Sechs Tage durfte ich mich im Hauptquartier in Temirlik ausruhen, wo die Eisberge um die Quellen herum beständig größer wurden und die Kälte bis auf −27 Grad sank. Von wirklicher Ruhe konnte freilich keine Rede sein, denn ich hatte tausend Dinge zu besorgen. Noch einmal wurde an diesem wichtigen Kontrollpunkte eine vollständige astronomische Beobachtungsreihe ausgeführt, die zuletzt aufgenommenen Platten wurden entwickelt, eine neue Post nach Kaschgar geordnet und alle Abrechnungen für die Karawane, die Verproviantierung und die Lohnzahlungen besorgt.

Ein Andischaner Kaufmann, der aus eigenem Antrieb in mein Lager gekommen war, um dort Geschäfte zu machen, starb an der gewöhnlichen schweren Bergkrankheit und wurde mit den üblichen Zeremonien begraben. An einem sonnigen Tage wurde der kranke Togdasin ins Freie gebracht, und alle Muselmänner sammelten sich um ihn, um durch allerlei Gebetformeln sein Übel zu verjagen; dabei opferten sie Allah auch einen Bock.

Viele Zeit verschlangen alle die Vorbereitungen zur bevorstehenden Expedition durch die östlichen Wüsten. Der Proviant, der nach meiner Berechnung für eine Reise von gegen 2000 Kilometer nötig war, wurde beiseite gestellt und in Kisten und Säcken auf den Sattelleitern der Kamele festgebunden. Meine kleine Jurte wurde gründlich repariert, die Kuppel mit rotem Filz und der Zylinder mit weißem bekleidet, so daß das Ganze aus der Ferne wie eine dänische Flagge aussah. Tscherdon erhielt gründlichen Unterricht in meteorologischer Beobachtungskunst, womit er schon auf dem Ausfluge nach dem Kum-köll hatte beginnen müssen. Er sollte während meiner Abwesenheit die Ablesungen besorgen und den Barographen und Thermographen im Gang halten.

Zurückgelassen wurden nur Tscherdon, Islam Bai, Turdu Bai und Ali Ahun; aber fünf Mann von den Jägern und Goldgräbern wurden angestellt, um ihnen bei dem Umzuge nach Tscharchlik zu helfen, wo der Amban und seine eingeborenen Beke versprochen hatten, sich ihrer anzunehmen. Dort hatten sie übrigens nichts weiter zu tun, als unsere Rückkehr abzuwarten, meine kostbaren Kisten und Aufzeichnungen zu hüten und die Tiere zu pflegen, damit diese in gutem Zustande wären, wenn ich im Frühling wiederkam. Islam sollte auch dafür sorgen, daß von Abdall aus zwei Kähne mit Rudern und Fischnetzen rechtzeitig nach dem zu den Kara-koschun-Sümpfen gehörenden See Tschöll-köll gebracht würden. Da wo sie untergebracht würden, sollte auf einer Düne ein weithin sichtbares Nischan (Wahrzeichen) errichtet werden, damit wir die Kähne finden könnten. Ich sah nämlich ein, daß es uns nicht möglich sein würde, jene Gewässer noch vor dem Schmelzen des Eises zu erreichen.

Die neue Expedition war folgendermaßen zusammengesetzt: der Kosak Schagdur, die Muselmänner Faisullah (Karawan-baschi), Tokta Ahun und Mollah aus Abdall (Führer nach Anambar-ula), Kutschuk, Chodai Kullu, Chodai Värdi, Ahmed und der kürzlich ausfindig gemachte Jäger Tokta Ahun, der, um Verwechslungen mit seinem Namensbruder vorzubeugen, Li Loje genannt wurde; er sprach chinesisch und mongolisch, hatte in Bokalik Pferde gestohlen und war ein bißchen verrückt. Elf Kamele trugen das Gepäck, und elf Pferde wurden zum Reiten benutzt; wir hatten also nur ein Reservepferd, beabsichtigten aber, falls es nötig sein sollte, bei den Mongolen neue Pferde zu kaufen. Drei Hunde, Jolldasch, Malenki und Maltschik, sollten uns begleiten. Da es meine Absicht war, den Gas-See auszuloten, mußte Turdu Bai ein paar Tage mit dem Boote mitkommen. Er wünschte die ganze Reise mitzumachen, bedurfte aber nach den Mühen, die er ausgestanden hatte, der Ruhe.

So brach denn der ersehnte Aufbruchstag, der 12. Dezember, an, und wir sollten Temirlik endgültig verlassen. Ich wurde geweckt, als es noch dunkel war; die Männer trieben die Pferde an, und die Kamele standen gebunden neben den ihrer wartenden Lasten. Der Tag graute; es wurde klar und hell, die Luft war still, der Himmel rein, und richtiges Frühlingswetter herrschte, als wir aufbrachen. Alle Kamele waren gleichmäßig beladen, aber die Lasten konnten mit Leichtigkeit so verteilt werden, daß einige Tiere für den Eistransport frei blieben ([Abb. 168], [169]).

Alle machte die jetzt bevorstehende Reise froh und angeregt. Ich selbst sehnte mich nach den Annehmlichkeiten des Wüstenlebens. Hagelstürme und Schneetreiben hatten wir dort nicht zu fürchten. Kälte erwartete uns freilich, da jetzt Mittwinter bevorstand, aber es würde eine trockene Kälte sein, die sich mit Brennholz mildern läßt. Schön war es auch, drei volle Wintermonate vor sich und demnach die Aussicht zu haben, daß die meisten Probleme der Exkursion gelöst sein würden, wenn die warmen Frühlingstage kamen. Wir waren aber auch darauf vorbereitet, daß sich die Arbeiten noch auf die wärmere Jahreszeit erstrecken könnten, und hatten deshalb leichte Sommerkleidung mitgenommen. Mein eigenes Gepäck umfaßte drei große Kisten mit Instrumenten, Büchern, Karten, Platten, Tage- und Marschroutenbüchern, Tabak, Kleidungsstücken, chinesischem Silbergelde usw.

Nach freundlichem Abschied von den Zurückbleibenden und dem armen Togdasin kommandierte ich „Marsch“, und nun läuteten die Karawanenglocken der langen, dunkeln Reihe der Kamele, die jetzt in königlicher Haltung von Sum-tun-buluk fortzogen, den „300 Quellen“, wie Temirlik von den Mongolen mit zwei tibetischen und einem mongolischen Worte genannt wird. Alle Kamele, sogar unser einziges Dromedar, das ein boshaftes Vieh war, betrugen sich gut. Der Gischt umgab die Lippen des Dromedars wie Seifenschaum und tropfte überall auf seinem Wege in großen Flocken auf die Erde. Daß es sich im ganzen dennoch manierlich betrug, war nicht sein eigenes Verdienst; hätte es nur gekonnt, so würde es schon Unfug angestiftet haben. Sein eines Vorderbein war am Packsattel festgebunden, so daß es, ohne im geringsten im Gehen gehindert zu sein, doch nicht laufen konnte. Mit dem unmittelbar vor ihm gehenden Kamel war es mittelst eines Strickes und einer Kette verbunden und konnte seine Nachbarn nicht beunruhigen, und sein Maul steckte in einer Halfter, die ihm nicht erlaubte, zu beißen. Prächtig sah er aus, dieser Veteran von Kaschgar, mit seinen funkelnden, wilden, kohlschwarzen Augen, die er, wenn er schlechter Laune war, manchmal so verdrehte, daß nur das Weiße zu sehen war.

Die Karawane als Ganzes betrachtet hatte sich gründlich ausgeruht und war in bestem Zustand; einige Kamele hatten nicht einmal Lasten getragen, seit sie vor mehr als einem Jahre nach Jangi-köll gekommen waren. Jetzt steckten sie auch in ihren Winterpelzen, wahren Dickichten von Wolle. Zwei der ruhigsten, größten Tiere trugen mein persönliches Gepäck; im übrigen hatten Mehl, Reis, Mais und Talkan (geröstetes Mehl) das größte Gewicht; aber die Vorräte verminderten sich täglich, und wenn wir die Gegenden erreichten, wo Eis und Brennholz mitgenommen werden mußten, würde schon Platz dafür frei sein.

Von Faisullah geführt und von seiner Reiterwache eskortiert, schritten die Kamele mit großen Schritten rüstig vorwärts.