Hier ist nicht der Ort, diese merkwürdige Linie in ihren Einzelheiten zu analysieren. Ich will nur daran erinnern, daß, obgleich der Ausgangspunkt wie der Endpunkt willkürlich waren, die Linie selbst doch ihre unanfechtbare Beweiskraft behält. Der Ausgangspunkt wurde zufällig von unserem Lager in Lôu-lan gewählt, der Endpunkt am Spiegel des Kara-koschun, der veränderlich ist; der See war in dieser Jahreszeit ansehnlich gefallen. Wenn das Wasser der Eisschmelze hierher gelangt, steigt er wieder und dann verringert sich der Höhenunterschied noch mehr. Damit jedoch eine solche Linie vollen Wert habe, ist erforderlich, daß man nach dem Ausgangspunkte zurückkehrt und eine Kontrolle der Ablesungen erhält, deren Summe ±0 sein soll. Entsteht ein Fehler, so kann er auf die ganze Linie verteilt werden. Aber die Zeit erlaubte mir nicht umzukehren, und die Jahreszeit war auch schon zu weit vorgeschritten. Ihren Hauptzweck hatte auch die einfache Nivellierungslinie erfüllt, indem sie das Vorhandensein einer Depression bewiesen hatte.
Ganz passend für uns erhob sich der vierte Sandsturm des Frühlings am Abend. Wäre er um die Mittagszeit gekommen, so wären wir gezwungen gewesen, die Arbeit zu unterbrechen und in der Nähe des Sees zu bleiben und zu warten — und das wäre ein langes Warten geworden. Denn während der beiden Tage und drei Nächte, die wir am Ufer lagerten, ging ein heftiger Wind; die Luft war so dick wie trübes Wasser, und der Sand regnete in meine Jurte.
Es reute mich, daß ich Chodai Kullu hatte gehen lassen; wir vermuteten aber, daß er die Nacht irgendwo untergekrochen sein würde. Das Einzige, was er bei sich hatte, waren Streichhölzer zum Anzünden von Signalfeuern, aber so wie das Wetter jetzt war, hätte man ein Feuer keine 200 Meter weit sehen können. An einem Punkte am Strande, wo altes, welkes Schilf von den Stürmen nach Südwesten niedergebrochen war, steckten wir dieses in Brand. Der dicke Rauch würde vielleicht nach dem Lager der Entsatzkarawane hintreiben und unsere Ankunft signalisieren.
Als Chodai Kullu auch am zweiten Tage nichts von sich hören ließ, wurden wir unruhig. Hier war entschieden irgendetwas nicht in Ordnung. Vergebens spähten wir am Strande umher; aber keine anderen Erscheinungen als unsere eigenen Kamele tauchten aus dem Nebel auf. Wir konnten nicht lange so untätig liegen bleiben. Glücklicherweise schoß Schagdur fünf Enten, die sofort am Feuer gebraten und verzehrt wurden, obwohl sie stark mit Flugsand gepfeffert waren.
Am allermeisten plagte mich die Sehnsucht nach der Post, denn auch sie mußte sich in Tokta Ahuns Lager befinden. Der Tag war endlos lang, und kein Kundschafter ließ sich blicken. Die Lage wurde nicht angenehmer durch den ewig umherwirbelnden Flugsand, der gegen die Jurte klatschte wie feiner Staubregen gegen eine Kutsche.
Auch am 19. März verhinderte mich der Sturm, eine wünschenswerte Breitenbestimmung zu machen. Wie schon erwähnt, haben wir keinen Reis mehr, und wir sind fürchterlich hungrig — so schlecht hatte ich es seit den Takla-makan-Tagen im Jahre 1895 nicht mehr gehabt.
194. Auf dem Wege nach Altimisch-bulak. ([S. 32].)
195. Das angeschossene Kamelweibchen. ([S. 32].)