Das Programm für die Wanderung, die auf diese Weise begann, war folgendes: Ich wollte über den Astin-tag und an ihm entlang ziehen, um seine orographische Struktur klarzulegen. Der Weg führte also nordostwärts nach einer Gegend, welche die Mongolen, die sich dort aufzuhalten pflegen, Anambar-ula (mit der Genetivendung Anambaruin), die Muselmänner aber Chan-ambal nennen; das letztere Wort ist eine Korruption des ersteren. Wir hatten 400 Kilometer dorthin, und von dort sollte es erst nach Norden durch einen unbekannten Teil der Gobiwüste und dann nach den nördlich davon gelegenen Bergketten hinaufgehen. Darauf wollten wir nach Westen ziehen und versuchen, nach der früher erwähnten Quelle Altimisch-bulak und den Ruinen in der Wüste zu gelangen, und schließlich durch die Wüste nach Abdall und Tscharchlik, dem nächsten großen Sammelplatz, wandern.

Die Reise nach Anambar, die ich in Kürze beschreiben werde, erforderte 17 Marschtage. Die beiden ersten führten uns über steinhart gefrorene Sümpfe mit knisterndem Salz und kantigen Lehmschollen nach einer Quelle im Norden des Gas-Sees. Am 14. Dezember machte ich mit einer ganz kleinen Karawane eine Exkursion nach dem See, dessen Tiefen ich im Boote zu loten beabsichtigte. Mir war gesagt worden, er sei so salzig, daß er nie zufriere. Ein Kulanpfad zeigte uns den besten Weg nach dem Ufer, wo das Erdreich trotz der Kälte so weich war, daß die Pferde bis an die Knie in den Schlamm einsanken. Hier und dort lagen Eisschollen, die wir als Brücken benutzen konnten, doch oft waren sie so dünn, daß die Pferde durch sie durchtraten und fielen. Es war keine leichte Sache, diesen tückischen Strand zu erreichen; aber schließlich gelang es uns und wir lagerten an dem Punkte, wo die in einem Bette vereinigten Quellbäche des Tschimentales in den See münden. Hier gab es süßes Wasser nebst Kamisch an den Ufern, und Feuerung hatten wir selbst. In einiger Entfernung zeigten sich fünf Yake. Es sollte gerade Jagd auf sie gemacht werden, als Tokta Ahun merkte, daß der eine gefleckt war, es sich hier also um zahme Tiere handelte. Sie waren wahrscheinlich aus dem nächsten Mongolenlager durchgebrannt.

Aus der Seefahrt sollte jedoch nichts werden, denn soweit der Blick reichte, war der Spiegel des Sees mit einer Eisdecke überzogen. Da wir aber das Boot einmal mitgenommen hatten, sollte seine eine Hälfte wenigstens als Schlitten dienen. Sein Holzrahmen gab vorzügliche Kufen ab, und in dieser leichten Equipage wurde ich von Tokta Ahun und Chodai Kullu schnell und vergnügt über den See gezogen. Das Eis war ungleichmäßig, bald höckerig, bald mit einer dünnen Wasserschicht bedeckt, bald von Rissen durchfurcht. Der Schlitten hüpfte über alle Hindernisse hinweg, und ich glaubte, ich würde ein paar Lotungslinien über den ganzen See bekommen. Doch auf einmal fing die Eisdecke an zu knacken und in Wellenbewegung zu geraten. Tokta Ahun brach ein und hätte ein Bad genommen, wenn er sich nicht noch rechtzeitig an dem Boote gehalten hätte.

Nach einer ruhigen Nacht am Ufer dieses seichten Salzsumpfes kehrten wir am nächsten Tage wieder um und trafen die Karawane an den Quellen von Julgun-dung ([Abb. 170]).

Während des Rasttages, den wir hier zubrachten, schickte ich Tokta Ahun nach dem Akato-tag hinauf, um zu erforschen, ob das sich im Nordosten unseres Lagers öffnende Tal von der Karawane passiert werden könne. Er kam am Abend mit dem Bescheid zurück, daß das Tal nach einem Passe hinaufgehe, von dem auf der Nordseite der Kette ein ebensolches Tal nach den unmittelbar südlich vom Astin-tag liegenden Ebenen hinabführe, daß dieser Weg also vorzüglich sei.

So brauchten wir am 17. Dezember nur seiner Spur zu folgen. Die Nacht war bis jetzt die kälteste in diesem Winter gewesen, −29,6 Grad kalt. Turdu Bai kehrte mit dem Boote nach Temirlik zurück.

Wir lassen diesen kümmerlichen Vegetationsgürtel, der der „Tamariskenquelle“ (Julgun-dung) ihren Namen gegeben hat, hinter uns zurück; der langsam nach dem Gebirge ansteigende Boden ist unfruchtbar und mit Schutt bedeckt. Wieder treten wir in die stillen Bergsäle durch ein 100 Meter breites Tor ein, wo eine 2 Meter tief eingeschnittene Rinne das Wasser abfließen läßt, das gelegentlich einmal auf diese trockenen Höhen herabregnet. Den ganzen Tag führte der Talgrund langsam aufwärts; er war so eben wie eine Asphaltstraße, machte aber scharfe Biegungen, in denen ich selten längere Peilungen als drei Minuten in derselben Richtung machen konnte, bis ein neuer Vorsprung die Aussicht auf die nächste Talbiegung verdeckte.

Das Material, aus dem der Akato-tag in dieser Gegend aufgebaut ist, besteht ausschließlich aus feinem gelbem Ton, der so locker ist, daß man schon mit der Hand Stücke davon abbrechen kann. Das Regenwasser hat also bei der Ausarbeitung des Terrains in wilde, phantastische Formen keine Schwierigkeiten zu überwinden. Unzählige kleine Täler und Hohlwege münden auf beiden Seiten mit dunkeln, oft nur meterbreiten Toren und lotrechten Wänden in dieses Tal ein. Alles ist steril, kalt und trocken. Auch das Haupttal ([Abb. 171]), dem wir folgen, ist manchmal so eng, daß ein paar von den Männern sich an den vorspringenden Ecken aufstellen müssen, damit die Kamele mit ihren Lasten nicht dagegenprallen.

Dann und wann öffnet sich der seltsame Hohlweg vor uns zu einer phantastischen Perspektive mit lotrechten, ja bisweilen überhängenden Kulissen. Heruntergestürzte Blöcke in jeder nur denkbaren Gestalt, wie Würfel, Kugeln und Tetraeder, liegen als Warnungszeichen mitten im Tale. Andere sind sichtlich auf dem Sprunge, herunterzufallen; man begreift nicht, was sie noch festhält; ein Windstoß oder ein leichter Regen würde genügen, um sie ins Rutschen zu bringen. Wir sind ordentlich beruhigt, wenn der ganze Zug an derartigen gefährlichen Stellen glücklich vorbeigekommen ist. Pyramiden, Mauern und Türme von Ton, Terrassen, Korridore und Grotten folgen einander in endloser Reihe. Die Karawane zieht mitten auf dem ebenen gelben Tonboden des Tales, auf dem die Kamele, wenn er feucht wäre, wie auf Eis ausgleiten würden, wo sie jetzt aber sicher gehen, ohne mit ihren weichen Fußschwielen eine Spur zu hinterlassen.

Allmählich nehmen die relativen Höhen ab, und das Tal verliert seinen Hohlwegcharakter. Bis an den Paß kamen wir nicht, lagerten aber in seiner Nähe. Überzeugt, daß wir nie im Leben hierher zurückkehren würden, verließen wir am Morgen in aller Frühe diesen stillen öden Lagerplatz. Tokta Ahun und noch einige waren vorausgegangen, um einen steilen, mühsam zu erklimmenden Abhang an der eigentlichen Paßschwelle mit Spaten zu bearbeiten ([Abb. 172]). Es wunderte mich, daß sie, statt in dem nach Norden führenden Haupttale hinaufzugehen, nach Osten in ein Seitental abgebogen waren, welches so schmal war, daß man an den Kamelen, wenn sie in den Biegungen warteten, nicht vorbeikommen konnte. Nun, der Führer würde wohl Bescheid wissen. Bald darauf befanden wir uns unter dem steilen Abhange des Passes, der schwierig aussah und auf dem die Spaten unter aufwirbelnden Staubwolken in voller Tätigkeit waren.