegungen nach dem Stationshause Baltal hinunter. Da heißt es aufpassen und nicht das Gleichgewicht verlieren, — ein einziger Fehltritt, und man würde in die Tiefe stürzen und dort zerschmettert werden. Der Schnee ist in der Sonne aufgetaut und dann wieder gefroren, so daß er eine gefährliche Eisstraße bildete, in die unsere Kulis Kerben schlugen. Der Paß Sodschi-la ist eine wichtige orographische und klimatische Grenzschranke zwischen Tibet und Kaschmir. Steht man auf seiner Schwelle, so hat man das Tal von Baltal unter sich und freut sich, den dunkeln Nadelholzwald zu sehen und sein geheimnisvolles, nordisches Rauschen zu hören.