Jetzt mußte das erste Kamel heran, das sich mit einigen mühsamen Rucken hinaufarbeitete. Alle Männer schoben von hinten nach und stützten die Lasten. Einige Tiere fielen und mußten abgeladen werden, worauf ihre Lasten hinaufgetragen wurden. Das Kamel, das den viel Platz einnehmenden Holzvorrat trug, hatte es am schlimmsten, aber es machte seine Sache bis auf einen kleinen Kniefall gut.
Von dem Passe (3466 Meter) ging es nach Südosten, was mir sofort verdächtig vorkam; aber der Weg war ja rekognosziert, und Tokta Ahun stand dafür ein, daß das hinabgehende Tal, ebenfalls ein Hohlweg, bald nach Osten und Nordosten umbiegen und auf offenes Terrain führen würde. In den überraschendsten Zickzackbiegungen schlängelte es sich nach tiefer liegenden Gegenden hinunter.
Nur eine schwierige Passage erwarte uns noch, hieß es. Hier war das Tal wirklich so tief und eng, daß kaum ein Fußgänger sich hindurchzwängen konnte. Doch über die Halden auf der rechten Seite konnten wir die Kamele vorbeiführen.
Eine Strecke weiter machte jedoch der Zug Halt, und die Männer eilten an die Spitze. Der Korridor war hier so schmal, daß die Lasten auf beiden Seiten anstießen und die Kamele erst weiter konnten, nachdem die Wände mit Äxten bearbeitet worden waren. Unterdessen ging ich voraus und gelangte an eine Stelle, die noch schwieriger war. Der Hohlweg hatte sich wie eine schmale Rinne unter den Tonwänden der linken Talseite, die überhängende, gefährliche, zerrissene Gewölbe bildeten, eingeschnitten. Oberhalb des tiefen Grundes der Rinne gab es keinen Weg; wir mußten es dort unten versuchen. Doch gerade an dem schmalsten Punkte hatte kürzlich ein Bergrutsch stattgefunden. Gewaltige Blöcke und Tonstücke füllten die Passage aus und sperrten den Weg. Einige von ihnen konnten wir mit vereinten Kräften unter das Gewölbe rollen, und diejenigen, welche gar zu groß waren, wurden mit Spaten und Beilen zerstückelt. Die Seitenwände wurden erweitert, über die liegengebliebenen Bruchstücke bahnten die Pferde einen Weg, und die Kamele wurden vorsichtig und einzeln durch dieses Loch geführt, in welchem die Karawane im Falle eines neuen Bergrutsches lebendig begraben worden wäre. Am schwersten hatte es wie gewöhnlich das Brennholzkamel. Es blieb mitten im Loche stecken und machte eine so verzweifelte Anstrengung loszukommen, daß die Holzlast unter Lärm und Gepolter herunterfiel und ein paar Tonblöcke von den Wänden herabstürzten. Es sah unheimlich aus, als die ganze Gesellschaft in einer undurchdringlichen Staubwolke verschwand, und man konnte einen verhängnisvollen Bergrutsch befürchten.
Tokta Ahun machte ein klägliches Gesicht und gestand ein, daß er nicht bis an das Ende dieses heimtückischen Hohlweges geritten sei. Er war sehr niedergeschlagen, denn er pflegte darin sonst sehr gewissenhaft zu sein und völlig korrekte Auskunft zu geben.
Ich habe nie eine so eigentümliche Talform gesehen. Eigentlich sind es zwei Täler oder ein Tal mit zwei Stockwerken ([Abb. 173]). Das untere Stockwerk ist, von dem Boden des oberen gerechnet, 10 Meter tief und lotrecht eingesägt. Hierdurch entstehen auf den Seiten des unteren Tals Terrassen, die jedoch absolut unpassierbar sind. Auch das obere Tal wird nachher so eng, daß beide in ein tief in das Tonlager eingesägtes Tal verschmelzen, wo Dämmerung herrscht und man immerwährend in Gefahr schwebt, durch abstürzende Blöcke von ungeheuren Dimensionen erschlagen zu werden.
Wir schreiten mit unaufhörlichen Unterbrechungen vorwärts; bald müssen vorspringende Ecken weggehauen, bald hindernde Tonmassen aus dem Wege geräumt werden. Noch einige Schritte, und die Karawane macht Halt. Tokta Ahun meldet, daß das Tal gesperrt sei. Von den mehrere hundert Meter hohen Bergen auf beiden Seiten hatte ein Rutsch stattgefunden, der das Tal verstopfte. Doch temporäre Bächlein hatten sich unter dem herabgestürzten Material einen Durchgang gegraben, der einem Gletschertore glich; auf seiner Deckenwölbung würden wir wohl, falls sie nicht unter dem Gewichte der Kamele einstürzte, weiterziehen können.
Ich zog es jedoch vor, selbst zu rekognoszieren, bevor der Versuch gewagt wurde. Unweit dieser gefährlichen Brücke verschmälerte sich das Tal noch mehr und ging in eine zwei Fuß breite Spalte von 15 Meter Tiefe über. Schließlich wurde diese dunkel; heruntergefallene Blöcke bildeten ein Dach; der Abflußkanal des Wassers war hier unterirdisch und ähnelte einem steilen, gewundenen Grottengange, in welchem kaum eine Katze ihren Weg hätte finden können ([Abb. 174], [175]).
Jetzt war es klar: wir mußten umkehren. Die Karawane stand so zwischen den Tonwänden des Korridors eingeklemmt, daß das letzte Kamel rückwärtsgehen mußte, ehe Raum genug vorhanden war, daß es sich umdrehen konnte; ebenso wurde der Reihe nach mit den anderen verfahren. In der Dunkelheit ließen wir uns in einer kleinen Erweiterung nieder, wo man nicht vor gefährlichen Bergstürzen Angst zu haben brauchte. Die Tiere mußten fasten und dursten. Wie war diese seltsame Gegend finster, unheimlich und still! Dann und wann erklingt das schrille Läuten der Kamelglocken, wenn die Tiere den Kopf bewegen. Die Männer halten am Feuer Rat, und das Echo vervielfältigt ihre Stimmen; es klingt, als unterhalte man sich in einem Säulengange oder in einem Königssaale.
Es ist nicht angenehm, auf demselben Wege zurückzukehren, am allerwenigsten in einer Rinne, wo Tausende von Tonblöcken wie an einem Haare über unseren Köpfen hängen und die Kamele wie Käfer zu zerquetschen drohen. Hätte es in der Nacht einen größeren Bergsturz gegeben, so waren wir wie in einer Mausefalle gefangen gewesen.