Enten streiften in Menge umher, aber ihre Bahnen waren merkwürdig unregelmäßig. Bald flogen sie nach Süden, bald nach Norden, bald kamen sie von Südwesten, um sich nach Südosten zu begeben, nachdem sie über uns einen Kreis beschrieben, als machten sie nur einen Ausflug oder eine Rekognoszierung. Was bezwecken sie damit? Sind sie Herolde oder Kundschafter, die ausgeschickt werden, um zu sehen, ob sich im Norden neue Seen gebildet haben? Ahnen sie am Ende, daß der Lop-nor im Begriffe steht, sein Bett wieder zu verlegen? Sie haben sicher gemerkt, daß es im Kara-koschun zu eng und die offenen Wasserflächen immer seltener werden.
Die Berechnung der heutigen Nivellierung ergab einen Fall von 2,172 Meter auf eine Strecke von 16000 Meter. Wir hatten also offenbar Fühlung mit dem Becken des Kara-koschun, der südlichen Depression der Lopwüste.
Der 17. März wurde für uns ein Freudentag. Die Entfernung bis nach dem See konnte nicht mehr groß sein, erschien uns aber endlos, weil keine Anzeichen seine Nähe verkündeten. Die Zahlenreihen vergrößerten sich langsam, und wir alle waren müde, was kein Wunder ist, wenn man sich nicht satt essen kann.
Dann aber zeigten sich im Süden verschiedene Entenscharen, die zwischen Osten und Westen kreisten, ja sogar einige Falken. Als die Latte zum siebzehnten Male auf einer Sanddüne aufgerichtet wurde, blieben die Männer stehen, zeigten nach Süden und riefen: „Wasser, Wasser auf allen Seiten!“ Wir waren dem See so nahe, daß schon beim neunzehnten Male die Latte unmittelbar am Wasserrande aufgestellt werden konnte.
So standen wir denn schließlich, wie aus den Wolken gefallen, am Endpunkte dieser ermüdenden, Geduld erfordernden, aber bedeutungsvollen Nivellierarbeit. Es war ein unbeschreiblich schönes und herrliches Gefühl, denn jetzt konnten wir ein neues Kapitel beginnen und neuen Schicksalen entgegengehen!
Wie war das Nordufer des Kara-koschun hier unähnlich dem Punkte, an dem wir es im vorigen Jahre erreicht hatten. Der Strand war vollständig kahl und öde und wurde von einem sehr unbedeutenden Sandgürtel begleitet. Frei und offen lag der Wasserspiegel da. Das Wasser war merklich salzhaltig, aber jedenfalls besser als die faulige Suppe, die wir in unseren Ziegenschläuchen hatten.
Das Lager wurde unmittelbar am Ufer aufgeschlagen. Die Kamele warfen einen ruhigen, forschenden Blick auf das Wasser. Es war eine kalte öde Landschaft, jedoch verglichen mit den sterilen Gegenden, die wir eben durchzogen hatten, war sie ein Paradies.
Sobald wir die Nivellierungsinstrumente aus der Hand gelegt hatten, erhielt Chodai Kullu Befehl, nach Südwesten aufzubrechen und, ohne zu rasten, Tag und Nacht zu gehen, bis er Tokta Ahuns Entsatzkarawane, die nicht weit entfernt sein konnte, fände. Daß sie hier nicht hatte vorbei- und nach Nordosten weitergezogen sein können, war ersichtlich, da sich im Erdboden nicht die geringste menschliche Spur zeigte. Der Kundschafter verschwand in dem dichten Nebel; er hatte keinen Proviant mit, aber an Wasser brauchte er keinen Mangel zu leiden. Wir sollten warten, wo wir waren.
Jetzt begann wieder das Leben à la Robinson Crusoe. Unser erster Gedanke war, uns etwas Eßbares zu verschaffen. Schagdur zog mit der Schrotflinte aus und kam mit zwei fetten Enten wieder, die wir brüderlich teilten. Kutschuk wollte nicht hinter ihm zurückstehen; er wollte sein Glück im See versuchen. Ein improvisiertes Boot wurde hergestellt, — es war nicht das erstemal, daß ich mich als Schiffsbaumeister versuchte. Den Hauptbestandteil bildete meine wasserdichte Instrumentkiste. An ihren Langseiten wurden die Hälften der jetzt überflüssig gewordenen Nivellierlatte und an diesen die leeren Schläuche festgebunden. In diesem etwas unbequemen Fahrzeuge, das mit einem Spaten gerudert wurde, navigierte Kutschuk auf den flachen Sümpfen. Fische sah er jedoch nicht. Das Wasser war zu salzig, und es fehlte dem See an Vegetation.
Unterdessen rechnete ich das Resultat des Nivellements aus. Wir waren noch 55 Zentimeter gefallen. Es stellte sich demnach heraus, daß das Nordufer des Kara-koschun 2,272 Meter unter dem Ausgangspunkt in Lôu-lan liegt; im ganzen hatte der Fall kaum 2⅓ Meter auf 81,6 Kilometer betragen. Ich hatte nicht nur bewiesen, daß infolge des Reliefs des Landes ein See im nördlichen Teile der Lopwüste existiert haben kann, sondern auch, daß ein solcher dort tatsächlich sein Bett gehabt hat.